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© Audio: BR / Bild: Francisco Seco/AP
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"Was wir Frauen wollen" ist kein durchweg gelungenes Buch, sagt unsere Kritikerin. Sie sagt aber auch: Wenn die Grande Dame der hispanoamerikanischen Literatur zur Frauensolidarität aufruft, hat das Gewicht.

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"Was wir Frauen wollen": So ist das neue Buch von Isabel Allende

Ihr "Geisterhaus" führte in den 1980ern monatelang die Bestsellerliste an – seitdem ist Isabel Allende ein großer Name in der Literatur Lateinamerikas und der Welt. Nun hat die 79-jährige Chilenin ihr "feministisches Vermächtnis" geschrieben.

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Von
  • Gabriele Knetsch

Isabel Allendes Essay "Was wir Frauen wollen" ist das feministische Vermächtnis einer 79-jährigen Erfolgsschriftstellerin, deren Ziel es von Kindheit an war, auf eigenen Beinen zu stehen. Allende, die sich 1982 mit ihrem Debütroman "Das Geisterhaus" in die männliche Riege der lateinamerikanischen Boom-Autoren katapultiert hat, erzählt, mahnt und appelliert in ihrem Essay. Wenn Essay überhaupt das richtige Wort ist. Das Buch steht mehr in der hispano-amerikanischen Tradition der "Charla" – der intellektuellen Plauderei – als der gelehrten Abhandlung.

Allende verschränkt darin anschaulich und unterhaltsam ihre eigenen Erfahrungen mit ihren feministischen Grundsätzen. Ein Manifest, wie der deutsche Titel suggeriert, ist das Buch keinesfalls, eher ein persönliches Bekenntnis. Am Anfang steht das Schicksal ihrer eigenen Mutter. Diese Chilenin ohne Ausbildung und eigenes Vermögen, genannt Doña Panchita, kehrte in ihr Elternhaus zurück, als Isabel drei war – verlassen vom Ehemann, ohne Unterhalt, mit drei kleinen Kindern. Isabel wurde von ihrem Großvater erzogen: "Von klein auf nahm ich an, dass ich so früh wie möglich auf eigenen Füßen stehen und für meine Mutter sorgen müsste.", heißt es im Buch. "Diese Annahme ergab sich aus dem, was mein Großvater mir vermittelte, der als unangefochtener Patriarch der Familie begriff, dass es ein Nachteil war, eine Frau zu sein, und mir die Waffen in die Hand geben wollte, damit ich nie abhängig sein müsste."

Das sind die starken Teile des Buches, in denen Allende ihren Leserinnen und Lesern erklärt, wie das Leben sie zur Feministin gemacht hat. Selbstverständlich war ihr Weg keineswegs, denn die Chilenin wuchs in einer konservativen Gesellschaftsschicht auf, in der höhere Töchter auf die Ehe und nicht auf die Selbständigkeit vorbereitet wurden. Erst ihre finanzielle Unabhängigkeit ermöglichte der Schriftstellerin ihre intellektuelle Unabhängigkeit – und umgekehrt! Mit Anfang 20 las die frühere Journalistin Betty Friedan und Kate Millett und schrieb über häusliche Gewalt, Verhütungsmittel und Abtreibung.

Schwangerschaftsabbruch in der Küche

Sie hat sogar selbst einen Schwangerschaftsabbruch miterlebt – eine der eindringlichsten Passagen in "Was wir Frauen wollen". Allende begleitete als Jugendliche eine Freundin zu einer Kurpfuscherin, die die Operation unter lebensbedrohlichen Bedingungen in ihrer Küche vornahm, denn im Chile der 60er-Jahre war Abtreibung strengstens verboten. Das freie Recht auf Abtreibung fordert die Schriftstellerin noch als 79-Jährige. Genau so wie das Recht der Frauen, selbst über ihren Körper zu entscheiden und das Recht auf sexuelle Lust und sinnliche Liebe.

"Wer entscheidet über den Köper einer Frau und die Zahl der Kinder, die sie bekommen kann und will? Männer in der Politik, in Religion und Justiz, die eine Schwangerschaft nie am eigenen Leib erfahren, weder gebären, noch je Mutter sein werden. Solange Gesetzgebung, Religion und Gepflogenheiten den Vätern nicht dieselbe Verantwortung für eine Schwangerschaft zuweisen wie den Müttern, sollten Männer in dieser Angelegenheit ihre Meinung für sich behalten, es geht sie nämlich schlicht nichts an."

Weniger überzeugend lesen sich jene Abschnitte, in denen Isabel Allende weltweit auf die Situation von Frauen heute eingeht. Viele Themen wie häusliche Gewalt, Altersdiskriminierung von Frauen oder Frauen in Machtpositionen reißt sie an, geht aber kaum in die Tiefe – und bietet kaum neue Analysen. Isabel Allendes Buch ist eben mehr "Charla" als Essay – man kann sich die Autorin gut im Kreise ihrer gleichaltrigen Freundinnen vorstellen, wie sie am Küchentisch sitzen und darüber diskutieren, ob man als Feministin auch geschminkt an der Schreibmaschine sitzen oder im Alter noch verführerisch sein kann.

Dennoch hat es Gewicht, wenn die 79-jährige Grande Dame der südamerikanischen Literatur die jüngeren Generationen zur Frauen-Solidarität aufruft – und auch dazu, nicht das zu verspielen, was ihre Mütter und Großmütter erreicht haben. Zurecht führt die Autorin die aktuellen Frauenproteste auf den Straßen oder rückschrittliche Gesetzesvorhaben in etlichen Ländern an, die das Rad der Geschichte zurückzudrehen drohen.

Wichtiges Anliegen, entspannter Ton

Das alles tut Isabel Allende in einem wohltuend unaufgeregten, fröhlichen und entspannten Tonfall. "Was wir Frauen wollen" ist keine Kampfansage, sondern das persönliche Bekenntnis einer Schriftstellerin, die im Alter zu sich selbst gefunden hat, sich nichts mehr beweisen muss und noch als alte Dame ihre große Liebe gefunden hat. Und es ist ein hoffnungsvolles Buch – denn Isabel Allende vertraut den jungen Menschen, dass sie für eine bessere und gerechtere Welt eintreten werden wie sie selbst.

Isabel Allendes Buch "Was wir Frauen wollen" ist bei Suhrkamp Insel erschienen. Übersetzt hat es Svenja Becker.

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