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Weibliche Revolution: Die mutigen Frauen von Belarus

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Weibliche Revolution: Die mutigen Frauen von Belarus

Über vier Monate dauert der Protest gegen Diktator Lukaschenko an. Schon jetzt hat der Mut der Menschen Belarus verändert. Viele der Demonstrierenden sind Frauen. Ein neues Buch zeigt dieses "Weibliche Gesicht der Revolution" – und hinterfragt es.

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Von
  • Christine Hamel

Es ist Revolution. Keine stürmende und alles mit sich hinwegreißende, sondern eine beharrliche, die der Übermacht des Staates mit friedlicher Präsenz und Schönheit trotzt. Marina, 58 Jahre, berichtet am 13. August aus Minsk: "So schöne Frauen, so viele Blumen. Alle lächeln, alle umarmen sich, alle reden miteinander. So eine Einigkeit, so eine – weiß nicht – sogar Brüderlichkeit!" Der plötzlich entdeckte Gemeinsinn bedeutet viel, denn diktatorische Regime setzen alles daran, die Gesellschaft zu atomisieren. Vereinzelung erleichtert das Durchregieren von oben nach unten und erschwert gemeinschaftliches Handeln. Aber den Belarussen gelingt ein Durchbruch.

Mittendrin im Kampf um Freiheit

"Der Point Of No Return ist die Sichtbarkeit", schreibt die Übersetzerin Iryna Herasimovich in der Flugschrift "Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution". Ein vielstimmiges Buch in der edition.fototapeta, das man atemlos verschlingt, weil man plötzlich mittendrin ist im Kampf um Freiheit und Demokratie, im Prozess einer politischen Selbstermächtigung und im Aufstand gegen die Herabwürdigung zum Stimmvieh.

Andreas Rostek ist einer der Herausgeber des Revolutionsberichts: "Wir haben das 'Geschichtsschreibung des Augenblicks' genannt. Und das ist es ja auch. Denn niemand kann sagen, wie dieser Aufstand ausgeht. Aber man kann jetzt schon sagen, dass sich das Land radikal verändert hat." Rostek bildet in beeindruckender Weise die Selbstverständigungsprozesse der Belarussen ab, das Gesellschaftsgespräch während der Revolution. Vieles ist hastig und eilig verfasst, um Schritt zu halten mit den Ereignissen. Rostek: "Das Ausmaß der Proteste hat ja alle überrascht. Das gilt auch für die Repressionen. Hierzulande war Belarus für die meisten ja so etwas wie ein weißer Fleck auf der politischen Landkarte Europas."

Wo sind die Akademikerinnen?

Im Buch liest sich das so: "Die Menschen zeigen sich, zeigen ihren Willen, und sie sehen einander. Das kann nicht rückgängig gemacht werden." Auch nicht in Europa. Minsk ist nicht mehr irgendwo verloren in der osteuropäischen Tiefebene, sondern Hauptstadt eines bewegend würdevollen Aufstands gegen massive Menschenrechts-Verstöße. Dennoch, schreibt Elke Schmitter, "bleiben sie merkwürdig allein mit ihrem Protest. Keine lautstarke Unterstützung feministischer Akademikerinnen, die mit so viel Geduld und Energie jedes krause Haar zu spalten bereit sind, wenn es um Gendersternchen, pink gefärbten Achselbewuchs oder gefühlte Diskriminierung geht."

24 Autorinnen geben in Essays, Interviews, Protokollen, Artikeln und Gedichten Einblicke in die Umwälzungen und die damit einhergehenden Energien. Sie setzen große Entschlossenheit frei, Kreativität, politische Selbstermächtigung, neue Geschlechterdynamiken, Humor, Selbstverständigung über online-Medien und überhaupt ein hohes Maß an Selbstorganisation. "Die Realität neu kennenzulernen, ist harte Arbeit", schreibt Irina Herasimowitsch. Denn natürlich ziehen nicht alle am gleichen Strang. Es sind viele Strömungen, die in dieser Revolution zusammenkommen.

Eine aufklärerische Flugschrift, auch über Europa

Das Buch versprüht nicht nur optimistischen Jubel. Es wirft auch kritische Fragen auf, zum Beispiel wie tragfähig die häufige Etikettierung vom "weiblichen Gesicht" der Revolution ist. Andreas Rostek: "Das Bild dieser Revolution war ja von Anfang an das eines Aufstands der Frauen. Und deshalb haben wir ausschließlich Frauen gebeten, uns zu erklären, was es damit auf sich hat. Trifft denn das Bild zu, das hier im Westen von dieser Revolution verbreitet wird? Sind es Frauen, die das bestimmende Element sind? Oder ist es gar eine feministische Aktion, die wir da beobachten? Diese Fragen werden vielstimmig in dem Buch behandelt, insofern geht es weit über eine Dokumentation hinaus."

"Belarus!" ist eine aufklärerische Flugschrift nicht nur über eine immer noch unentschiedene Revolution, sondern auch über Europa und Russland. Man wünscht ihr mindestens so viele Leser, wie jeden Sonntag in Belarus auf die Straße gehen.

"Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution". Hg. Andreas Rostek, Thomas Weiler, Nina Weller und Tina Wünschman. edition.fototapeta, 2020.

© fotoTAPETA_Flugschrift
Bildrechte: fotoTAPETA_Flugschrift

Das Buch zur aktuellen Lage: Cover von "Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution"

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