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Wenn Frau den Tiger stemmt: Christian Rösners Werke in Fürth | BR24

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Niedlich ist hier gar nichts, obwohl die Ausstellung "Armes Häschen, bist du krank" heißt. In der Kunstgalerie Fürth geht es um das Machtgefüge zwischen Tier und Mensch, aber auch zwischen Mann und Frau - thematisiert mit Motorsäge und viel Ironie.

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Wenn Frau den Tiger stemmt: Christian Rösners Werke in Fürth

Niedlich ist hier gar nichts, obwohl die Ausstellung "Armes Häschen, bist du krank" heißt. In der Kunstgalerie Fürth geht es um das Machtgefüge zwischen Tier und Mensch, aber auch zwischen Mann und Frau - thematisiert mit Motorsäge und viel Ironie.

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Ein Mann zappelt in der Luft, hochgestemmt von einer Frau - und als Werkzeug benutzt sie ausgerechnet sein hartes Geschlechtsteil. Vielleicht zieht sie es auch nur schmerzhaft in die Länge, so genau ist das nicht erkennbar, jedenfalls wird in dieser Bronze-Skulptur von einer Paarbeziehung erzählt, halb ironisch, halb brachial. Er fasst ihr an die Oberweite, sie wendet sich ab, gerät dabei aber fast ins Tänzeln, wirkt etwas kokett, kann sich offenkundig wehren.

Der Bamberger Bildhauer Christian Rösner nennt sein Werk aus dem Jahr 2017 eine "kleine Wortmeldung", deshalb habe er es auch nur im Miniaturformat ausgeführt: "Ich arbeite auch mit dem Thema Gewalt, aber ich will sie nicht plakativ ausstellen. Keiner der beiden erfährt Leid. Es ist mehr das männliche Verlangen, das mit einem Hebel weggedrückt wird, der in diesem Fall das männliche Genital ist."

Tiger aus dem Gleichgewicht

Auf einem riesenhaften Holzschnitt beschäftigt sich Rösner abermals mit Mann und Frau. In diesem Fall stapft ein Tiger gemächlich übers Gras, eine imposante Erscheinung, Sinnbild von Kraft, Unerschrockenheit, auch von Gefahr. Eine Frau hockt zwischen seinen Hinterpfoten, umfasst sie energisch, und hebt eines der beiden Beine ein paar Zentimeter an. Die Frau, so erklärt Christian Rösner, bekomme dadurch eine "führende Funktion", vielleicht bringt sie den Tiger sogar etwas aus dem Gleichgewicht.

© Kunstgalerie Fürth

Christian Rösner beim Aufbau der Ausstellung

Der Titel der aktuellen Ausstellung in der Kunstgalerie Fürth, "Armes Häschen, bist du krank", klingt zwar niedlich und putzig, es ist jedoch eine ziemlich handfeste Schau über das oft bittere Verhältnis von Mann und Frau, vor allem jedoch Mensch und Tier. Und da geht es ja gern um Macht und Ausbeutung. Themen, die den Künstler Christian Rösner interessieren: "Es geht nicht nur um Macht, sondern um vieles", sagt der Künstler: "Es geht ums Leben. Es geht um die Verhältnisse. Es gibt nicht den einen Inhalt."

Es ist natürlich tragisch

Gleichwohl zieht Rösner in der Fürther Ausstellung eine Verbindungslinie von der Corona-Krise zum seiner Meinung nach völlig unkontrollierten Fleischkonsum: "Das Tier ist für mich vielleicht auch ein Sinnbild für das, was verkehrt läuft auf der Welt und diese Krankheit, die uns jetzt gerade ereilt, die habe ich da so ein bisschen mit eingewoben, weil ich diesen aktuellen Bezug wollte, der für mein Thema eigentlich sehr bedeutend ist. Auch wenn es natürlich tragisch ist."

© Christian Rösner/Kunstgalerie Fürth

Holzschnitt "Tiger" (2019)

Drei Holzskulpturen zeigen Hasen - daher der Titel der Ausstellung. Sie wurden jeweils schwer verletzt, weil sie sich auf eine Leichtathletik-Kampfbahn verirrt haben. Der eine bekam einen Diskus ab, der andere wurde von einer Kugel durchstoßen, ein dritter hat einen Speer im Leib: "Ja, also diese ganze Konstellation ist schon so sarkastisch gewollt, dass das Tier im Prinzip bemitleidet werden darf in dieser Situation. Aber, wenn man das umkehrt, also zum Beispiel bedenkt, wie wir mit Tieren umgehen, wie wir ihr Fleisch konsumieren! Jeder weiß, was passiert, und jeder weiß auch, wie das Fleisch produziert wird. Aber wir essen trotzdem Fleisch von Tieren, die kein Leben hatten. Und mit diesen Holzskulpturen versuche ich eigentlich, eine gefühlsmäßige Anbindung zu schaffen, dass ich sage, diese Hasen sind zwar bemitleidenswert, aber eigentlich futtern und hauen wir uns jeden Tag auf den Grill irgendetwas, was eigentlich viel, viel bemitleidenswerter als diese fiktive Situation, die ich da geschaffen habe."

"Wir fressen, was wir fressen können"

Christian Rösner ist weder Vegetarier, noch Veganer, er plädiert mit seinen Arbeiten vielmehr für einen, wie er es nennt, "ordnungsgemäßen Umgang mit der Natur": "Ich habe schon einen ursprünglichen Zugang zum Tier. Ich versuche zum Beispiel, nur gejagtes Tier zu essen, wenn ich Tier esse." Wenn ein Tier schon zur Nahrungsaufnahme des Menschen sterben müsse, solle es davor wenigstens im eigentlichen Sinne gelebt haben: "Wir sind diejenigen, die gerade krank werden wie verrückt. Und da ist dieses Virus eigentlich so eine Umkehrung von dem Verhältnis, mit dem wir uns bisher immer der Welt gestellt haben. Wir beuten die Meere aus, wir fressen, was wir fressen können, und machen uns keine Gedanken darüber, dass wir immer breitere Autobahnen brauchen und immer mehr Flächen über verbraucht werden. Da steckt einfach in der Umkehrung, die uns durch dieses Virus passiert ist, viel Kraft drin. Da sind die Erkenntnisse verborgen, die diese Überheblichkeit des Menschen auf der Erde so ein bisschen in Frage stellen."

© Christian Rösner/Kunstgalerie Fürth

"Tiger", Holzskulptur, Ausschnitt

Am liebsten arbeitet Rösner mit der Motorsäge, die ihm "zugewachsen sei": "Schon als Kind habe ich mich mit Schnitzmesser am Holz abgearbeitet. Da sind viele Tierdarstellungen entstanden. Das ist dann während meiner Studienzeit erweitert worden um den Menschen und gleichzeitig mit dem Eintritt in die Akademie habe ich mir meine erste Motorsäge gekauft, die eigentlich ein Schnitzmesser in Groß ist. Letztlich ist es ein Werkzeug wie jedes andere. Aber mir ermöglicht die Motorsäge relativ zügiges Zugreifen auf die Form, die ich schon in der Zeichnung und in der kleinen Figur für mich geklärt habe. Diese Arbeitsweise mit diesem Werkzeug begünstigt meine Idee von Skulptur."

Christian Rösner "Armes Häschen, bist du krank", Noch bis 20. September 2020 in der Kunstgalerie Fürth.

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