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Perspektivwechsel erwünscht: Lenbachhaus zeigt nur Künstlerinnen | BR24

© BR/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Schonungslose Nacktheit, Bruch mit Rollenmustern, Ästhetik der Verwundbarkeit: Ausnahmslos Werke von Frauen zeigt die Ausstellung "Die Sonne um Mitternacht schauen" im Münchner Lenbachhaus. Ein Appell für Perspektivenwechsel.

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Perspektivwechsel erwünscht: Lenbachhaus zeigt nur Künstlerinnen

Schonungslose Nacktheit, Bruch mit Rollenmustern, Ästhetik der Verwundbarkeit: Ausnahmslos Werke von Frauen zeigt die Ausstellung "Die Sonne um Mitternacht schauen" im Münchner Lenbachhaus – mit einer ganz bestimmten Absicht.

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Es beginnt bunt, beinahe plüschig, auf den ersten Blick nett und auf den zweiten irritierend: An der Wand hängen zwölf Maschinenpistolen, aus verschiedenen Stoffen wie Filz, Samt, Satin. Die Münchner Künstlerin Michaela Melián hat für ihre Installation "Mossberg Model Bullpup" die Form eben dieser Pistole nachgenäht und mit Watte ausgestopft, ähnlich wie Teddybären. 1992 entstand diese Arbeit, während der Zeit der Golfkriege und der Bürgerkriege im damaligen Jugoslawien. Michaela Melián spielt dabei mit der klassischen Rollenverteilung, meint Kuratorin Eva Huttenlauch: "Sie nimmt ein Objekt, das herkömmlich männlich konnotiert ist: hart, robust, eine Kriegswaffe, und dreht es eigentlich in einen Bereich, der normalerweise mit einer Frau konnotiert ist: das Weiche, das Textile, dieses Wohlfühlen die glatte Oberfläche."

© VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Michaela Melián, Mossberg Model Bullpup, 1992, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Es gehe in der Ausstellung "Die Sonne um Mitternacht schauen" im Münchner Lenbachhaus darum, bewusst Perspektiven umzukehren und dadurch das Bewusstsein zu öffnen, sagt Kuratorin Eva Huttenlauch. So werden Zuschreibungen und Rollenklischees infrage gestellt. Ein weiteres Beispiel: 1968 geht die Linzer Performancekünstlerin Valie Export mit ihrem Tapp- und Tastkino auf die Straße: Statt eines Bauchladens hat sie sich eine Schachtel vor den Busen gebunden. Sie ist das Kino: Jeder Mann darf für 33 Sekunden ihre Brüste anfassen, was ein Video anschaulich dokumentiert. Verzückte Männerblicke, und eine amüsierte Valie Export in Lockenperücke. Das, was im Kino vorgespielt wird, übersetzt die Künstlerin ins Leben. Fortsetzung fand die Aktion in einem zweiten Projekt: Aktionshose Genitalpanik, mit der Export durch eine enge Kinoreihe lief, an den Besuchern vorbei, mit ausgeschnittener Scham.

Veränderung der Perspektive

"Die Sonne um Mitternacht schauen", der Titel der Ausstellung, ist für Eva Huttenlauch wie das Brennglas, durch dass der Besucher und die Besucherin durch die Räume gehen können – auf Corona-tauglichen Rundwegen. Es gehe um das Hineindenken in den anderen und deren Situationen, im Leben, in der Kunst: "'Die Sonne um Mitternacht schauen': Erstmal denkt man, das geht doch gar nicht," erklärt Huttenlauch. "Und dann stellt man fest: Doch, die Sonne ist ja zu jeder Zeit irgendwie zu sehen, auch um Mitternacht. Sie liegt dann vielleicht hier auf unserer Erdhalbkugel im Dunkeln. Aber auf der anderen Erdhalbkugel ist helles Licht. Und das ist genau das, was wir thematisieren wollten. Dass es um Dinge und um Themen geht, die für einen Teil der Gesellschaft oder der Menschen keine Rolle spielen, für den anderen aber umso mehr."

© Candice Breitz

Candice Breitz, Earworm (Ten Songs from Beyond), 2002, 80 Schallplatten-Cover, Detail,

Fremdheit und Zwang

Wer ist fremd, wer zuhause? Wie weit sind wir mit der Gleichberechtigung? Wo stehen wir in der Frage der Fremdenfreundlichkeit? Das fragt Candize Breitz die Besucher mit ihrer Videoinstallation "Alien". Die Südafrikanerin ließ 2002 zehn Einwanderinnen und Einwanderer in Berlin deutsche Lieder singen, von "Hänschen klein" bis zu "Ein Prosit der Gemütlichkeit." Doch die Videos sind synchronisiert von einem Deutschen, allerdings nicht lippensynchron. Der Verfremdungseffekt der Fremden, erklärt Eva Huttenlauch: "Das soll darauf aufmerksam machen, dass Sprache natürlich etwas mit Kultur zu tun hat und auch mit der Eingliederung in eine fremde Kultur und dem Selbstverständnis in einer fremden Kultur. Es geht aber auch um eine Form, die jemandem hier aufoktroyiert wird, mit der sich jemand vielleicht überhaupt nicht identifiziert. Denn es ist ja auch nicht jeder freiwillig in Deutschland."

Ästhetik der Verwundbarkeit und Brutalität

Weil die Künstlerinnen nicht mehr andere Frauenkörper malen wollten, da sie so deren Körper benutzt hätten, ganz wie die männlichen Kollegen, hatten sie nur noch ein Modell, nämlich sich selbst: Und so ist die österreichische Künstlerin Maria Lassnig in ihren Bildern das "Landmädchen", nackt auf dem Moped, oder nackt, dick und faltig vor Kuchen und Torten. Cindy Sherman fotografiert sich selbst und inszeniert sich als Mann, als Frau – oder gar als einen Haufen Dreck? Friederike Petzold schneidet ihren Körper im Video in vier Teile und reduziert sich auf Augen, Mund, Brüste und Schamdreieck.

Die Ästhetik der Weiblichkeit in diesen Arbeiten hat etwas Verwundbares, Berührendes und gleichzeitig etwas Martialisches, fast Brutales. Unberührt geht man jedenfalls nicht wieder nach draußen. "Die Sonne um Mitternacht sehen" bedeutet eben auch, sich für das interessieren, was auf der anderen Seite der Welt gerade geschieht. Ob es einem gefällt oder nicht.

Die Ausstellung "Die Sonne um Mitternacht schauen" ist vom 29. September bis 01. August 2021 im Lenbachhaus zu sehen.

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