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Wenn junge Menschen nicht mehr weiterwissen | BR24

© BR / Andrea Kammhuber

Bam im Boxraum von "Weitblick" in Dachau

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    Wenn junge Menschen nicht mehr weiterwissen

    "Es ist das Vorrecht der Jugend, Fehler zu begehen, denn sie hat genug Zeit, sie zu korrigieren": Auf diesem Zitat von Ernst Barlach beruht die Arbeit der Jugendhilfe Weitblick in Dachau. Hier bekommen Jugendliche die Chance auf einen Neuanfang.

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    Es ist ein Zuhause auf Zeit. Im Weitblick leben junge Männer, die oft eine lange Heimkarriere hinter sich haben, viele sind traumatisiert. Unkontrollierte Wut, Aggressionen haben dazu geführt, dass sich Familien, Schulen, Heime überfordert fühlten. Die Jugendhilfe Weitblick in Dachau ist für sie nun eine letzte Chance, noch einmal anzufangen und eine Perspektive zu entwickeln.

    "Wir fangen da an, wo andere aufhören. Wir nehmen die auf, die andere ablehnen, weil sie sagen: Ne, die Vorgeschichte ist uns zu heavy, so dass wir mit dem gar nicht fertig werden können." Siegfried Hofer, Mitgründer von Weitblick

    Die Jugendhilfe Weitblick ist in einem ehemaligen Hotel untergebracht. 15 junge Männer zwischen 14 und 21 Jahren wohnen auf zwei Stockwerken. Die Türen sind Tag und Nacht geöffnet, die Jugendlichen können weggehen, auch mal Freunde mitbringen. Nur an- und abmelden müssen sie sich.

    Gewalt, Alkohol und Drogen sind in der Jugendeinrichtung tabu. Respekt voreinander wird eingefordert. Die Jugendlichen provozieren die Weitblick-Betreuer trotzdem, täglich. Denn viele haben die Einstellung: "In all den Einrichtungen, in denen ich war – die haben es nicht ausgehalten und ihr werdet es auch nicht aushalten", erzählt Siegfried Hofer, der zusammen mit Carlos Benede den Weitblick gegründet hat, "aber wir haben es ausgehalten. Und dann weiß er, dass er gewollt ist, geliebt ist – nicht nur: Der funktioniert ja nicht."

    Auf Strafen wird weitgehend verzichtet

    Im Boxraum, dem Herzstück der Jugendeinrichtung, können die jungen Menschen Aggressionen abbauen – so auch Bam. Er ist aus der Schule geflogen und war in normalen Heimen nicht mehr unterzubringen. Seit zwei Jahren ist Bam in Dachau. "In den anderen Einrichtungen hast du Strafen bekommen. Du musstest das Handy abgeben, Fernsehkabel auch und du durftest nicht rausgehen", erzählt er. Bam ist impulsiv, wird schnell wütend. Im Weitblick fühlt er sich wohl, hier verzichtet man so weit wie möglich auf Strafen.

    Bams Ziel: "Dass ich den externen Mittelschulabschluss mache und danach vielleicht eine Lehre anfange." Um den Abschluss zu schaffen, hat er zusammen mit seiner Betreuerin einen Lernplan entwickelt. Im Weitblick bekommt er jetzt Einzelunterricht. Außerdem hat ihm Carlos Benede eine Praktikumsstelle vermittelt. Neben dem Unterricht am Vormittag hilft er an zwei Nachmittagen in der Woche und samstags beim Innenausbau einer zukünftigen Partylocation in der Nähe von Dachau.

    So sein können, wie man ist

    Die Weitblick-Gründer Carlos Benede und Siegfried Hofer arbeiten seit über 30 Jahren mit Jugendlichen, die in vielerlei Hinsicht "besonders" sind. "Und jetzt sind sie in ein Umfeld geraten hier im Weitblick, wo sie sagen: oh, da kann ich so sein, wie ich bin", sagt Siegfried Hofer, "da kann ich ja die Wahrheit sagen."

    "Da kann ich sagen: Du Carlos, du Sigi, ich habe Mist gebaut. Warum kann er das sagen? Weil er Vertrauen zu uns hat." Siegfried Hofer, Mitgründer von Weitblick

    Die Jugendlichen im Weitblick seien Menschen, die man einfach gerne haben muss, so Carlos Benede. "Jeder einzelne von denen ist es wert, sich um ihm zu kümmern." Bei ihnen sei immer noch ein guter Kern vorhanden, findet Siegfried Hofer. "Und dieses Vorhandensein ist für mich genau die Stelle, wo ich ansetze. Der ist nicht verloren, der junge Mensch."