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"Was sich hier abspielt, ist ein riesiges Drama" | BR24

© Audio: BR / Bild: dpa/Marton Monus

Studenten der Universität für Theater- und Filmkunst (SZFE) und ihre Sympathisanten demonstrieren in Budapest für die Autonomie der Universität.

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"Was sich hier abspielt, ist ein riesiges Drama"

Die Universität für Theater- und Filmkunst in Budapest soll politisch auf Linie gebracht werden. Doch die Angriffe auf die Kunstfreiheit sorgen nun für immer mehr und immer breiteren Protest, verrät der Ungarn-Kenner Wilhelm Droste im Gespräch.

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Seit Anfang September hat an der Universität für Theater- und Filmkunst in Budapest ein Kuratorium das Sagen, das die nationalkonservative Regierung von Ungarns Premier Viktor Orbán eingesetzt hat. Die Universitätsgremien und Lehrkräfte wurden entmachtet und sind daraufhin aus Protest zurückgetreten. Studierende halten die Hochschule nun besetzt. Aber nicht nur sie gehen auf die Barrikaden, viele Budapester*innen haben sich bei Protestakationen solidarisiert. Christoph Leibold hat mit dem Ungarn-Kenner, Publizisten und Autor Wilhelm Droste über die Situation gesprochen.

Christoph Leibold: Diese, man muss schon sagen: Gleichschaltungspolitik, die die Regierung Orbán betreibt und die zum Beispiel in der Kunst nur so genannte "nationale Werte" propagiert sehen möchte, ist nichts Neues. Das geht schon länger. Wieso also jetzt der Protest in dieser Vehemenz? War die Übernahme der Universität für Theater- und Filmkunst durch das regierungsnahe Kuratorium der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat?

Wilhelm Droste: Ja, einer von vielen Tropfen. Es gibt ja immer wieder neue und leider auch alte. Mit ähnlicher Strategie wurde die Akademie der Wissenschaften mehr oder weniger entmündigt. Und das größte Internet-Organ "Index" wurde entmachtet. Es gibt eigentlich mit großer Zuverlässigkeit seit zwei Jahren, seit Viktor Orbán angekündigt hat, dass er das Land jetzt auch kulturell nationalisieren will, diese Tropfen. Und das ist vielleicht ein Tropfen zu viel, denn diese Geschichte hat ein sehr offenes Ende.

Inwiefern?

Die Studenten und die Lehrer der Theater- und Film-Universität hatten Angst, dass sie diesen großen Weg von ihrer Universität zum Parlament nicht mit Menschen füllen könnten. Sie hatten gesagt: Wir müssen unbedingt 5.000 Leute auftreiben, damit diese Demonstration auch wirklich klappt. Und am Ende waren es dann wohl weit über 10.000 Menschen. Das heißt, dass diese Sache wirklich um sich greift und auch die Solidarisierung spektakulär zunimmt. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Diese neue, aufoktroyierte Führung findet überhaupt keine wirkliche Solidarität und klagt darüber, dass keiner hinter ihr steht. Es wird richtig schwer, Leute zu finden, die bereit sind, in diese schändlichen Stiefel zu treten.

Präsident des neuen Kuratoriums ist Attila Vidnyánszky, ein Orbán-Vertrauter, außerdem Intendant des Nationaltheaters in Budapest und überhaupt der starke Mann im ungarischen Theater. Der stand eigentlich mal, wenn ich recht informiert bin, für sowas wie ungarisches Avantgarde-Theater. Was ist da passiert?

Ja, das kann man kaum glauben, dass genau die Leute, die ihn heute fürchten und bekämpfen, ursprünglich nach Ungarn gelockt haben. Denn er stammt aus der Ukraine. Das ist ein Nachbarstaat. Im südöstlichen Teil der Ukraine leben relativ viele Ungarn. Und da hat er mit einem sehr leidenschaftlichen Theater auf sich aufmerksam gemacht. Das wurde sehr honoriert und hofiert, und er wurde im Grunde genommen mit sehr offenen Armen aufgenommen, aber inzwischen bedauert mancher, dass er die Arme so weit geöffnet hat, denn Vidnyánszky wird immer mehr zur wichtigsten Schachfigur im kulturpolitischen Kampf von Viktor Orbán.

