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Welt von oben: Bernhard Langs Luftbilder überall in Ingolstadt | BR24

© Audio: BR / Bild: Bernhard Lang (Ausschnitt: BR24)

"Anfangs waren es nur Landschaften, Starnberger See, schöne Bilder", sagt Bernhard Lang. "Aber man ist dann automatisch in das Thema reingekommen, den Eingriff des Menschen darzustellen." Seine Luftbilder sind nun in ganz Ingolstadt zu sehen.

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Welt von oben: Bernhard Langs Luftbilder überall in Ingolstadt

Das Museum zu, die Plakatwände leer, die Februarwelt grau. Eine Situation, aus der das Museum MKK und der Fotograf Bernhard Lang nun das Beste machen. Sie zeigen in ganz Ingolstadt Luftaufnahmen – die oft nicht sind, was sie zu sein scheinen.

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Von
  • Joana Ortmann

Theater, Konzerthallen, Kinos und Museen sind im Winterschlaf, virusbedingt. Die Plakataufsteller, die sonst Kulturangebote ankündigen, sind damit sinnlos, verwaist. Das Museum für Konkrete Kunst (MKK) in Ingolstadt will sie wiederbeleben – und hat aus den Werbeflächen nun Ausstellungsflächen gemacht. Statt Plakaten zeigen sie nun Kunst, Luftbildaufnahmen. Das MKK hat zusammen mit dem Münchner Fotografen Bernhard Lang 50 seiner "Aerial Views" ausgewählt, die sich nun in einer nie dagewesenen Größe zeigen: 2 x 2,40 Meter. kulturWelt-Moderatorin Joana Ortmann hat mit Bernhard Lang gesprochen.

Joana Ortmann: Herr Lang, da ergibt sich eine interessante Spannung. Was wir sehen, sehen wir da nah und groß auf 2 x 2,40 Meter. Sie sind aber fotografisch ein Meister im Abstand halten, da sind Sie jetzt in Corona-Zeiten klar im Vorteil. Sie schauen sich die Welt schon ziemlich lang mit diesem Abstand an. Um was genau zu sehen? Eine neue Perspektive?

Ich betreibe das jetzt seit zehn Jahren, und ich kam darauf, weil ich immer schon gern den Blick von oben aus dem Passagierflugzeug hatte. Das hat mich immer schon fasziniert. Ich habe angefangen als klassischer Werbefotograf, habe eine Ausbildung zum Fotografen gemacht und wollte immer mal diesen Blick von oben für mich selber fotografieren. Und so habe ich mir vor zehn Jahren ein kleines Flugzeug gemietet, mit Pilot, habe dann südlich von München im Voralpenland die ersten Aufnahmen gemacht - und war eigentlich sofort begeistert von den Resultaten.

So war der Einstieg – und weil Sie sagen: Distanz. Ja, das ist natürlich da ganz wichtig. Die hat man da immer. Aber durch diese Distanz habe ich ja diesen Überblick über die Dinge und vor allem einen anderen Blick als den normalen, den man so von der Ebene aus hat.

Ich versuche mal, ein paar Arbeiten von Ihnen so einzubeziehen, dass man eine Vorstellung bekommt. Zum Beispiel ein Foto, da sind so verschiedene Säulen, die sind auch farbig, und man denkt erst einmal: komisch, recht abstrakt. Das sind tausende Bahnen von gestapelten Getränkekisten, das haben sie im Ruhrgebiet aufgenommen.

Ja, mich interessieren einfach diese zum Teil abstrakten Formen, die man durch diesen 90-Grad-Blick von oben hat. Dadurch ergeben sich manchmal Bilder, fast wie abstrakte Gemälde. In dem Fall erinnert es mich an Tetris oder an Balkendiagramme. Solche Ausschnitte versuche ich zu finden.

© Bernhard Lang (Ausschnitt: BR24)

Und noch eins - steht direkt am Ingolstädter Theater

Das ist natürlich jetzt unter diesen pandemischen Bedingungen noch mal doppelt interessant. Jetzt kommt man vielleicht auch auf die Idee: Von den Getränkekisten, da habe ich auch ein paar Flaschen getrunken, so konkretisiert man das wieder. Es gibt aber auch das Gegenteil bei Ihnen. Sie fotografieren zum Beispiel Manila von oben, also eine Megametropole. Das sieht aus wie ein riesiger Flickenteppich, ganz bunt und ganz eng.

