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Wenn die Böen nicht wären: Runderneuerung bei Festspielen in Erl | BR24

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Nach dem skandalumwitterten Abgang von Gustav Kuhn mussten die Tiroler Festspiele in dieser Saison künstlerisch neu starten. Das gelang mit der expressionistischen Walter-Braunfels-Oper "Die Vögel" nach Aristophanes. Doch die Zukunft bleibt heikel.

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Wenn die Böen nicht wären: Runderneuerung bei Festspielen in Erl

Nach dem skandalumwitterten Abgang von Gustav Kuhn mussten die Tiroler Festspiele in dieser Saison künstlerisch neu starten. Das gelang mit der expressionistischen Walter-Braunfels-Oper "Die Vögel" nach Aristophanes. Doch die Zukunft bleibt heikel.

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Es kann eigentlich nur noch aufwärts gehen bei den Tiroler Festspielen in Erl und es sieht ganz danach aus, dass künstlerisch tatsächlich ganz neue Akzente gesetzt werden. Das war auch höchste Zeit: Der verdienstvolle, aber eben auch hoch umstrittene Begründer und Dirigent Gustav Kuhn musste im vergangenen Jahr Knall auf Fall gehen. Es war von sexueller Belästigung, Jähzornigkeit und Selbstherrlichkeit die Rede, auch wenn es um Arbeitsverträge und die Abführung von Sozialabgaben ging. Und gerade pünktlich zum Beginn der aktuellen Sommersaison Anfang Juli kam eine Gleichbehandlungskommission im österreichischen Bundeskanzleramt zum Ergebnis, Kuhns, so der Bericht wörtlich, "Aussagen und Berührungen stellten eine der sexuellen Sphäre zugehörige Verhaltensweise dar, die die subjektiven Grenzen der betroffenen Frauen überschritten habe und unerwünscht gewesen sei“.

"Wie das Leben halt so spielt"

Kuhns Anwalt erkannte das Gutachten ausdrücklich nicht an und bezweifelte, ob es rechtsstaatlichen Grundsätzen entspreche. Dieser Streit verhagelte dem Übergangsintendanten Andreas Leisner gehörig den Neustart: "Es war eine Böe aus einer Richtung, die ich auf diesem Kurs gerade nicht wirklich gebraucht habe, aber man sucht sich das im Leben nicht aus. Hätte die Information noch drei Wochen gewartet, wäre es mir nicht schade drum gewesen, aber man geht damit um, wie das Leben halt so spielt."

© Xiomara Bender/Tiroler Festspiele Erl

Düstere Aussichten für die Nachtigall

Fans von Gustav Kuhn enttäuscht

In Erl wird einmal mehr exemplarisch vorgeführt, wie das so ist, wenn auf einem Festival ein Patriarch abtritt oder dazu gezwungen wird. Selbst im besten Fall sind die Fans irritiert, die Nachfolger schwer damit beschäftigt, Publikum und Mitarbeiter zu motivieren. Kuhn hatte sich als Wagner-Dirigent profiliert, wollte im Passionsspielhaus von Erl gar ein Gegen-Bayreuth schaffen. Andreas Leisner gegenüber dem BR: "Ich glaube, grundsätzlich hat uns das Leben erschwert, dass wir in diesem Jahr kein Passionsspielhaus zur Verfügung hatten und dass wir keinen Wagner gespielt haben, so dass unser Wagner-Publikum, das sehr treu ist, ausgeblieben ist. Es hat auch ein Publikumsaustausch stattgefunden, weil Fans von Gustav Kuhn enttäuscht sind und nicht mehr kamen. Das neue Publikum zu akquirieren geht nicht in einer Saison. Dennoch sind wir erstaunlich gut besucht gewesen: Die fast ausverkauften Aida-Vorstellungen, der unglaublich erfolgreiche Wilhelm Tell haben mit einem neuen Publikum einen großen Erfolg generiert."

© Xiomara Bender/Tiroler Festspiele Erl

Athener über den Wolken

Höhepunkt der jetzt zu Ende gegangenen Sommersaison waren allerdings zwei Vorstellungen der "Vögel", einer sehr selten gespielten Oper von Walter Braunfels, die 1920 in München uraufgeführt wurde. Der Komponist nahm die gleichnamige antike Komödie von Aristophanes zur Textgrundlage, allerdings ist die Oper nicht so derb und komisch, sondern eher poetisch und düster. Zwei zwielichtige junge Athener beschwatzen in dem Stück die Vögel, sich gegen die Götter aufzulehnen. Bei Braunfels kommt es daraufhin zum Krieg, den Zeus natürlich mit einem großen Donnerwetter gewinnt. Eine "Götterdämmerung" der anderen Art, die Vögel werden vernichtet, die beiden Athener kehren um eine Erfahrung reicher in ihre Heimatstadt zurück.

© Xiomara Bender/Tiroler Festspiele Erl

Der Vernichtung entgegen

Sechs Türen ohne Ausgang

Tina Lanik inszenierte das in Erl mit heiligem Ernst und beklemmenden Bildern. So tritt der Kriegstreiber im Trachtenjanker auf. Bühnenbildner Stefan Hageneier hatte eine Art Fluchtraum mit sechs Türen entworfen, von denen sich am Ende keine einzige öffnen lässt. Dirigent Lothar Zagrosek leitete das Orchester in Wagner-Stärke erstaunlich unaufgeregt verglichen mit dieser durchweg "hochnervösen" Musik. Vieles klingt wie Richard Strauss, der Expressionismus war um 1920 schwer in Mode. Das war optisch wie musikalisch überzeugend, wenngleich deutlich mehr Satire dem Abend das schwermütige und heutzutage sehr aus der Zeit gefallene Pathos ausgetrieben hätte.

© Xiomara Bender/Tiroler Festspiele Erl

Athener im Trachtenjanker

Doch nach gewitzter Gesellschaftskritik ist in Erl wohl derzeit niemand so recht zumute. Andreas Leisner: "Das eine Jahr hat jetzt wirklich den Raum aufgemacht, einen ordentlichen Abdruck zu hinterlassen. Das war ja gewissermaßen kompromisslos, schielte nicht auf die Verlängerung, auf die Frage, wie geht das weiter mit meiner Arbeit hier, sondern man konnte mal richtig selbstbewusst aufstehen und sagen: Das ist mein Profil. Dann wird man sehen, ob das an anderer Stelle wertgeschätzt wird und man diese Art Arbeit und Konzepte woanders fortführen kann."

Nächstes Jahr übernimmt der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe zusätzlich das Festival in Erl, ab 2021 steht ein neuer Ring auf dem Spielplan. Wagner bleibt also im Zentrum, und zwar im deutlichen Kontrast zu Bayreuth. Dort wird der neue Ring von dem dann 30-jährigen Newcomer Valentin Schwarz inszeniert, in Erl von einer über 80-jährigen Opernlegende, nämlich Brigitte Fassbender. Mal sehen, wer gewinnt.

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