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Die schlimmsten Weihnachtsalben der Popgeschichte | BR24

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"Last Christmas" ist der Klassiker unter den nervtötenden Weihnachtssongs, totgespielt in jedem Laden. Doch es gibt noch Besseres: Sexy Weihnachtsbäckerei, Santa Claus mit AIDS, Trabis im "Kling, Glöckchen"-Rhythmus. Eine radikal subjektive Auswahl.

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Die schlimmsten Weihnachtsalben der Popgeschichte

"Last Christmas" ist der Klassiker unter den nervtötenden Weihnachtssongs. Totgespielt in jedem Laden. Doch es gibt noch Besseres: Sexy Weihnachtsbäckerei, Santa Claus mit AIDS, Trabis im "Kling, Glöckchen"-Rhythmus. Eine radikal subjektive Auswahl.

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In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Und so machten sich auch die Samser-Brüder Marc, Oliver und Alexander aus Köln auf den Weg. Doch zuvor gründeten sie noch die Internetfirma Jamba mit den nervigen Klingeltönen. Und weil sich der "Crazy Frog" in den Nullerjahren verkaufte wie geschnitten Brot, erfand man was dazu: Schnuffel. Eine großäugige Hasenlady für eine weibliche Zielgruppe ab Mitte 20, die für die Diddl-Maus schon zu alt war, aber immer noch anfällig ist für Comic-Tiere mit Kindchenschema-dimensionierten Glupschaugen. Und ja, auch Schnuffel feiert Weihnachten.

Jeanette Biedermann: "Infant Light"

Manche Weihnachtslieder werden erst durch das zugehörige Video so richtig schlimm. "Infant Light" von Popsängerin Jeanette Biedermann zum Beispiel. Hier mal ein paar Szenenbeschreibungen: Jeanette im Winterpulli backt in einer gemütlichen Großküche Kekse mit bunten, wie von einem Benetton-Plakat herauskopierten Kindern. Schnitt. Verschmierte Schokokindermünder. Schnitt. Nahaufnahme von Jeanette, die plötzlich auf einer Marmortreppe steht, in rotem Minikleid mit tiefst hängendem Ausschnitt. Schnitt. Konzentrierte, feierlich frisierte Kinder zuckern Kokos auf Kekse.

Schnitt. Nahaufnahme von Jeanettes Beinen, die ungefähr erst auf Hüfthöhe wieder in diesem minimalistischen Mini-Kleid verschwinden. Schnitt. Die bunten Benetton-Kinder brechen gemeinsam einen bunten Lebkuchenmann auseinander. Schnitt. Nahaufnahme: Jeanette auf Marmortreppe mit bereits erwähntem Riesenausschnitt, hält sich einen riesigen silbernen Vibrator an den Mund, der als Mikrofon getarnt ist. Merke: Sex sells auch an Weihnachten. Dieses plumpe, aber wirkmächtige Prinzip lässt sich mit Kekskindriger-Weihnachts-Unschuldsoptik und gespielter Besinnlichkeit ganz leicht kaschieren.

Celine & Ray: "Der Schneemann drückt ein Auge zu"

Für uns Musikjournalisten ist es ein überlebenswichtiges Werkzeug: die Online-Plattform MPN. Das Musik Promotion Network. Hier gibt es jede Menge neue Platten bereits vorab zu hören. Im Advent geht es auf diesem Internetportal zu wie bei einem Unfall. Eine akustische Massenkarambolage, bei der man nicht wegschauen, beziehungsweise weghören kann vor lauter Fassungslosigkeit. Weil: Einen relevanten Markt scheint es ja wohl offensichtlich zu geben für Plattenlabels wie "Schlagerhotel" oder Tochter-Vater-Duos wie Celine & Ray und derer diesjährigen Weihnachts-Single: "Und der Schneemann drückt ein Auge zu."

Tiny Tim: "Claus Has Got the AIDS this Year"

Herbert Buckingham Khaury aus Manhattan hat sich als Künstler nach einer Figur aus einem Charles-Dickens-Roman benannt: Tiny Tim. Ein skurril obskurer Entertainer in viel zu kleinen Anzügen. 1985 trällerte er mit seine Ukulele das Lied vom unter Aids leidenden Santa Claus, dessen Besuch in diesem Jahr krankheitsbedingt ausfallen muss. Selbst für Tiny-Tim-Verhältnisse ein Zacken zu krass. Aber so eindeutig ist die Sache nicht, wie sie scheint. AIDS war Anfang der 1980er den meisten noch kein Begriff. Was die Menschen in den USA damals aber sehr wohl kannten, war eine appetitzügelnde Diätschokolade namens AYDS.

Wollte uns Tiny Tim, der zu Lebzeiten unter Diabetes litt, eigentlich nur für die gesundheitlichen Folgen erhöhten Süßigkeitenkonsums zur Weihnachtszeit sensibilisieren? Die endgültige Wahrheit über den Song nahm Tiny Tim 1996 mit in sein Grab. Samt Ukulele. Das Ende vom Lied: Die AYDS-Schoko-Riegel sind längst verschwunden, Tiny Tims "Santa Claus Has Got the AIDS this Year" dagegen hat einen Stammplatz in Listen mit den schlimmsten Weihnachtsliedern. Quod erat demonstrandum!

Der "Trabi Trab Kling Glöckchen Mix"

Im Zuge des Mauerfalls vor 30 Jahren entstand um das sächsische Künstler-Urgestein Gert Schaarschuch ein Synthie-Disko-Ding namens "Trabi Trab". Abgekultet in Ostdeutschland und auch in "Alles Nichts Oder", der Show mit den Tortenorgien von Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder. Dem Mauerfall folgt nun ein Hörsturz: Ok, dass der Song "Trabi Trab" eine jubiläumsbedingte Remix-Frischzellen-Kur bekommen würde, war abzusehen, aber das, was das deutsch-österreichische DJ-Duo WiLo darüber hinaus macht, ist nicht mal mit einer Überdosis an Zimtsternen zu ertragen: der "Trabi Trab Kling Glöckchen Mix".

Immerhin: Der Song hat ungefähr die gleiche Anzahl an Beats pro Minute wie "Last Christmas" in der neuen Coverversion von DJ Ostkurve feat. Quetschn Academy. Die Songs lassen sich also geschmeidig ineinander mixen und heben endgültig alle Grenzen auf – im Spannungsfeld zwischen Bescherung und bescheuert.

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