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Wegen Corona: Kunstvermittler in der Krise | BR24

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"Ohne Kunst und Kultur wird's still" – unter diesem Motto machen immer mehr Kulturschaffende auf ihre Situation in der Corona-Krise aufmerksam. Auch Kunstvermittler leiden unter der Pandemie.

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Wegen Corona: Kunstvermittler in der Krise

In Deutschland arbeiten 1,3 Millionen Menschen in Kulturberufen, mehr als ein Drittel davon selbstständig. Dazu gehören auch Kunstvermittler, die zum Beispiel Museumsführungen anbieten. Aktuell haben viele von ihnen keine Arbeit - und nur wenig Geld.

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Waltraud Lenhart aus München hat gerade viel Zeit. Sie kann keine Führungen geben, weil Museen geschlossen sind und ihre Kurse in der Volkshochschule wurden auch alle abgesagt. Lenhart arbeitet als selbstständige Kunstvermittlerin.

Kunstvermittler fühlen sich im Stich gelassen

Ausfallhonorare haben die Museen nur am Anfang des Lockdowns gezahlt, sagt die Kunsthistorikerin. Die staatliche Corona-Soforthilfe von monatlich 1.000 Euro gab es von März bis Mai, seitdem läuft der Museumbetrieb wieder, aber in deutlich reduzierter Form. Wie viel Unterstützung sie im November bekommt, steht noch in den Sternen. Lenhart und ihre Kollegen und Kolleginnen fühlen sich von Gesellschaft und Politik im Stich gelassen.

Sehr viele Kulturschaffende arbeiten freiberuflich

Mit der Kampagne "Ohne Kunst und Kultur wird's still" machen Kulturschaffende auf die aktuelle Situation in der Branche aufmerksam. Manche davon stehen auf der Bühne, viele arbeiten hinter den Kulissen. "Theater besteht ja nicht nur aus den Schauspielern, eine Oper besteht eben nicht nur aus Sängern und aus dem Orchester, sondern es gibt sehr viele, die freiberuflich arbeiten", sagt Lenhart. "Zu normalen Zeiten nutzen die Leute die Angebot gerne. Und jetzt vergessen sie, wer das alles ermöglicht."

Im Mittelpunkt steht der Dialog zwischen Bild und Betrachter

Fast jeder hat schon mal einen Kunstvermittler oder eine Kunstvermittlerin gesehen. Sie machen Führungen oder Workshops in Museen, um die Besucher an die Kunstwerke heranzuführen. Dabei geht es weniger um die Infos wie Jahreszahlen, Maltechniken und dergleichen, sondern vielmehr um den Dialog zwischen Bild und Bildbetrachter, zwischen Kunstvermittler und Museumsbesucher, erklärt Urte Ehlers. Auch sie ist selbstständige Kunstvermittlerin. "Im Grunde bekommt man erst dann einen Gewinn aus der Kunst, wenn es ein eigener Erkenntnisgewinn ist." Statt nur Informationen vorzugeben, helfe sie, die Kunst selbstständig zu interpretieren und sich den Bildinhalt aufgrund der eigenen Lebenswelt zu verstehen.

Kunstvermittler wollen Berührungsängte mit Kunst nehmen

Sie macht Beispiel: "Wir haben ein Selbstporträt von Rubens mit seiner Frau Isabella Brandt, beide tragen spanische Hofmode. Das war damals totschick, sagt Jugendlichen heute aber gar nichts." Also erklärt Ehlers ihren Zuhörern, dass die gemalte Mode damals ungefähr so modern war, wie die aktuellen Outfits der Superstars: "Links ist Beyoncé Knowles, rechts ist Brad Pitt! Dann kapieren sie's, sofort." Urte Ehlers will den Besucher die Berührungsängste nehmen. Am liebsten arbeitet die Kunsthistorikerin mit Kindern und Jugendlichen, weil die weitaus unbefangener auf die Kunstwerke zugingen. Denn ob viel Vorwissen oder wenig: Jeder kann lernen, sich im Bilder-Dschungel zurecht zu finden, sagt sie.

"Kunstvermittlung gilt als Teil der musealen Arbeit"

Und das gilt nicht nur im Museum: Die Emojis etwa, die jeder Smartphone-Nutzer ganz selbstverständlich verwendet, sind von der asiatischen Lebenswelt geprägt. "Einige davon versteht man vielleicht gar nicht auf Anhieb. Mein Vorteil ist, ich habe die Übung des Sehens und ich habe natürlich durch das Studium der Kunstgeschichte ein angesammeltes Umfeldwissen. "

Freiberuflichkeit als wirtschaftlicher Risikofaktor in Krisen

Kunstvermittlung ist für sie eine Berufung. Jedoch hat sie die Erfahrung gemacht, dass die Berufsbezeichnung und ihre besondere Situation den wenigsten bekannt ist: "Die meisten Besucher denken, wir sind festangestellt. Das ist die eine Krux, die andere ist, dass unser Beruf nicht bekannt ist, weil er in Deutschland de facto nicht existiert, weil er als Teil der musealen Arbeit gilt." In der Corona-Krise habe sie viel nachgedacht: "Was ist mein Beruf? was ist meine Berufung? Was ist meine gesellschaftliche Stellung, wenn wir überhaupt nicht wahrgenommen werden?"

Die Museen schaden sich auch selbst

Die Situation der Kunstvermittler schadet nicht nur ihnen selbst, sagt Elke Kollar, die Vorsitzende des Bundesverbands für Museumspädagogik: "Etliche Häuser haben uns jetzt schon berichtet, dass ihnen ihre freiberuflichen, selbstständig tätigen Kräfte wegbrechen, weil sie jetzt in der Situation gezwungen sind, sich andere Verdienstmöglichkeiten zu suchen. Das heißt, sie werden auch nach der Pandemie nicht mehr zur Verfügung stehen."

Kunstvermittlung Kernaufgabe der Museen

Kurzfristig haben die Museen wenig Möglichkeiten, um ihren freiberuflichen Mitarbeitern zu helfen. Künftig sollten sie das System von freiberuflich tätigen, selbstständigen Kräften aber überdenken. Gerade, weil Bildung und Vermittlung zu den Kernaufgaben der Museen gehört.

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