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Was mit dem Hotel zum Türken auf dem Obersalzberg geschehen soll | BR24

© Peter Kneffel, dpa-Report

Hotel zum Türken auf dem Obersalzberg soll verkauft werden

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Was mit dem Hotel zum Türken auf dem Obersalzberg geschehen soll

Von der Terrasse des Hotel zum Türken aus konnte man in Hitlers Wohnzimmer im Berghof gucken. Jetzt steht die Ex-Nazi-Immobilie für 3,6 Millionen zum Verkauf. Verheerend, wenn sie in falsche Hände geriete. Der Publizist Ulrich Chaussy im Gespräch.

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Das Hotel zum Türken liegt inmitten des imposanten Bergpanoramas der Berchtesgadener Alpen, 1911 erbaut, 6.700 Quadratmeter Grund, ein "außergewöhnlich schönes Grundstück in traumhafter und ruhiger Lage am Obersalzberg". So steht es in der Verkaufsbeschreibung von Sotheby´s International Reality, einem Franchise-Partner des bekannten Auktionshauses. Für 3,6 Millionen Euro wird das Hotel angeboten, inklusive dunkler Vergangenheit – die allerdings keine Erwähnung findet. Das Hotel zum Türken grenzt an Hitlers ehemaligen, von den Alliierten zerstörten Berghof, einst Feriendomizil und dann zweiter Regierungssitz nach Berlin. Da stellt sich natürlich die Frage: Soll so ein Haus einfach auf dem freien Markt verkauft werden? Der Publizist Ulrich Chaussy hat Terrain und Historie des Obersalzberg in seinem Buch "Nachbar Hitler, Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg" erforscht. Mit ihm hat Barbara Knopf in der Kulturwelt gesprochen.

Barbara Knopf: Das Hotel zum Türken auf dem Obersalzberg teilt mit dem zerstörten Berghof von Hitler die Bunkeranlagen, die noch da sind. Damit wirbt es auch, da steht auf der Website: "Direkte Konfrontation mit der deutschen Geschichte". Hört sich ein bisschen spooky an. Was ist das für ein Ort, was für ein Gebäude?

Ulrich Chaussy: Das Hotel Türken ist der allerletzte Rest des historischen Dorfes Obersalzberg, in das Hitler 1923 kam. Der Wirt des Hotel Türken, Karl Schuster, war einer der ersten Sympathisanten Hitlers. 1923, als er dort inkognito auftrat, wusste Schuster um die wahre Identität des Herrn Hitler. Da wusste Hitler noch gar nicht, dass er das Haus nebendran, das Haus Wachenfeld, ein kleines Sommerfrischehäuschen, einmal in Besitz nehmen wird und dass das später dann zu diesem riesigen Berghof ausgebaut werden wird.

Und in diesem Hotel zum Türken haben dann auch NSDAP-ler gewohnt?

Das war die Phase, die erst später kam, so in den späten 1920er-Jahren. Als sich Hitler sehr häufig an den Obersalzberg in dieses Haus zurückzog, hat er sehr viele Besuche bekommen von SA-lern, SS-lern, von Delegationen der Partei. Und dieses Publikum löste das ganz andersartige Publikum des Hotel Türken ab, das es vorher gegeben hatte. Das war einer der ersten alpinen Sommerfrische-Orte, die von einem städtischen, einem reichen und kulturell interessanten Publikum entdeckt wurden. Zu den Gästen im Hotel Türken zählten beispielsweise Thomas Mann, Peter Rosegger, sehr viele Musiker und Sänger. Dieses Publikum hat sich unter dem Eindruck der vielen Braununiformierten dann sehr gewandelt. Das hatte übrigens auch Folgen für die direkt gegenüberliegende Nachbarschaft, da lebte eine jüdische Familie, die Eichengrüns. Die bekamen ab 1930 Drohbriefe und suchten bald das Weite, solange sie noch selber selbsttätig verkaufen konnten.

© Bayerische Staatsbibliothek München

Berghof: Hitlers Residenz am Obersalzberg, früher stand dort das kleine Sommerfrischehäuschen Haus Wachenfeld

Ist das vielen Bergbauern dort so ergangen, die ja letztendlich fast so etwas wie enteignet wurden?

