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Wehe, wenn der Pförtner lacht: "Otello" in Regensburg | BR24

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Verdis große Oper in einer musikalisch stark reduzierten Version: Regisseurin Verena Stoiber zeigt das Eifersuchtsdrama als so schauriges wie aktuelles Puppenspiel, bei dem das ganze Theater mitmacht und die Botschaft sendet: "Ohne uns ist Stille".

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Wehe, wenn der Pförtner lacht: "Otello" in Regensburg

Verdis große Oper in einer musikalisch stark reduzierten Version: Regisseurin Verena Stoiber zeigt das Eifersuchtsdrama als so schauriges wie aktuelles Puppenspiel, bei dem das ganze Theater mitmacht und die Botschaft sendet: "Ohne uns ist Stille".

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Die Mauren hat der venezianische Feldherr Othello in diversen Seeschlachten ja mit Bravour besiegt, und als ob das nicht schon genug der Ehre wäre, hat er jetzt auch Corona einigermaßen in Schach gehalten. Jedenfalls ließ er sich am Theater Regensburg von der Pandemie nicht unterkriegen, und das ist keine Selbstverständlichkeit, denn Verdis "Otello" ist nun mal eine ganz große Oper, mit Chor, vielköpfigem Orchester und effektvollen Massen-Szenen. Geht natürlich alles gar nicht, bei den aktuellen Abstandsregeln und Hygiene-Bestimmungen.

"Eine extreme Herausforderung"

Also hatte der Regensburger Intendant Jens Neundorff von Enzberg ein Problem mehr. "Wir hatten 'Otello' eigentlich als letzte Premiere in der vergangenen Spielzeit geplant, und dann haben wir überlegt, was machen wir?", sagt er dem BR. "Das Regieteam hatte einfach Lust, noch einmal komplett neu zu denken. Ich bin sehr glücklich, dass wir diesen Weg gemeinsam gegangen sind. Es gibt ja diese kleine Fassung mit 21 Musikern, die wir heute Abend spielen. Das ist eine extreme Herausforderung. Aber ich bin der Meinung, dass das musikalisch funktioniert. Und ich muss sagen, inszenatorisch ist es kein Kompromiss, es ist wirklich Konzept. Insofern habe ich ein ganz gutes Gefühl mit diesem 'Otello'."

© Jochen Quast/Theater Regensburg

Wasserschlacht: Adam Krużel als Jago

Und dieses Gefühl trog nicht: Regisseurin Verena Stoiber und ihrer Ausstatterin Sophie Schneider gelang eine absolut zeitgemäße, aber keineswegs aufdringlich auf Abstand bedachte Deutung des "Otello". Es war somit eine Inszenierung in, aber nicht über den derzeitigen Ausnahmezustand. Stoiber orientierte sich an Verdis ursprünglicher und sehr plausibler Idee, eine Oper über Othellos so gerissenen wie intrigensicheren Gegenspieler Jago zu schreiben.

Der Pförtner erfüllt sich einen schaurigen Traum

Der Mann ist bekennender Nihilist, glaubt also an gar nichts, nicht mal an sich selbst, und hält Gott allenfalls für einen schlechten Witz. Anders als der krankhaft eifersüchtige und machohafte Othello ist Jago also ein durch und durch moderner Charakter - und trägt demzufolge in Regenburg auch nicht, wie die anderen Hauptfiguren, ein mehr oder weniger prächtiges Renaissance-Kostüm, sondern graue Hose und unauffälliges Kurzarmhemd - eine Rentner-Kluft. Ganz am Ende stellt sich heraus: Der freundliche, ältere Herr arbeitet als pflichtbewusster Pförtner am Bühneneingang und erfüllt sich einfach mal einen schaurigen Traum.

© Jochen Quast/Theater Regensburg

Jago lässt die Puppen tanzen

So stellt er mit Gliederpuppen Othellos Tragödie nach, lässt ein Schiff im Wäschebottich durch den Sturm segeln, tanzt mit einer Busen-Attrappe durch die Requisite, beäugt das Geschehen auf Monitoren, hat seine Freude daran, die Welt nach seinem radikal gefühlskalten Glaubensbekenntnis wenigstens im Miniformat zu manipulieren, zu dominieren, zu intrigieren. Und weil er sich Gott als bitteren Komödianten vorstellt, lacht er gern fatalistisch.

"Ohne uns ist Stille"

Anlässe dafür gibt es reichlich. Desdemona wird in diesem Fall nicht von ihrem Mann auf dem Bett erwürgt, sie stürzt auf einer Treppe zu Tode, und Othello kann sich danach nicht mal selbst richten, weil sein Revolver Ladehemmung hat. Ein rabenschwarzer und ungemein fesselnder Abend, in dem per Videoeinspielungen das ganze Regensburger Theater und viele seiner Mitarbeiter Auftritte haben. "Ohne uns ist Stille" hieß es auf den Plakaten, die der Chor in die Höhe hielt, wer wollte das bestreiten?

© Jochen Quast/Theater Regensburg

Desdemona wundert sich

Stimmlich imponierte vor allem Adam Krużel als sehr robuster und ausdrucksstarker Jago, während Deniz Yilmaz als Othello zwar eine kernige Mittellage hatte, aber in der Höhe doch schnell an seine Grenzen kam. Die berühmte und gefürchtete Auftrittsarie erledigte er sehr beiläufig - zu harmlos für einen Feldherrn. Deniz Yetim als Desdemona spielte berührend intenstiv, tat sich jedoch mit den vielen Pianissimo-Stellen schwer: Wenn es sehr leise wurde, klang sie recht rau.

"Experimente verschleißen sich"

Dirigent Chin Chao-Lin gelang ein fiebrig-nervöses Klangbild, wie es dieses Eifersuchtsdrama erfordert. Faszinierend, wie er die Streicher elektrisierte und bedrohlich vibrieren ließ. Innigkeit wollte da allerdings nur selten aufkommen. Insgesamt ein sehr kühler "Otello", oder, um den Intendanten zu zitieren, alles war Konzept. Womöglich war das eine Spur zu augenfällig, denn dieses Konzept geriet wirklich keine Sekunde in Vergessenheit. Jens Neundorff von Enzberg: "Es war dieses Mal ein Experiment und Experimente verschleißen sich, wenn man sie permanent wiederholt."

Wieder am 20. und 27. September am Stadttheater Regensburg, weitere Termine.

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