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Wenn die Gottesanbeterin beißt: "Fieberhalle" in der Villa Stuck | BR24

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Acht Filme als Gesamtinstallation im Ateliergebäude der Villa Stuck: Das Künstlerduo Marc Weis und Martin De Mattia zeigt als "M+M" Arbeiten, die Grenzen überwinden wollen. Dabei nehmen sie Bezug auf so populäre Titel wie "Saturday Night Fever".

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Wenn die Gottesanbeterin beißt: "Fieberhalle" in der Villa Stuck

Acht Filme als Gesamtinstallation im Ateliergebäude der Villa Stuck: Das Künstlerduo Marc Weis und Martin De Mattia zeigt als "M+M" Arbeiten, die Grenzen überwinden wollen. Dabei nehmen sie Bezug auf so populäre Titel wie "Saturday Night Fever".

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Ein sonnendurchflutetes Zimmer, strahlend weiße Laken, Musik voller Sehnsucht. Er auf dem Bett, den Blick gerichtet auf sie, die nackte Blonde in Rückenansicht. In der Filmprojektion daneben der gleiche Raum und noch einmal er. Aber jetzt trifft sein Blick ein Kind, ein blondes Mädchen in Unterwäsche. Beiden erklärt er seine Liebe, synchron und doch leicht verzögert. Er: Mann, Liebhaber, Vater. Sie: Frau, Mädchen, Kind.

Atmosphären scharf stellen

Man kennt diese Bilder aus Luc Godards Film "Die Verachtung": Brigitte Bardot, die Kindfrau, fordert Michel Piccoli, den Ehemann, auf zum Liebesgeständnis. M+M re-inszenieren die Szene, überschreiben sie, spalten sie in eine Doppelprojektion auf, holen Konnotationen, die im Original schlummern, ans Licht und bringen sie zugleich neu, geradezu beunruhigend zum Schillern. Atmosphären scharf stellen, konkrete Bilder oszillieren lassen, so könnte man die widersprüchlichen und sich doch ergänzenden Strategien von M+M beschreiben.

© M+M, Mad Mieter, 2019, Filmstill/Villa Stuck

Tödliche Annäherung

Sie prägen den gesamten Filmzyklus "7 Tage", in dem das Godard-Video der "Sonntag" ist. Ein Liebes- und Familienidyll verstörend fragmentiert, das damit nur den Grundzustand des Protagonisten im ganzen Zyklus beschreibt: "Die Figur, die wir darstellen, gespielt von Christoph Luser, ist eigentlich ein Prisma von verschiedenen Identitäten. Es ist nicht mehr die geradlinige Figur, die sich nicht wandelt, sondern es ist ein – wie es in der Philosophie heißt – Nomaden-Ich. Also einer, der sich ständig verändert und verschiedene Positionen ausprobiert. Und auch abhängig von der gesellschaftlichen Konstellation natürlich sich unterschiedlich entwickelt, unterschiedlich sozialisiert ist. Diese Formen werden hier durchgespielt."

Botticellihafte Rothaarige

Acht Film-Installationen verteilt im Ateliergebäude der Villa Stuck sind es, in denen Christoph Luser, nebeneinander, dann wieder über Eck jeweils doppelt zu sehen ist. Als Besucher im Club, der von einer Frau und parallel von einem Mann angesprochen wird. Als Kunde beim Friseur, wie er rasiert wird von einer botticellihaften Rothaarigen, daneben vom blond-burschikosen Friseur. Oder als rachedurstiger Betrogener auf dem Weg zur Geliebten, der in der Synchronerzählung eher liebestrunken dem Wiedersehen mit der Freundin entgegen fährt.

© M+M, Samstag, 2012, Setfoto/Villa Stuck

Trance statt Rausch

Die filmischen Bezüge in diesen Sequenzen scheinen nur andeutungsweise durch: "Saturday Night Fever", "Der Mann der Friseuse", "Ein Mann und eine Frau". Bewegt man sich auf dem Baugerüst, das M+M in das Ateliergebäude bis unter das gläserne Dach gebaut haben, überlappen sich diese kurzen Erzählungen über Selbst- und Sinnsuche. Es entstehen immer neue Perspektiven auf die langen Kamerafahrten, die genau getakteten Schnitte und die präzise komponierten Nahaufnahmen, die immer auch dazu auffordern, sich dem Sog aus Doppelung und Abweichung hinzugeben. Die Zersplitterung der einzelnen Filmstationen spiegelt sich so in der räumlichen Gesamtordnung, ohne dass damit völliges Chaos entstünde.

Diese Fieberhalle erzeugt eher traumartige Trance denn rasenden Rausch. Und trotzdem, so Marc Weiss: "Im Endeffekt geht es um die Auflösung von Grenzziehungen. Sexuelle Orientierung, religiöse Orientierung, vielleicht auch der Zuneigung zwischen Frau und Kind. Also diese Grenzziehungen werden irgendwie in Unruhe versetzt. Die Klarheit, wie man normalerweise sagt, das Gefühl habe ich für die Person, das habe ich für jene, wird verunsichert. Und im Endeffekt wird die endgültige Grenzziehung ja aufgelöst im letzten Film."

Manches Delirium ist vorzuziehen

"Mad Mieter" heißt dieser abschließende 3D Film, extra für die Ausstellung produziert. Darin lassen M+M Natur und Kultur ineinander übergehen und zeigen die tödliche Annäherung zweier Gottesanbeterinnen in einer Gründerzeit-Puppenstube. Ein kafkaeskes Szenario, das mit den anderen Installationen eine cineastische Wunschmaschine in Gang setzt, die all die vielen Film-, Literatur- und Kunstreferenzen ebenso aufruft wie unsere ureigensten Ängste und Begierden. Ihren subversiven Charakter entfaltet diese Maschine eher zurückhaltend als plakativ. Wer aber einmal in sie eingetaucht ist, wird mit einer Gewissheit aus der Fieberhalle kommen: Manches Delirium ist der Gewissheit einfach vorzuziehen.

Bis 12. Januar 2020 in der Villa Stuck München, Prinzregentenstr. 60.

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