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Das Buch "Weil es ohne uns nicht geht" von Michael Steidl und Fabian Marcher ist der Versuch, eine Notfallstation begreifbar zu machen.

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"Weil es ohne uns nicht geht": Ein Buch von einem Krankenpfleger

Der Krankenpfleger Michael Steidl und der Autor Fabian Marcher erzählen Geschichten über Angst, Sorge, Wut und Trauer in Coronazeiten. Das ist kein Revival der „Schwarzwaldklinik“, sondern der Versuch, eine Notfallstation begreifbar zu machen.

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Von
  • David Friedman

Er hat dunkle Ringe unter den Augen. Wirkt mürrisch. Die vergangene Nacht steckt ihm noch in den Knochen. Michael Steidl ist seit 20 Jahren Krankenpfleger in der Notaufnahme. Er ist Schichtarbeiter - Akkordarbeiter am Menschen: "Es gibt Tage, da haben wir 150 Patientenkontakte. Dann geht man nach so einer Schichte auch wirklich gerädert nach Hause."

Der Zeitdruck, die Schnelligkeit, mit der entschieden werden muss in einer Notaufnahme, verändert auch die Sprache, sagt Fabian Marcher, der wochenlang Michael Steidls Schatten war und die Abläufe im Krankenhaus beobachtet und niedergeschrieben hat: "Wir haben ein Kapitel, das heißt 'Darmverschluss'. Das geht mit dem Satz los, im Behandlungsraum 8, da liegt ein Darmverschluss. Und da haben wir einen verstauchten Knöchel - und dass das in Wirklichkeit die Frau Maier ist, die den Darmverschluss hat, und der verstauchte Knöchel zum Herrn Huber gehört, fällt dann erst mal unter den Tisch."

Fabian Marchers Ehefrau Julia Lorenzer hatte die Idee zu dem Buch über die „Notaufnahme“. Sie selber war Patientin. Und wurde von Michael Steidl versorgt. Der ihr ganz nebenbei Geschichten aus seinem Alltag erzählt hat: "Also – es gibt ja hier alles: Jedes Alter, jede Menschengruppe, jede Nationalität. Das ist ein Kosmos, diese Notaufnahme und ich fand das total spannend."

Das Buch ist kein simples Sammelsurium von Patienten-Anekdoten. Im Mittelpunkt stehen die Pflegerinnen und Pfleger. Und deren Gefühle, wenn sie zum Beispiel mit einem eigenen Kollegen konfrontiert werden, der schwer verletzt in die Notaufnahme kommt, erzählt Steidl: "In der Situation ist das gesamte Team vor die Wand gefahren. Wenn auf einmal der eigene Kollege vor einem auf der Schockraum-Liege liegt." Mit sehr viel Feingefühl und Ehrlichkeit gehen Michael Steidl und Fabian Marcher ans Werk. Auf keinen Fall wollen sie einen Voyeurismus bedienen, wie er sich gerne bei Gaffern an Unfallorten einstellt: "Ich glaub, dass es für uns ganz wichtig war, den Leser zu informieren, was das mit uns macht, wenn wir diese Patienten betreuen. Gar nicht mal den Leser genau zu informieren, wie schlimm sowas aussieht und was alles passiert und was alles mit den Patienten geschieht, sondern was das mit uns als Pflegekräften macht, die an diesem Patienten arbeiten. Das heißt, wenn wir einen Schwerverletzten versorgt haben, der es vielleicht nicht mehr geschafft hat, aus dem Schockraum rauszukommen und dort leider verstorben ist, dann müssen wir fünf Minuten später wieder voll funktionieren und Patienten versorgen, die mit einer Bagatell-Verletzung oder mit einer Bagatell-Erkrankung – sei es Husten, Schnupfen, Heiserkeit – in der Notaufnahme erscheinen."

Am Schluss des Buches bleibt die Einsicht, dass sich das Leben von einem Moment auf den anderen fundamental ändern kann. Aber auch, dass wir in dem Moment, in dem es ernst wird, nicht auf uns allein gestellt sind. Es gibt Menschen, deren Job es ist, genau auf diesen Augenblick vorbereitet zu sein, wie eben Michael Steidl: "Ich mache halt wirklich das, was ich kann. Ich bin an einem Ort in der Notaufnahme, wo ich gern bin, wo ich gern mit meinen Kollegen zusammenarbeite und es ist enorm abwechslungsreich, muss man auch sagen. Das ist so breit gefächert, dass man sich da, wenn man das mit Leidenschaft betreibt, auch gut ausleben kann."

„Weil es ohne uns nicht geht – Akutes aus der Notaufnahme – Ein Krankenpfleger erzählt“ von Michael Steidl und Fabian Marcher ist im Verlag Eden Books erschienen.

© Eden Books / Montage BR
Bildrechte: Eden Books / Montage BR

Cover von „Weil es ohne uns nicht geht – Akutes aus der Notaufnahme – Ein Krankenpfleger erzählt“ von Michael Steidl und Fabian Marcher

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