30.11.2021, Baden-Württemberg, Bad Saulgau: Ein als Nikolaus verkleideter Mann ist mit einer von zwei Ponys gezogenen Kutsche im Schneetreiben unterwegs.
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Nikolaus mit Pony-Kutsche

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    Türkisch? Christlich? Abendländisch? Wem gehört der Nikolaus?

    Türkisch? Christlich? Abendländisch? Wem gehört der Nikolaus?

    Streit um den Nikolaus: Die einen betonen das Christliche, andere seine anatolische Herkunft. Dabei war es eine byzantinische Prinzessin, die den Nikolauskult genauso wie die Gabel hierher brachte, sagt die Religionswissenschaftlerin Leyla Jagiella.

    Wo kommt der Nikolaus her - wem "gehört" er? Viele beanspruchen den heiligen Geschenkebringer für sich. Zu Recht? Wir haben mit der Religionswissenschaftlerin Leyla Jagiella darüber gesprochen.

    BR: Frau Jagiella, wenn man Ihnen glauben darf, dann gibt es seit einigen Jahren so eine Art Besitzstreit um den Nikolaus. Wer streitet denn da? Und warum?

    Leyla Jagiella: Ja, ich weiß nicht, ob Besitzstreit das richtige Wort ist, aber wir haben es in den letzten Jahren ja immer wieder beobachten können, dass wir auf der einen Seite das Nikolaus-Brauchtum als Verkörperung von gutem deutschen Brauchtum haben und dass das insbesondere von Rechtspopulisten gerne instrumentalisiert wird. Und auf der anderen Seite haben wir aber eine ganz andere Entwicklung, die sehr spannend ist, nämlich, dass migrantische Communities und insbesondere türkischstämmige Communities den Nikolaus auch für sich vereinnahmen. Wir finden zunehmend in sozialen Medien auch Memes, auf denen dann gesagt wird: Der Nikolaus war ein Türke.

    Sie sagen, Rechtspopulisten hätten das Gefühl, ihr Brauchtum sei bedroht. Inwiefern ist das bedroht, aus deren Sicht?

    Es gibt so diese Vorstellung, und es lässt sich nicht nur an den Nikolausfesten festmachen, sondern auch an Martinszügen und an Weihnachtsmärkten. Also immer, wenn irgendwo diese Dinge umbenannt werden, umdeklariert oder abgesagt werden, dann kam in den letzten Jahren ganz schnell so diese Behauptung, ja, das ist wegen den Muslimen. Jetzt haben wir dieses Jahr natürlich eine ganz andere Situation mit der Corona-Pandemie. Wir wissen alle, die Weihnachtsmärkte werden nicht wegen der Muslime abgesagt. Aber in den Jahren vor der Pandemie war Ähnliches oft zu hören, was es auch manchmal bis in die Mainstream-Medien geschafft hat.

    Fangen wir mal mit den "biodeutschen" Rechtspopulisten an. Sie haben gesagt, die verteidigen den Nikolaus als gute deutsche Tradition. Warum ist das falsch aus Ihrer Sicht?

    Naja, falsch ist das natürlich nicht. Es ist natürlich eine deutsche Tradition und ich finde auch eine gute deutsche Tradition. Die Frage ist ja, in welchem ideologischen Kontext man so Dinge wie eine gute deutsche Tradition bewertet. Und bei manchen Menschen steht ja oft so diese Idee im Hintergrund, dass Kultur irgendwie was Unveränderbares ist, was Ewiges. Gerade am Nikolaus sehen wir, dass das natürlich Blödsinn ist. Denn das Christentum an sich mit all seinen Heiligen ist ja aus dem Nahen Osten zu uns gekommen. Und die Verehrung des Nikolaus ist sogar noch wesentlich später tatsächlich mit einer byzantinischen Prinzessin auch nach Deutschland gekommen und wurde hier popularisiert.

    Und auf der anderen Seite gibt es eben dann die Türkeistämmigen, die sagen, der Nikolaus ist aber eigentlich Türke. Warum ist das vielleicht historisch nicht so ganz korrekt?

    Naja, Türke kann er ja nicht sein, weil damals in der heutigen Türkei noch gar keine Türken lebten. Also wir können sagen, der Nikolaus war Anatolier, wie können sagen, der Nikolaus war Asiate, so hätte er sich vielleicht selbst bezeichnet.

    Wenn man so will, dann hat die Nikolausfigur eine klassische Migranten-Biographie. In Anatolien geboren, kam er erst später als adventlicher "Gastarbeiter" nach Deutschland. Wie kam es denn dazu?

    Ja, die Historiker sagen, dass der Nikolaus-Kult in Deutschland vor allem tatsächlich durch Theophanu popularisiert wurde. Und das war eine byzantinische Prinzessin, wahrscheinlich armenischer Herkunft aus dem heutigen Istanbul. Und die heiratete den deutschen Thronfolger des Heiligen Römischen Reiches, Otto II., und brachte tatsächlich aus Byzanz ganz viele neue Sitten mit, die in Deutschland erst mal auch auf Skepsis stießen. Unter anderem die Gabel, so heißt es, aber eben auch den Nikolauskult.

    Tatsächlich waren dann ja später gerade auch einige christliche Persönlichkeiten gar nicht so ganz begeistert von dieser Tradition, die wir heute als eine sehr christliche Tradition empfinden. Warum nicht?

    Naja, insbesondere in der Reformationszeit gab es einige, die das irgendwie nicht so gut fanden, und da insbesondere eben auch Martin Luther. Dieses ganze Nikolaus-Brauchtum und insbesondere das, was denn im Volk damit verbunden wurde, das hat er alles sehr stark als Aberglauben abgelehnt.

    Nun ist es ja so, dass wir heute ganz stark den Nikolaus – zumindest in Deutschland – mit dem Christentum und christlichen Traditionen verbinden. Tatsächlich gibt es aber auch einige muslimische Kulturen, die mit dem Nikolaus etwas anfangen können. Wie knüpfen die denn an diese Figur des Nikolaus an?

    Zum einen ist es so, dass wir für viele, viele Jahrhunderte sowohl auf dem Balkan als auch im Nahen Osten eine sehr stark synkretistische religiöse Kultur finden. Das heißt, Christen verschiedener Denominationen und Muslime teilen sehr viel an Heiligenverehrung und auch an alltäglichen Brauchtum. Und so hat es immer schon Muslime gegeben, die tatsächlich auch den Nikolaus als einen ihrer Heiligen angenommen haben. Da finden wir viele Beispiele für. Das finden wir heute noch in Nordmazedonien und historisch war es aber auch zum Beispiel in Palästina sehr verbreitet und in Syrien. Durch eine Modernisierung des Islams stirbt das immer mehr aus und wird immer seltener.

    Dann ist es also eigentlich andersrum, als die Populisten hier befürchten? Nicht die Muslime islamisieren unser christliches Abendland, sondern der Nikolaus hat die muslimischen Länder sozusagen christianisiert?

    Naja, so herum würde ich es eigentlich nicht sehen. Aber es ist natürlich so, dass für Muslime schon immer die Verwandtschaft auch zu den beiden anderen sogenannten Buchreligionen Judentum und Christentum eine große Rolle spielte. Das ist kein Prozess der Christianisierung. Das ist einfach etwas, was von Anfang an muslimischen Gesellschaften auf eine gewisse Art und Weise auch nah war.

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