Ich versuche ja schon, einen kritischen Blick zu haben und mit meiner Arbeit auf relevante globale Themen einzugehen. Ich wollte einfach mal versuchen, die Überbevölkerung bildlich darzustellen. Und da hat sich Manila für mich angeboten – speziell die Bewohner der Slums dort haben einen großen Einfallsreichtum, wie sie ihre Dächer gestalten. Da wird alles Mögliche benutzt. Und so entstehen diese interessanten Blicke von oben. Das ist auch mein Anliegen, dieser Dualismus sozusagen: Auf der einen Seite ein interessantes, ästhetisches Bild. Aber es sollte doch auch eine Message dahinter stecken.

Das ist für den Betrachter durchaus irritierend. Man sieht von oben in abstrakter Form, wie die Welt quasi zurechtgerückt und zugerichtet wird. Vieles ist sehr geometrisch auf ihren Aufnahmen, also gerade wenn es um Themen wie "Overtourism" oder Massentierhaltung geht. Man findet das erst mal schön, dieses Geometrische. Und dann ist man natürlich konfrontiert mit dem, was es dann eigentlich ist. Aus dieser Spannung kommt der Effekt.

Das ist das, was ich suche. Zum Beispiel Kohleminen hab ich fotografiert, das zeigt ja auch einen massiven Eingriff in die Umwelt. Wenn man das von oben sieht, wie die Bagger da die Erdmassen gezogen haben, was da für Muster und Formen entstehen, das erinnert einen wirklich manchmal an ein abstraktes Bild.

Reicht Ihnen dieser Dualismus schon? Oder wollen Sie noch mehr mit Ihren Bildern? Wenn sie zum Beispiel auch den bayerischen Winter von oben zeigen? Der sieht fast aus wie eine Schwarzweiß-Zeichnung...

© Bernhard Lang (Ausschnitt: BR24)

Fast wie eine Schwarzweiß-Zeichnung: Der bayerische Winter in einer Luftbildaufnahme

Ja, das waren so die Anfänge, diese Landschaften, da hatte ich vielleicht noch nicht so diesen Ansatz. Aber der hat sich mit der Zeit praktisch von selber ergeben, Sie wissen es ja selber: Wenn man mit einem Flugzeug über Deutschland fliegt oder über Europa, dann ist ja eigentlich die ganze Landschaft schon komplett vom Menschen gestaltet. Es gibt hier nur noch ganz wenige Naturschutzgebiete, die unberührt sind, dadurch ergab sich das fast schon alleine. Anfangs waren es nur Landschaften, Starnberger See, schöne Bilder. Aber man ist dann automatisch in das Thema reingekommen, den Eingriff des Menschen darzustellen.

Als Luftbildfotograf sind Sie in einer großen Tradition, und diese Tradition ist in den letzten Jahren extrem beschleunigt worden: Dieser ehemals ganz schwer zu erobernde Raum, der ist mit der Revolution Drohne für viele erfahrbar geworden.

Finde ich auch super, finde ich toll. Ich fotografiere halt lieber aus Flugzeugen oder Helikoptern. Wenn ich zum Beispiel an meine Strand-Aufnahmen denke, da möchte ich zum Beispiel nicht unten selber liegen, würde keine Drohne über mir haben wollen, die da in relativ nahem Abstand zehn Mal hin und her fliegt. Mit einem Hubschrauber fliegt man vielleicht einmal aus großer Höhe drüber, man ist da lang nicht so penetrant. Das ist der eine Grund. Und der andere Grund ist der technische: Die jetzigen Consumer Drones sind von der Auflösung her noch nicht so gut. Gerade für so große Bilder wie jetzt in Ingolstadt macht das natürlich den Unterschied.

Mit Abstand am schönsten: Bernhard Langs Luftaufnahmen sind derzeit an Plakataufstellern in ganz Ingolstadt zu sehen.

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