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Petrus Ceelen auf dem Platz hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof
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Janina Schrupp
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Petrus Ceelen auf dem Platz hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof

In den 1980er Jahren hieß die Diagnose HIV positiv: Ausgrenzung, Isolation, Stigmatisierung - und keine lange Lebenserwartung. Petrus Ceelen war der erste katholische Seelsorger, der sich speziell um sie kümmerte. Um Junkies, Prostituierte, Fixer, die alle eins gemeinsam hatten – ihre HIV-Infizierung.

"Ich habe es immer wieder erlebt, dass manche das Wort 'Aids' nicht aussprechen konnten. Stattdessen sagten sie - ich habe es." Petrus Ceelen

Petrus Ceelen ist heute 75 Jahre alt, katholischer Theologe, gebürtiger Flame und lebt mal in Belgien, mal in Deutschland. Früher mehr in Deutschland, denn er war Aids-Seelsorger in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Seit acht Jahren ist Petrus Ceelen im Ruhestand, trotzdem lässt ihn sein Beruf nicht los. Noch heute erinnert er sich gut daran, wie schwierig die Diagnose Aids damals für Betroffene war.

"Aids galt als 'schwule Pest' und Strafe Gottes"

Angefangen hat alles auf dem Tränenberg, wie Ceelen ihn nennt. Einem Gefängniskrankenhaus auf dem Hohenasperg, unweit von Stuttgart. Dort arbeitete der damalige Pastoralreferent in den 1970er und 1980er Jahren als Gefängnis-Seelsorger und machte erste Erfahrungen mit Aids. Erkrankte Straftäter wurden damals aus anderen Gefängnissen in das Krankenhaus verlegt.

"Die Aids-Kranken und HIV-Infizierten waren total isoliert, man durfte mit ihnen nicht in Berührung kommen und sie durften nicht zum Gottesdienst kommen. So habe ich dann gemerkt, dass dieses Aids viel mehr ist als eine Krankheit. Viele sind eigentlich an diesem anderen Aids gestorben. An diesen vier Buchstaben: Ausgrenzung, Isolierung, Diskriminierung und Stigmatisierung" Petrus Seelen

Kampf gegen den Widerstand der Kirche

Deshalb wollte er eine Anlaufstelle für Betroffene schaffen, um sie zu begleiten und gegen Vorurteile zu kämpfen. Das war nicht gerade leicht mit einer Kirche im Rücken, die sich ganz offen gegen Homosexualität und die Verhütung mit Kondomen positionierte. Tatsächlich stieß er dort zuerst auf Widerstand. „Eine eigene Stelle würde die Krankheit aufwerten“, hieß es damals. „Sie galt als schwule Pest und manche Pfarrer haben die Krankheit als Strafe Gottes, als Strafe für das sündige Leben gesehen“, erinnert sich Ceelen.

Erst mit Hilfe des damaligen Bischofs Walter Kasper konnte er die Kirchenleitung in Rottenburg überzeugen. 1992 nahm er seine Arbeit als erster katholischer Aids-Seelsorger einer deutschen Diözese auf. Er blieb dabei immer seinem Ansatz treu, dahin zu gehen wo die Menschen sind. Wie auf den Platz hinter den Hauptbahnhof, ins Krankenhaus, ins Gefängnis oder zu anderen Brennpunkten in der Stadt. Als Vertreter der katholischen Kirche und wurde er oft kritisch beäugt. Vor allem von Homosexuellen hörte er oft den Satz: „Muss ich erst Aids haben um von deiner Kirche angenommen zu werden?“

Aids-Seelsorge bedeutete Sterbebegleitung

Wenn Petrus Ceelen über die damalige Zeit spricht, ist sein Blick in die Ferne gerichtet. Seine Augen erzählen von dem vielen Leid, mit dem er im Laufe seines Lebens konfrontiert wurde. Erst 1996 gab es einen Durchbruch in der HIV-Therapie, der die Lebenserwartung von Infizierten deutlich verlängerte. Zuvor war Aids-Seelsorge vor allem eine Sterbebegleitung. Ceelen musste viele seiner Schützlinge beerdigen. So auch Miri, ein 13-jähriges Mädchen. Sie ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Oft besuchte er sie und hielt ihre Hand. Er versuchte sie abzulenken von ihrem Leid, in dem er ihr etwas erzählen wollte.

"Miri sagte immer: nur ein bisschen Dasein. Es ging ihr ganz schlecht, sie hat gesagt, warum lassen mich die Ärzte nicht sterben? Und ich saß da und fühlte mich hilflos. Dann hat sie sich mit letzter Kraft aufgerichtet, mich umarmt und gesagt: Petrus, du hast mir heute so geholfen" Petrus Ceelen

Erlebnisse wie diese verarbeitet Petrus Ceelen in seinen Büchern. Schon als Gefängnis-Seelsorger fing er mit dem Schreiben an, sein neustes Buch „Verwundet - Vernarbt - Verwandelt“ ist gerade erschienen. Heute gibt es bundesweit kirchliche Beratungsstellen für HIV-Infizierte und Aids-Kranke Menschen, getragen sowohl von der evangelischen als auch der katholischen Kirche, von Caritas und Diakonie.