BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Welche Rolle spielen die Kirchen im Machtkampf in Belarus? | BR24

© picture alliance/Natalia Fedosenko/TASS/dpa

Sonnenuntergang hinter der Verklärungskathedrale in der Stadt Zaslav in Belarus.

Per Mail sharen

    Welche Rolle spielen die Kirchen im Machtkampf in Belarus?

    Seit Tagen herrschen Unruhen in Belarus: Die EU möchte daher ab Mittwoch auf einem Sondergipfel über Lösungen für den Konflikt diskutieren. Im Land selbst sind derweil zwei ganz andere Player auf den Plan getreten: die Kirchen.

    Per Mail sharen

    Seit über einer Woche halten die teils blutigen Unruhen in Belarus nun schon an. Die EU sieht sich deshalb dazu veranlasst, sich ab Mittwoch auf einem Sondergipfel mit der Situation zu beschäftigen.

    Kardinal Marx bezieht Position

    Sogar der Münchner Kardinal Reinhard Marx fühlte sich am Wochenende dazu berufen, in einer Predigt zu den Unruhen in Belarus Position zu beziehen. Und zwar entschieden zugunsten der Demonstranten, die seit den Präsidentschaftswahlen am 9. August für mehr Rechtsstaatlichkeit und Demokratie auf die Straße gehen und gegen das Wahlergebnis - gut 80 Prozent für Präsident Lukaschenkow.

    "80 Prozent, das sind dann Ergebnisse, die doch unrealistisch erscheinen. Zumal es im Vorfeld ja doch schon Hinweise auf Wahlmanipulation gab", sagt Angelika Schmähing, Weißrussland-Referentin beim katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis. Es waren aber weder die mutmaßliche Wahlmanipulation, noch die Unzufriedenheit mit dem Präsidenten, die die Kirchen vor Ort auf den Plan riefen.

    Polizeigewalt rüttelt Kirchen auf

    Ausschlaggebend seien die Polizeigewalt und die rund 7.000 Verhaftungen gewesen, so Schmähing: "Als die ersten entlassen wurden aus der Haft, hat man gesehen, dass Männer systematisch zusammengeschlagen wurden, es ist von Folter die Rede." Dagegen gingen die Menschen jetzt auf die Straße und diese Gewalt hätte auch die Kirchen im Land aufgerüttelt.

    Fast 90 Prozent der neun Millionen Weißrussen sind Christen, die meisten gehören zur orthodoxen Kirche. Genauer gesagt zur russisch-orthodoxen Kirche mit Sitz in Moskau – die der russischen Regierung entsprechend nah steht. Vor diesem Hintergrund müsse man auch die Äußerungen von Metropolit Pawel, dem obersten Repräsentanten der Orthodoxen in Belarus, einordnen, sagt Angelika Schmähing.

    Orthodoxer Metropolit eher auf Seite Lukaschenkows

    In einer ersten Botschaft von Metropolit Pawel habe sich gezeigt, dass dieser noch stärker auf der Seite des Präsidenten als auf der der Demonstranten stehe, so die Weißrussland-Kennerin. Entsprechend stellt das oberste, nationale Gremium der russisch-orthodoxen Kirche in Belarus, der Heilige Synod, in einer Erklärung vom Wochenende fest: Wir sind Kirche für alle Menschen – ob systemkritisch oder nicht. Nur die Gewalt verurteile man, man stehe für Frieden und Dialog. Dies betonen aber sowohl die orthodoxe wie auch die katholische Kirche in ihren Stellungnahmen zu den Ausschreitungen.

    Ungewöhnlich: Bischöfe unterschiedlicher Meinung

    Die aktuelle Lage in Belarus spaltet die Bischöfe in zwei Lager, beobachtet die belarussische Theologin und Menschenrechtsaktivistin Natalia Vasilevitsch: Während manche Bischöfe Lukaschenko bereits zum Wahlsieg gratuliert hätten, distanzierten sich andere Geistliche auf Facebook ausdrücklich von diesem Schritt.

    In der westbelarussischen Stadt Grodno haben Geistliche nach Informationen der Aktivistin Opfer der Gewalt des Staates besucht. Andere Geistliche nähmen mit Plakaten wie "Stoppt die Gewalt!" an den Demonstrationen teil, sagte Vasilevitsch.

    "Ökumenisches Handeln erhöht den Druck"

    Der Geschäftsführer von Renovabis, Markus Ingenlath, begrüßte derweil den Vorstoß der katholischen Bischöfe, sich mit konkreten Vorschlägen zur politischen Situation zu äußern. Die Bischöfe hatten die Einrichtung eines Runden Tisches ins Spiel gebracht, der die Wahlergebnisse ermitteln und die Zukunft des Landes planen soll. "Es scheint, als würden die Kirchen ökumenisch handeln, um den Druck auf das Regime zu erhöhen", sagte Ingenlath dem Evangelischen Pressedienst.

    Kirchen halten sich mit Kritik zurück

    Die Kritik an Präsident Lukaschenkow und die Forderung nach mehr Rechtsstaatlichkeit macht sich derweil keine der Kirchen zu eigen. Es sei zwar klar, erklärt Schmähing, "dass wir von der deutschen Seite natürlich diesen Demokratieprozess sehen. Wir müssen aber auch bedenken, dass die Kirche in der Gesellschaft vor Ort leben muss. Und je nachdem, wie das jetzt weitergeht, kann die Kirche auch Repressalien unterworfen werden." Daher habe sie Verständnis, wenn die Kirchen sich nicht politisch positionierten, sondern sich begnügten, zum Frieden aufzurufen.

    Sie interessieren sich für Nachrichten rund um Religion, Kirche und Weltanschauungen? Dann abonnieren Sie den Newsletter von BR Religion. Jeden Freitag die besten Artikel der Woche in Ihrem E-Mail-Postfach. Hier klicken zum Abonnieren.