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Aus dem Chemiker Norman wird Norman Anja. Der zweite Vorname stammt von einer Freundin. Denn Norman Anja fühlt sich weder als Mann noch als Frau. Heute möchte Norman Anja Rollenvorbild sein.

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Weder Mann noch Frau: Ein Kampf um Anerkennung

Sichtbarkeit schaffen, das ist für das gesamte queere Spektrum wichtig. Deshalb tritt Norman Anja auch in die Öffentlichkeit. Aus dem Chemiker Norman wurde 2019 offiziell Norman Anja, Geschlecht: divers. Heute möchte Norman Anja Rollenvorbild sein.

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Von
  • Iris Tsakiridis

Endlich ist es soweit, die neue Geburtsurkunde, auf der steht schwarz auf weiß: Geschlecht „divers“. Beim Vornamen Norman Anja: "Das bedeutet jetzt für mich, dass ich jetzt offiziell die Geschlechtskategorie männlich hinter mir gelassen habe. Und jetzt da angekommen bin, wo ich mich seit über 30 Jahren verorte, nämlich nicht als männlich und auch nicht als weiblich."

Jahrzehntelang hat Norman Anja Schmidt aus Nürnberg das Gefühl, ein Geheimnis für sich behalten zu müssen. Das fängt schon in früher Jugend an: Seine Eltern, seine Mitschüler, niemand ahnt, welche inneren Kämpfe in dem Buben stattfinden. "Das war sicherlich in der Schulzeit etwa sechste, siebte Klasse, als die Pubertät eben einsetzte. Da habe ich gemerkt, dass sich bei mir das Kucken nach Mädchen nicht entwickelt hat. Und dass ich nicht die Jungsrolle spielen wollte."

Passt als Jugendlicher in keine Geschlechterrolle

Norman weiß, dass er sich auch nicht zu Jungs hingezogen fühlt, dass er nicht homosexuell ist. Er passt in gar keine Geschlechterrolle und ist mit diesem Gefühl allein, hat niemanden, mit dem er darüber sprechen kann.

"Ich habe nicht das Gefühl gehabt, ich könnte mich einem Arzt anvertrauen und er würde mich zu dem Zeitpunkt verstehen, weil ich das Phänomen nirgendwo anders gesehen habe oder darüber gelesen habe. Deshalb dachte ich, das ist vielleicht nur Einbildung oder ich mach das, weil ich irgendwie das Gefühl habe, etwas Besonderes zu sein. Oder sein zu wollen." Norman Anja Schmidt

Norman Schmidt studiert Chemie, geht gern ins Kino und entdeckt Filme mit Transgenderthemen. Es eröffnen sich neue Horizonte. Er erinnert sich: "Ein Film hat mir zum ersten Mal den Begriff „Geschlecht als Spektrum“ gezeigt. Ich habe also gesehen, es gibt mehr als nur Mann und Frau. Es gibt etwas dazwischen und auch daneben und das fassen auch andere so auf. Und da war für mich eine neue Möglichkeit gegeben, mich anders verorten zu können. "

Ein Vierteljahrhundert später: Aus dem Chemiker Norman wird Norman Anja. Der zweite Vorname stammt von einer Freundin. Die binäre Geschlechterordnung ist aufgebrochen. In dem alten Stammkino gibt es sogar eine genderneutrale Toilette. Für Norman Anja ein Vorteil: "Weil ich eine Toilette habe, auf die ich ohne Probleme hineingehen kann. Auf der einen Seite ist es natürlich so, es müsste überall umgebaut werden, wenn so etwas gefordert würde. Und wenn so etwas vorhanden ist, sollte man Leute auch nicht dazu zwingen, sie zu benutzen. Die müssten sich in dem Moment ja outen. "

Wie ist die korrekte Ansprache - Herr oder Frau Schmidt?

Sterne faszinieren Norman Anja Schmidt seit der Jugend. Ein Hobby: Führungen von Besuchergruppen durch die Regiomontanus Sternwarte. Wie ist nun eigentlich die korrekte Anrede, Herr oder Frau Schmidt? "Das ist natürlich schwierig, denn es trifft ja beides nicht zu, Herr und Frau. Ich empfehle den Leuten einfach , den vollen Namen zu sagen. Guten Tag, Norman Anja Schmidt, zum Beispiel, wenn es sein muss. Oder ich bin auch unempfindlich, wenn nur die Vornamen genannt werden."

Norman Anja Schmidt kämpft um Anerkennung. Gegenwind kommt etwa vom „Verein Deutsche Sprache“. Der wehrt sich gegen den angeblichen „Gender-Unfug“. Auch Schriftsteller und Uni-Professoren rufen zum Widerstand auf.

"Menschen wie ich brauchen irgendeine sprachliche Repräsentationsmöglichkeit einerseits. Andererseits soll auch niemand dazu gezwungen werden, seine Sprache, seine Gewohnheiten allzu sehr zu verändern. Meiner Meinung nach ist eine sachliche Debatte angebracht. Und solche Aufrufe wie „Schluss mit Genderunfug“ tragen jetzt gerade nicht zur Sachlichkeit bei." Norman Anja Schmidt

Die LGBTIQ-Community übernimmt die englischen Pronomen "They" und "Them" für diverse und non-binäre Menschen, für die meisten klingt das aber seltsam.

Norman Anja Schmidt möchte Rollenvorbild sein. Als Teenager hätte der Junge Norman ein solches dringend gebraucht. Heute fühlt sich Norman Anja angekommen, im dritten Geschlecht, divers.

Mehr zum Thema "Queeres Leben - zwischen Ausgrenzung und Akzeptanz" am Mittwoch, 14. Juli 2021 in der Sendung STATIONEN im BR-Fernsehen und in der BR-Mediathek.

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