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Ein Weihnachtsmann gibt Kindern Geschenke in Hunworth, Großbritannien, 1935
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Christoph Leibold
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Ein Weihnachtsmann gibt Kindern Geschenke in Hunworth, Großbritannien, 1935

Es ist ja nicht so, dass Weihnachten nicht so schon ein ergiebiges Thema wäre: In den gut 2.000 Jahren seit Christi Geburt im Stall von Bethlehem ist einiges an Geschichte und Geschichten zusammengekommen. Doch Gerald Huber hat einen noch viel längeren Zeitraum beackert. Christoph Leibold hat mit ihm über sein Buch "12.000 Jahre Weihnachten" gesprochen.

Christoph Leibold: Wenn ich mich nicht im Kalender verschaut habe, schreiben wir das Jahr 2018 nach Christus. 12.000 minus 2018 – das macht 9.982 Jahre, von denen ich mich frage: Wo kommen die denn her, dass Sie auf 12.000 Jahre Weihnachten kommen?

Gerald Huber: Letztendlich geht es darum, dass der Mensch nach der letzten Eiszeit begonnen hat, sesshaft zu werden. Er hat die Landwirtschaft entwickelt. Das ist wahrscheinlich der größte Sprung in der Kultur der Menschheit. Und wer Landwirt ist, der macht Vorräte für den Winter. Er muss nicht in einer Tour jagen und sammeln. Er hat im Herbst seine Arbeit getan und im Winter Freizeit. Und in der Freizeit kann er feiern. Er kann am Feuer sitzen an den langen dunklen Abenden, in den Sternenhimmel schauen und sich so seine Gedanken machen. Er kann sich besinnen.

Aber ist das dann schon Weihnachten?

Er kommt beim Sinnieren dann auf bestimmte Leute, große Leute. Auf die Magier. Die schauen in den Himmel hinauf und entdecken, dass an der Wintersonnenwende die Tage wieder länger werden und dass endlich der Winter vorbei ist. Und das erzählen sie den Leuten. Und sie erzählen das in Bildern. In wortreichen Bildern: Es wird der neue Gott des Jahres geboren, der Gott der Äonen.

Würden sie so weit gehen zu sagen: Weihnachten gab es schon, als es noch gar nicht Weihnachten hieß?

Ich würde es so sagen, ja. Es gibt diese uralten "Weihe-Nachten", und die finden immer zur Wintersonnenwende statt. Dabei geht es tatsächlich darum, dass diese Gottessöhne, mit denen die neue Zeit geboren wird, um diese Zeit zur Welt kommen. Zum Beispiel Dionysos, was übersetzt nichts anderes heißt als "Gottessohn".

Viel Kluges und auch Kurioses über Weihnachten und seine Wurzeln ist aus Ihrem Buch zu erfahren. Bei ihren Recherchen, gab es da auch Erkenntnisse zu diesem Fest, die sie selbst verblüfft haben?

Ich bin alle Heiligen durchgegangen, alle Heiligennamenstage in der Advents- und Weihnachtszeit vor allem. Und da kommt mir am 27. November ein Barlaam und Josaphat entgegen. Und dann schaue ich nach und sehe: Das ist eins zu eins Buddha. Josaphat ist ein verballhornter Bodhisattva. Das ist eins zu eins die Buddha-Legende, die es über persische und byzantinische Vermittlung zu uns in den heiligen Kalender geschafft hat. Es ist genau die Geschichte Buddhas, und es ist auch der Name Buddhas erhalten. Die katholische Kirche hat sozusagen einfach alles verdaut.

Buch-Autor Gerald Huber im Anzug in einem hellen Gang

Buch-Autor Gerald Huber im Anzug in einem hellen Gang

Das Christentum, schreiben Sie, sei entgegen der landläufigen Meinung keine Buchreligion. Auch Weihnachten ist damit mehr, als geschrieben steht. Jetzt haben sie aber ein Buch über Weihnachten geschrieben. Was war Ihre Motivation?

Naja, es muss halt mal gesagt werden – und ich tue das eben mit einem Buch – dass das Christentum viel mehr ist. Dass es Tradition ist. Wir wissen ja von Weihnachten gar nicht viel. Das, was Lukas schreibt, nämlich, dass das Kind in Windeln gewickelt wurde und dass Hirten gekommen sind, das wissen wir. Aber was die Hirten gehütet haben, wissen wir nicht. Wir stellen aber Schafe an unsere Krippe und alles Mögliche. Das sind aber alles Traditionen, die schon vorher da waren; die vorher aus alten Religionen gekommen sind und zum Teil übernommen worden, zum Teil auch neu gefasst worden sind. Das ist der große Reichtum unserer Geschichte, der tatsächlich etwas Heiliges hat.

Wenn man sich mit den Ursprüngen von Weihnachten befasst wie Sie, ist man vermutlich auch Anhänger einer ursprünglichen Art, das Fest zu begehen, statt sich dem Konsumrausch von heute hinzugeben. Ist das Buch auch ein Plädoyer, sich auf die Ursprünge zurück zu besinnen?

Ich habe überhaupt nichts gegen den Konsumrausch, den hat es auch schon immer gegeben. Ich glaube, man muss den Mittelweg finden, indem man alles bedenkt, was sich rechts und links von der großen Schneide befindet, auf der man sich bewegt. Das ist ein schmaler Grat, auf dem man gehen muss. Und es ist natürlich eine Frage des Bewusstseins. Wenn ich mir bewusstmache, wie viele Generationen vor uns sich schon solche Gedanken gemacht, dann finde ich das ungeheuer bewundernswert. Das ist für mich etwas Heiliges.

Ihr Buch macht sich sicher gut unterm Christbaum – oder auch schon vorher im Nikolaus-Sack. Man will ja vorbereitet sein und das Buch vor dem 24.12. lesen. Und apropos Nikolaus: Wieso schenken wir eigentlich zweimal – an Weihnachten und zum Nikolaus?

Der Nikolaus war im Mittelalter derjenige, der die Geschenke brachte. Die Protestanten haben ihn dann aber nicht mehr haben wollen, weil er ein Heiliger war, und haben das Schenken auf den alten heidnischen Geschenketag verlegt.

"12.000 Jahre Weihnachten. Ursprünge eines Festes" von Gerald Huber ist im Volk Verlag erschienen.

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Christoph Leibold

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kulturWelt vom 04.12.2018 - 08:30 Uhr