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Wenn Sex-Sklaven träumen: "La fida ninfa" in Regensburg | BR24

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Selten genug werden Opern von Antonio Vivaldi aufgeführt. Dem Regensburger Theater glückte ein so bildstarker wie ergreifender Abend, der zeigte, dass Realitätsflucht im Barock genauso aktuell war wie heute. In Arkadien gibt es kein Happy End.

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Wenn Sex-Sklaven träumen: "La fida ninfa" in Regensburg

Selten genug werden Opern von Antonio Vivaldi aufgeführt. Dem Regensburger Theater glückte ein so sarkastischer wie ergreifender Abend, der zeigte, dass Realitätsflucht heute ebenso aktuell ist wie im Barock. In Arkadien gibt es kein Happy End.

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Nach eigener Aussage hat Antonio Vivaldi fast hundert Opern geschrieben, aber vermutlich ist er beim Zählen etwas durcheinander gekommen. Spötter werden jetzt vielleicht behaupten, weil sich bei Vivaldi ohnehin alles gleich anhört, komme es auf eine genaue Statistik gar nicht an. Und tatsächlich meinte es die Musikgeschichte nicht gut mit dem gebürtigen Venezianer. Zwar sind 22 Opern von ihm mehr oder weniger vollständig überliefert, aber kaum jemals wird eine aufgeführt.

Kein sentimentales Schäferspiel

Schade drum, denn das Theater Regensburg bewies, dass zumindest "Die treue Nymphe", "La fida ninfa", ein Spätwerk von 1732, auch heutige Zuschauer noch begeistern, ja erschüttern kann - jedenfalls dann, wenn das Werk so klug und mit Biss inszeniert wird wie vom Wiener Regisseur Johannes Pölzgutter und seinen Ausstattern Manuel Kolip und Janina Ammon (Kostüme). Natürlich zeigten die beiden kein sentimentales Schäferspiel, wie es im Barock üblich war, also keine hochadeligen Herrschaften, die im Karneval davon träumten, sich als Landeier zu verkleiden, sich ein paar hübsche Hirten und Nymphen zu schnappen und die höfische Etikette hinter sich zu lassen. Ringelreihen mit Anfassen sozusagen, und nur die antiken Götter sind Zeugen, nicht die aktuellen.

© Jochen Quast/Theater Regensburg

Mit Juno ins Paradies

Geschickt zitierte Pölzgutter dieses aus heutiger Sicht bizarre Vergnügen der Oberschicht von vorgestern und machte daraus eine sarkastische, also ziemlich bösartige Satire auf jede Art von Realitätsflucht. Der Traum von Arkadien, von der idealen Landschaft der Liebe und der Harmonie, in der Regensburger Inszenierung wird er zur beklemmenden Kerkerfantasie.

Bilderbuch zum Aufklappen

Vier Menschen finden sich in einem düsteren Verlies wieder, entführt von einem Gangsterboss, der sein Geld mit Drogenhandel verdient, aber seine Opfer auch als Sexsklaven vermietet. Er fackelt nicht lange, ist permanent schlecht gelaunt und schneidet Kumpanen ohne mit der Wimper zu zucken die Kehle durch. Flucht aussichtslos, und deshalb bleibt seinen Gefangenen nur der Traum, die Sehnsucht nach Freiheit. Ein Bilderbuch zum Aufklappen findet sich irgendwo unter dem Müll, es inspiriert die Verzweifelten, die sich nach der Pause tatsächlich in einer Märchenkulisse wiederfinden. Allerdings gibt es hier keine Farben, nur dürres Schwarz-weiß, und die Blumen, die Pilze, die Wolken und die Sonne scheinen dünn und anfällig wie Papier.

© Jochen Quast/Theater Regensburg

Gangsterboss kennt kein Mitleid

Selbstredend entfällt das glückliche Ende, das Vivaldi eigentlich komponiert hat: Zwar lässt sich Göttin Juno im Glitzerregen aus dem Himmel herab und Äolus, der Gott der Winde, sorgt für gutes Wetter, so dass die Flucht zu gelingen scheint, aber das alles bleibt reine Einbildung, ein trügerischer Notausgang der gepeinigten Seelen. Arkadien ist eben doch nur eine Fantasievorstellung, auch wenn es in Griechenland eine gleichnamige Landschaft gibt.

Trotz Düsternis wird gelacht

Tatsächlich verlässt keiner den Kerker, und der Bösewicht setzt seinen Opfern am Ende den Revolver an die Schläfe. Das ist eine jederzeit packende, ergreifende Deutung, das sind bildstarke Szenen, bei denen trotz aller Düsternis durchaus auch mal ironisch gelacht werden darf, allerdings stellt sich die Frage, ob Vivaldis Musik dieser zeitgemäßen Interpretation wirklich gewachsen ist.

© Jochen Quast/Theater Regensburg

Arkadien aus Papier

Besonders vor der Pause ergeht sich Vivaldi im ununterbrochenen, sehr getragenen Lamento, das fast etwas einschläfernd statt wie wohl beabsichtigt ergreifend und innig wirkt. Manches Vorurteil gegen Vivaldis Opern mag also zutreffen: Sonderlich effektvoll komponierte er nicht, da mischten andere wesentlich buntere Orchesterfarben, darüber konnte auch der sehr zurückhaltende Dirigent Tom Woods nicht hinwegtäuschen.

Faun auf wackligen Hufen

Gleichwohl zeigten sich die meisten Solisten in Hochform, allen voran die Mezzosopranistin Vera Semieniuk (Elpina) und die Sopranistin Sara-Maria Saalmann (Morasto), die beide den Saal rockten mit ihren Arien und ihrer schauspielerischen Glaubwürdigkeit. Ohne Chor und Ballett wurde dieser Vivaldi-Abend somit ein umjubelter Erfolg, woran die Statisten ihren Anteil hatten, waren sie doch als brutale Drogenbande ebenso authentisch wie als flötenspielender Faun auf wackligen Hufen. Und für Barockmusik ist der intime Saal des Regensburger Theaters ohnehin akustisch ideal.

Wieder am 28. Oktober, 1. und 9. November 2019 am Theater am Bismarckplatz in Regensburg, weitere Termine.

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