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Welche Rolle spielen Frauen in den Religionen? | BR24

© dpa-Bildfunk/Karl-Josef Hildenbrand

Junge Delegierte verschiedener Glaubensrichtungen stehen zum Auftakt der Konferenz in der Inselhalle auf der Bühne.

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    Welche Rolle spielen Frauen in den Religionen?

    Die Gleichberechtigung von Mann und Frau propagieren viele Religionen. Doch selten gehen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander. Welche Rolle spielen Frauen in den Religionen? Ein Religionsgipfel in Lindau hat dazu ein starkes Zeichen gesetzt.

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    Vergangene Woche trafen sich rund 900 Vertreter zahlreicher Weltreligionen in Lindau am Bodensee. Beim zehnten Religionssgipfel von "Religions for Peace" ging es um die Rolle der Religionen als Friedensstifter. In verschiedenen Foren wurde dabei auch die Rolle der Frau in den Religionen diskutiert.

    Vereinigung von rund 1.000 Frauenorganisationen

    Die Nichtregierungsorganisation Religions for Peace beschloss schon bei ihrer Gründungversammlung, 1970, ein spezielles Gremium einzurichten, das auch Frauen aller Religionen eine vernehmbare Stimme gibt. Vielerorts galt das damals als revolutionär. Heute vereint das "Global Women of Faith Network" rund 1.000 Frauenorganisationen auf allen Kontinenten.

    "Frauen sind hier keine Anhängsel, sondern einflussreiche Aktivistinnen, die sich kraftvoll für den Erhalt des Friedens einsetzen", sagt die tunesische Sprachwissenschaftlerin Mehérzia Labidí-Maíza, die lange Koordinatorin des Frauen-Netzwerks war.

    Frauen haben besondere Gabe zu Vermitteln

    Labidí-Maíza wurde in ihrer Heimat Tunesien nach dem Regierungswechsel 2011 zur Vize-Präsidentin der Verfassung gebenden Versammlung gewählt. Religions for Peace, so die Muslima, habe ihr den nötigen Rückhalt gegeben, um in dieser verantwortungsvollen Position Brücken zwischen den Parteien zu bauen.

    Frauen hätten eine besondere Gabe zu vermitteln, so glaubt sie. Diese verdiene mehr Beachtung. In Lindau, disktuierte das Netzwerk einen ganzen Tag die Anliegen der Frauen. Die zentralen Texte fast aller Religionen betrachteten Mann und Frau als gleichwertig, betont Saba Khabipour, die Generalsekretärin des geistigen Rates der Bahai in Deutschland. Bahai Gemeinschaften, so versicherte sie, legten daher stets Wert darauf, dass Frauen ebenso viel Bildung erhielten wie Männer und dass beide Geschlechter in der Praxis gleich gestellt seien.

    Frauen und Männer sind gleich - die Realität sieht anders aus

    Auch in der Tradition des Hinduismus gebe es dieses Ideal, sagt die Vize-Präsidentin der englischen Sektion von Religions for Peace, Barti Thaylor. Doch die Realität, so die Hindu-Gelehrte, sehe leider oft anders aus. Vor einigen tausend Jahren, bei der Entstehung der heiligen Hinduschriften, der sogenannten Veden, galten Männer und Frauen als absolut gleichwertig. "Aber im Lauf der Zeit haben sich patriarchale Gesellschaften gebildet und die Frauen bekamen eine untergeordnete Position", so Thaylor. Das ändere sich erst heute wieder langsam: "Heute studieren Frauen, sie lesen die heiligen Schriften, und wir haben inzwischen sogar offiziell Hindu-Priesterinnen."

    In Lindau wurde deutlich: die Diskriminierung, unter der Frauen in vielen Gesellschaften leiden, lässt sich theologisch in aller Regel nicht rechtfertigen. Die libanesische Dozentin Nayla Tabbara appellierte daher an die Delegierten aus aller Welt:

    "Bis heute wurde die Religion in erster Linie von Männern interpretiert. Religiöse Traditionen sind daher sehr oft patriarchal gestaltet. Es ist höchste Zeit, dass wir Frauen unseren eigenen Beitrag zur Interpretation der religiösen Texte leisten." Nayla Tabbara

    Erstmals Frau als Vorsitzende gewählt

    Religions for Peace leistet im Blick auf die Stellung der Frauen in den Religionen Dank des interreligiösen Austausches Pionierarbeit. Und so endet die Weltkonferenz mit einer Sensation: Die rund 900 internationalen Repräsentanten des weltweit größten Netzwerks der Religionen wählten erstmals eine Frau zu ihrer Vorsitzenden: Azza Karam.

    Die gebürtige Ägypterin lehrt als Universitätsprofessorin in Holland und arbeitet im Bereich "Religion und Entwicklung" für die Vereinten Nationen. Frauen und Männer sind komplementär, betont die Muslima in einem ersten Interview. Diese Wahrheit, um die alle Religionen wissen, möge durch ihre Wahl neu zum Ausdruck kommen, so hofft es Karam.