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Wem die Debatte um Stokowskis Absage der Lesung nützt | BR24

© picture alliance/Ulrich Baumgarten

Margarete Stokowski im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse

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    Wem die Debatte um Stokowskis Absage der Lesung nützt

    Die Autorin Margarete Stokowski hat eine Lesung in einer Münchner Buchhandlung abgesagt, weil sie Werke von rechtsextremen Autoren verkauft. Doch müssen Bücher moralisch einwandfrei sein, damit sie nicht zur Bückware werden? Ein Kommentar.

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    Ein Shelfie geht um: das Foto eines Buchregals in einer Münchner Buchhandlung, die ihre Stammkunden nur die „Kuhle“ nennen. Doch kein Loch ist Lehmkuhl, sondern momentan die berühmteste Buchhandlung der Republik, denn auf einem ihrer vielen Regale stehen ein paar Bücher, die man aufgrund der Aufregung, die sie auslösen, geneigt ist, böse zu nennen. Es sind Bücher aus dem Antaios-Verlag, der nicht umsonst so heißt, war doch Antaios in der griechischen Mythologie jener Riese, der jeden vorbeiziehenden Reisenden zum Kampf herausforderte und immer gewann – bis Herakles kam und bemerkte, dass dieser Riese ein Scheinriese war, der mit einem einfachen Trick zu bezwingen war.

    Aus der rechten Szene gibt es Dank

    Soweit ist man noch nicht hierzulande, dort besorgt das Geschäft der bei Antaios verlegten Neuen Rechten eine zerstrittene Linke, die nicht weiß, wie umgehen mit den Publikationen von Götz Kubitschek et alii. Froh um jede Form von Aufmerksamkeit, twitterte gestern Nachmittag der österreichische Identitäre Martin Lichtmesz, er „sage ... mal Danke an Frl. Stokowski für die Werbung, nun ist Antaios wieder in aller Munde, ganz ohne dass wir ‚provozieren‘ mussten“. Seit Tagen liefern sich die Publizistin Margarete Stokowski und der Buchhändler Michael Lemling in Mails, Offenen Briefen und Interviews ein Ferngefecht.

    Am Donnerstag veröffentlicht gar “Die Zeit“ ein Pro & Contra in der Causa. Margarete Stokowski hat eine für den 28. November vereinbarte Lesung in der von Michael Lemling geführten Schwabinger Buchhandlung „Lehmkuhl“ abgesagt, weil ihr zu Ohren (wohl weniger vor Augen) gekommen ist, dass es dort ein Regal mit der halblustig Distanz signalisierenden Rubrik „Neue Rechte, altes Denken“ gibt. Unter den darauf feilgebotenen Titeln findet sich seltsamerweise neben dem Antaios-Sammelband „Nationalmasochismus“ auch Heinz Budes Geschichte von 1968 „Adorno für Ruinenkinder“– sowie allerlei intellektuelles Antidot: von Daniel Baxʼ „Die Volksverführer“ bis hin zu Julia Ebners Extremismus-Recherche „Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“.

    Viele Autoren von Weltliteratur waren politische Wirrköpfe

    Vermutlich ist der Autorin, die sich zur Absage ihrer Lesung entschloss, nicht bekannt gewesen, dass schon die Reihung der Titel – wenige Schriften der Neuen Rechten Buchdeckel an Buchdeckel mit weitaus mehr kritischen Auseinandersetzungen mit dieser Neuen Rechten – den Gedanken absurd erscheinen lässt, dass man dort blauäugig eine Art Feldtornister-Lektüre für den Kampf der Rechtsextremen vorrätig hält. Indes, diese sehr begrenzte Anzahl von rechtspopulistischen, rechtsextremen Buch-Titeln hat Margarete Stokowski dazu bewogen, zu sagen, dass sie in diesem Umfeld nicht lesen möchte. Das ist ihr gutes Recht, wirft aber Fragen auf: Müssen Bücher das haben, was der – gelinde gesagt – politisch höchst unsichere Kantonist Gottfried Benn auf die Formel „moralischer Sex-Appeal“ gebracht hat? Müssen sie also moralisch und politisch einwandfrei sein?

    Das machte es schwierig, Werke von Knut Hamsun, Peter Handke oder Louis-Ferdinand Céline in Buchhandlungen anzubieten. Werke der Weltliteratur, deren Verfasser dummerweise in politicis Wirrköpfe waren und sind. Soll man deswegen deren Bücher aus dem Sortiment entfernen oder zur Bückware machen, nach der an der Kasse eigens gefragt werden muss? Das derzeit zu beobachtende Book-shaming und Bookseller-blaming sitzt dem Irrtum auf, man könne die Realität retuschieren, die Wirklichkeit aussperren, draußen vor der sich bei Lehmkuhl automatisch öffnenden und schließenden Tür. Es geht um die von Timothy Garton Ash in seinem Buch „Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt“ eingeforderte „robuste Zivilität“. Jeder Buchhändler soll die Titel zum Verkauf anbieten, die er für richtig hält. Ihm daraus einen Strick zu drehen, ihn für politisch verdächtig oder auch nur naiv zu erklären, ist selbst naiv: Ein Bookshop ist nicht Photoshop.

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