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Wegen ihm heulte Romy: Claus Biederstaedt gestorben | BR24

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Er war ein ungemein erfolgreicher Synchron-Sprecher, beliebter Boulevardtheater-Schauspieler und viele Jahre der "Liebhaber vom Dienst" im Kino. Gern hätte Biederstaedt mehr ernste Rollen gespielt, doch das trauten ihm die Produzenten nicht zu.

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Wegen ihm heulte Romy: Claus Biederstaedt gestorben

Er war ein ungemein erfolgreicher Synchron-Sprecher, beliebter Boulevardtheater-Schauspieler und viele Jahre der "Liebhaber vom Dienst" im Kino. Gern hätte Biederstaedt mehr ernste Rollen gespielt, doch das trauten ihm die Produzenten nicht zu.

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Von
  • Peter Jungblut

Dass seine Filme aus den fünfziger und sechziger Jahren immer noch regelmäßig im Fernsehen zu sehen waren, das fand Claus Biederstaedt nach eigenen Worte "furchtbar", wusste er doch ganz genau, dass die Zeit längst über den bunten Kitsch der Nachkriegszeit hinweg gegangen war. Gleichwohl erinnerte sich der Schauspieler gern an den damaligen Rummel, als für Filmpremieren wie "Drei Männer im Schnee" oder "Charleys Tante" noch der Berliner Kurfürstendamm gesperrt werden musste. "Unglaublich, die Menschen haben sich schier umgebracht, um uns zu sehen", erinnerte sich Biederstaedt 2008 in einem Fernsehinterview mit Tele 5: "Wir waren wie Kaiser oder Ersatzkönigshäuser. Dieser Kult, das Unnahbare wurde ganz bewusst praktiziert. Wenn ich an unsere Filmpremieren denke: Da fuhr ein dreieckiger Polizeikordon auf Motorrädern, wir saßen im offenen Auto mit einer Konfettiparade und fuhren durch eine Flucht von Straßen, alle schwarz von Menschen. Das Kino war ein großer Saal mit Riesenleinwänden und zwei bis dreitausend Plätzen. Da bekamen wir natürlich etwas von einem Denkmal, das überlebensgroß ist."

Romy Schneider weinte wegen ihm

Und noch im Alter erlebte Biederstaedt vielsagende Anekdoten, wie er dem "Stern" verriet. Als er vor ein paar Jahren in einem Café in Lübeck saß, bildete sich prompt eine Schlange von Verehrerinnen, die um Autogramme baten - solange, bis am Tisch von Biederstaedt der Kaffee kalt geworden war. Nicht nur die ganz junge Romy Schneider erlag im Film "Feuerwerk" (1953) dem Charme des gut aussehenden Schauspielers, der das Privileg hatte, ihr bei den Dreharbeiten den angeblich allerersten Kuss ihres Lebens zu geben. Das warf sie buchstäblich "um", so dass sie sich heulend in die Garderobe verzog.

© Picture Alliance

Biederstaedt (links) mit Romy Schneider und Hardy Krüger (rechts)

Obwohl er in den vorgerückten Jahren nur noch sehr selten drehte, haderte Biederstaedt nicht damit. Im Gegenteil, er nannte sich selbst öffentlich einen "Grufti" und konzentrierte sich auf das Tourneetheater, dass ihm ohnehin persönlich viel näher war als das Fernsehen: "Es ist in Deutschland sowieso schon immer schwer gewesen, Komödien zu spielen", sagte er in einem Interview, "die Leute zum Lachen zu bringen, und den Anspruch auf künstlerische Arbeit zu erheben, wenn es sich nicht um ein ernstes Stück handelt."

Seine Kameraden fielen an der Ostfront

Geboren im pommerschen Stargard, musste Biederstaedt im Alter von 16 Jahren noch an die Ostfront, wo fast alle seine Kameraden starben. Er selbst rettete sich mit knapper Not in den Westen. Seine Mutter ahnte das nicht und nahm sich aus Kummer aus Leben. Ein bitterhartes Jugend-Schicksal also, typisch für die damalige Zeit, weshalb es nicht verwundert, dass im Kino seichte Stoffe gefragt waren, die ablenkten, zerstreuten, amüsierten.

© Claus Heinsen/Picture Alliance

Mit Grit Boettcher (rechts) in der "Schwarzwaldklinik"

Biederstaedt debütierte 1952 auf der Leinwand, nachdem er es zuvor ein paar Semester mit einem Medizinstudium versucht hatte. Doch die Schauspielerei faszinierte ihn dann doch deutlich mehr. Gefragt, wie er den Kontakt zum Publikum herstelle, seufzte er mal: "Ach Gott, das ist sehr, sehr unterschiedlich geworden. Die Leute sind durch die Überfütterung mit Informationen im Fernsehen und in den Zeitungen - wobei das Fernsehen sicherlich den Vogel abschießt - so wahnsinnig schwer wieder auf den naiven Standpunkt eines Theaterbesuchers zu kriegen."

Dauerliebhaber vom Dienst

Als Synchron-Stimme von so prominenten Hollywood-Größen wie Marlon Brando, Peter Falk und James Garner war Biederstaedt vielfach präsent, was ihm manchmal übrigens peinlich war. So hielt er manche Passage aus dem erotischen Brando-Film "Der letzte Tango von Paris" (1972) für geradezu "obszön" und scheute sich vor lauter Scham, seine Frau mit in die deutsche Premiere zu bringen. Seine Einsätze als fröhlicher, unkomplizierter Dauerliebhaber vom Dienst nervten Biederstaedt eigentlich, weil er sich als deutlich ernsthafteren Typ sah, eine Neigung, die er beim Synchronisieren ausleben konnte - wenngleich er bitter bemerkte: Er spreche dort die Rollen, die ihm als Schauspieler in Deutschland nicht zugetraut würden. Stattdessen verdiente er sein Geld mit Episoden-Auftritten in so populären TV-Serien wie der "Schwarzwaldklinik", "Derrick" und dem "Alten".

Die Knef wollte ihn nach Hollywood holen

Als Hildegard Knef ihn mit nach Hollywood holen wollte, scheute er sich vor dem Sprung in die US-Filmmetropole, weil ihn ein dortiger Produzent rechtzeitig gewarnt hatte, dort seien "gute Typen" gefragt, weniger "gute Schauspieler". Im Nachhinein sah sich Biederstaedt in seiner Skepsis bestätigt und verwies darauf, dass zu seiner großen Zeit, also in den Sechzigern, außer Gert Fröbe kein deutscher Darsteller in den USA wirklich eine Karriere machte, die den Namen verdiente. Später wurde vor allem das Boulevardtheater Biederstaedts künstlerische Heimat, bis er Anfang der achtziger Jahre nach mehreren Krebsoperationen deutlich kürzer treten musste. Er hatte einen Teil seiner Zunge verloren, was das Sprechen naturgemäß sehr erschwerte.

Am vergangenen Donnerstag ist Biederstaedt nach Angaben seines Sohnes kurz vor seinem 92. Geburtstag gestorben.

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