Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Horror-Trip in die Unterwelt: "Aus einem Totenhaus" in Frankfurt | BR24

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Vor der Amputation?

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Bildergalerie

Horror-Trip in die Unterwelt: "Aus einem Totenhaus" in Frankfurt

Der große Pessimist Leoš Janáček vertonte 1928 Dostojewskis autobiografische "Aufzeichnungen" aus einem sibirischen Straflager. In Frankfurt wurde daraus eine erschütternde Höllenfahrt, inspiriert von Dantes Inferno. Nachtkritik von Peter Jungblut.

Per Mail sharen
Teilen

Unschuldige haben den großen Dichter Fjodor Dostojewski nie interessiert, und deshalb gibt es in seinen "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus", einem sibirischen Straflager, in dem er selbst vier Jahre abgesessen hat, auch keine Justizopfer, sondern nur Mörder, Räuber und Hochverräter. Sie haben ihre Ehefrau totgeschlagen, ihren Nebenbuhler erschossen, ihren Vorgesetzten abgestochen, eine Rebellion angezettelt. Ist da etwa Mitleid angebracht? Oder nicht eher distanzierte Trauer über diese verpfuschten, kaputten Leben, die mit blutiger Schuld zurechtkommen müssen, niemals entlassen werden aus der Erinnerung an ihre Taten? Wo liegen die Grenzen der Menschlichkeit - oder gibt es keine?

Ausgerechnet an Ostern

Darum geht es im Kern in Leoš Janáčeks Oper nach Dostojewskis erschütterndem Tatsachen-Roman. Der tschechische Komponist starb 1928 über seiner Arbeit, diesem letzten, nicht von ungefähr abgrundtief düsteren Werk. Zeit seines Lebens war Janáček geradezu leidenschaftlicher, ziemlich unangenehmer Pessimist, einer, der die Nähe von Menschen scheute und sich einsam in der Natur am wohlsten fühlte. Rund neunzig pausenlose Minuten nimmt das "Totenhaus" in Anspruch, eine ergreifende Reise in die totale Hoffnungslosigkeit, die der deutsch-französische Regisseur David Hermann an der Oper Frankfurt ausgerechnet am Fest der Auferstehung, an Ostern, als Höllenfahrt zeigte, weil er sich nach eigener Aussage beim "Totenhaus" an Dantes Inferno erinnert fühlte.

Unter Aufsehern, Lagerärzten, Huren

Der junge Journalist Aleksandr Petrovič Gorjančikov und eine Kollegin recherchieren eine Story, offenbar eine staatsgefährdende, denn sie werden festgenommen, ins Straflager gezerrt, dort gefoltert und schikaniert. Gorjančikov durchschreitet alle Kreise dieser Unterwelt, sieht brutale Aufseher, sadistische Ärzte, die als erstes an Amputation denken, kaputte Huren und jede Menge redselige, aber nicht bußfertige Häftlinge. Ausstatter Johannes Schütz hatte sich wohl auch von den Höllenkreisen bei Dante inspirieren lassen und entsprechend viele kleine, verstörend unheilvolle, durchweg grau-schwarze Räume für die Drehbühne entworfen. Ein Stapel Stühle, die offensichtlich nicht mehr gebraucht werden, eine Krankenstation mit gruseligen Instrumenten, eine Pritsche, ein Tatort mit Leiche, ein verdächtig schattenhaftes Arztbüro. Der Weg zu all diesen Verdammten führt durch viele Türen, die mal aufgehen, mal verschlossen sind.

Niederschmetternde Intensität

Die Gefangenen tragen allesamt Kutten aus jeansartigem, derbem Stoff, nur der schwer verletzte Gorjančikov bringt seinen Leidensweg in Unterwäsche und mit dick verbundenen Händen hinter sich. Ergreifend eine Szene, in der er von seinen Mithäftlingen in einen Glaskasten gesperrt wird, aus dem kein Laut dringt - möge er noch so viel schreien und toben. Und weil die Oper Frankfurt Leoš Janáčeks Werk in einer erst letztes Jahr neu veröffentlichten Fassung letzter Hand präsentiert, also ohne den Weichzeichner späterer Bearbeitungen, ohne einen Hauch Zuversicht, ist der Gesamteindruck von niederschmetternder Intensität. Eine grandiose Inszenierung, die vom Engagement solcher Ausnahme-Sänger wie Johannes Martin Kränzle lebt, einem eminent spielfreudigen Bariton, der hier Siskov verkörpert, einen Mann, der aus Eifersucht zum Mörder wird.

Verzweiflung, Abgründe, Leere

Auch Tenor Vincent Wolfsteiner als rachedurstiger Arzt Filka Morozov, Bassbariton Gordon Bintner als intellektueller Aleksandr Petrovič Gorjančikov und Bariton Brandon Cedel als martialischer, gewaltgestählter Sträfling waren durchweg erschütternd glaubwürdige, alles andere als sympathische, aber radikale, faszinierende Charaktere. Viele weitere trugen zum Erfolg bei, darunter natürlich der ausnehmend bewegliche Chor. Der erstmals in Frankfurt beschäftigte italienische Dirigent Tito Ceccherini, leitete das Opern- und Museumsorchester geradezu ruppig, roh, unwirsch, was in diesem Fall als Lob zu verstehen ist. Immer wieder brach die Musik wie unvermittelt ab, als ob sie jemand stranguliert hätte. Hier geht es eben nicht in erster Linie um Wohlklang, Melodie oder Balance, sondern um Verzweiflung, Abgründe, auch Leere. Was für ein Fanal, dass Leoš Janáček über diesem Werk starb - wenige Jahre, bevor aus den Straflagern Vernichtungslager wurden.

Wieder am 8., 12., 15. und 21. April, weitere Termine

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Ohne Hoffnung: Journalisten in Gefahr

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Unter Männern: Gordon Bintner (li.) und Brandon Cedel (ganz re.)

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Am Ende: Siskov (Johannes Martin Kränzle)