Wie erfolgreich, oder – Sie haben schon angedeutet – eben nicht besonders erfolgreich ist dieses Theater nach Orbáns Geschmack beim Publikum? Man kann zwar versuchen, Theatermacher*innen auf Linie zu bringen oder auszutauschen. Aber man kann nicht die Leute zwingen, ins Theater zu gehen. Wie sieht es aus im Nationaltheater? Das fährt ja schon die Linie, die Orbán möchte.

Das Nationaltheater war zuvor ein sehr beliebter Ort und ständig ausverkauft. Auch heute gibt's zwar manchmal noch volle Häuser. Es ist allerdings so, dass viele, viele Karten verschenkte Karten sind. Künstlich wird so das Theater erfolgreich gehalten. Insofern ist das auch schon ein Zeichen: Wenn Vidnyánszky das gesamte Theater und den ganzen Kulturbetrieb in den Griff nimmt, wird das dazu führen, dass sich die ungarische Kultur immer mehr marginalisiert und eigentlich nicht mehr wirklich ernst zu nehmen ist.

© Bernd von Jutrczenka/dpa

Gegen ihn richten sich die Proteste: Premier Viktor Orbán

Solidaritätsadressen für den Protest der Studierenden kamen auch aus Deutschland. Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne, hat sich solidarisiert. Oliver Reese, Intendant am Berliner Ensemble, hat die Teilnahme an einem Festival, das Attila Vidnyánszky leitet, abgesagt. Das ist einerseits ein Schritt mit Signalwirkung, andererseits könnte man sagen, dann bekommt das Publikum in Budapest oder Ungarn, das keine staatskonforme Kunst sehen will, ja noch weniger Alternativen geboten. Ist Boykott also überhaupt der richtige Weg?

Das ist natürlich ein Verlust. Auf der anderen Seite ist es wohl das einzige Zeichen, das auch Vidnyánszky, wirklich versteht. Er hat sich gerade über diese Absage sehr geärgert. Überhaupt ärgert er sich sehr stark, dass weder international und erst recht nicht national Leute wirklich offen hinter ihm stehen. Er bekommt jede Menge Mails, die ihn unterstützen, aber keiner wagt es im Licht der Öffentlichkeit, sich mit dieser Übernahme der Universität zu identifizieren. Und auch das ist ein gutes Zeichen. Das heißt nämlich, dass dieser ganze Protest tatsächlich Wirkung tut.

Sie klingen relativ hoffnungsvoll, dass damit nun ein breiterer Protest losgetreten ist. Andererseits passiert das natürlich in der Stadt, in Budapest. Haben wir es vielleicht auch mit einem typischen Stadt-Land-Unterschied zu tun, und die Mehrheit der Ungarn ist trotzdem weiterhin auf Orbáns Seite? Irgendwer muss ihn ja schließlich gewählt haben.

Das ist auf jeden Fall richtig. Das ist ja auch ein Vorwurf an diese Universität seitens Attila Vidnyánszky: Dass sie urban, kosmopolitisch, weltoffen und liberal ist – statt national, heimatlich und christlich; dass sie also ihren Horizont auf den Kosmopolitismus beschränkt. Das ist mit Sicherheit so. Wobei es eben auch viele, viele Bühnen außerhalb von Budapest gibt, wo sich viele mit den Studenten identifizieren. Was außerdem noch hervorzuheben ist, ist, dass es eine wunderbare Einigkeit gibt. Ich glaube, die Lehrer machen keinen Schritt, ohne sich mit den Studenten abgestimmt zu haben. Die Lehrer, die nicht gekündigt haben, sind völlig solidarisch mit denen, die gekündigt haben, und umgekehrt. Das hat eine wunderbare Kraft. Auch Schriftsteller und Musiker sind begeistert, dass es jetzt wenigstens ein Beispiel gibt für die Form, wie man Widerstand leisten könnte. Das ist ein Lehrstück. Die Universität hat die erste Woche jetzt für unterrichtsfrei erklärt. Das hat Vidnyánszky sehr kritisiert. Aber ich denke, was sich hier abspielt, ist ein riesiges Drama. Und dieses Drama ist für die Studenten ein ganz wichtiger Lernprozess. Drama, das ist ja dem Theater und dem Film nicht fremd. Jetzt sind sie mitten in einem Drama und lernen, glaube ich, mehr als in vielen Semestern zuvor oder danach.

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