Ja, jedenfalls hat dieser Prozess mit dem Hotel Türken begonnen. Der Türken-Wirt, 1930 in die Partei eingetreten, als man das noch nicht musste, hat ab Januar 1933 erst mal ganz viel Geschäft gemacht, denn da setzten diese Wallfahrten ein zu Hitler. An den Wochenenden kamen Tausende den Berg hinauf. Und wo war der beste Ausblick? Vom Wirtsgarten des Hotel Türken konnte man in das Grundstück von Hitler hineinsehen, ihm quasi auf die Terrasse gucken und ins Wohnzimmer. Das gefiel den Leuten, die für Hitlers Sicherheit zuständig waren, überhaupt nicht. Und dann geschah etwas Merkwürdiges: Der Türkenwirt war mittlerweile auch ziemlich sauer darauf, dass die Leute da die Zeche prellten, beschwerte sich und hat eine Reihe von randalierenden SS-lern aus seinem Lokal rausgeschmissen. Daraufhin gab es eine Boykott-Aktion mit Plakaten der Berchtesgadener NSDAP, wo ungefähr drauf stand "Nationalsozialisten, Deutsche! Kein Deutscher betritt mehr dieses Lokal". Karl Schuster wurde in Schutzhaft genommen, wie es so schön heißt. Martin Bormann, der Sekretär der Parteikanzlei, der engste Vertraute Hitlers, der diese Angelegenheiten am Obersalzberg für ihn regelte, presste Karl Schuster den Verkauf des Gasthofes ab. Daraus wurde dann das Quartier der Leibwache Hitlers.

Nächster Zeitsprung: Nach dem Krieg ist weder von dem Berghof, der von den Alliierten bombardiert wurde, noch von dem Rest der Häuser viel stehengeblieben. Aber dieses Hotel zum Türken kam wieder zurück in Privatbesitz?

Als die ganzen ehemaligen Haus- und Grundbesitzer ihren Grund zurückhaben wollten, ist es so gelaufen: Der Freistaat Bayern bekam alle Grundstücke, alle Häuser, die irgendwie auf Hitler, auf Bormann, auf die NSDAP eingetragen waren. Man ging einfach vom Grundbuch aus. Und da wäre eigentlich auch das Hotel Türken mit dabei gewesen. Nur: Die Besitzerfamilie konnte die Schutzhaftbefehle vorweisen und ist da eher als politisch verfolgt angesehen worden. Die Amerikaner nahmen das Hotel heraus aus dieser Rückgabe an den Freistaat Bayern. So kommt zustande, dass dieses Wirtshaus 1950 seinen Betrieb wieder aufnimmt. Und dann kommt die Tochter des Türkenwirts darauf, die Bunkeranlagen, die 1944 erst zwischen dem Berghof Hitlers und dem Hotel Türken gebaut worden sind, zugänglich zu machen, gegen Gebühr. Da war immer nur so ein Drehkreuz dran. Zu den Zeiten, als ich anfing zu recherchieren, musste man fünf Mark berappen, und dann ging's da runter: Alles übersät mit altnazistischen und neonazistischen Schriften, keinerlei historische Erläuterung außer beispielsweise vor dem Käfig von Hitlers Schäferhund Blondie. Dass dies der Bunker für Blondie gewesen sei, solche Dinge. Es war wirklich eine spooky Atmosphäre, aber damit ist ziemlich viel Geld gemacht worden.

© ORF/BR-Bild

Bunkeranlage Obersalzberg - nach dem Krieg ein beliebter Pilgerort für Alt- und Neonazis

Auf dem Obersalzberg gibt es ein Dokumentationszentrum, das Ganze soll überhaupt ein zentraler Lern- und Erinnerungsort sein. Was müsste denn nun mit diesem Hotel zum Türken, das die Erbin im Privatbesitz nun veräußern möchte, eigentlich geschehen?

Das muss dringend der Dokumentation Obersalzberg zugeschlagen werden. Der Freistaat Bayern hat schon einige Gelegenheiten versäumt, mit früheren Liegenschaften einen sinnvollen historischen Umgang zu pflegen. Er hat hier die letzte Chance und muss diese unbedingt wahrnehmen. Nicht auszudenken, wenn beispielsweise die ja neuerdings steinreiche AfD, die irgendwelche Erbschaften bekommt und Spenden, dort in den Besitz dieses Geländes käme. Das wäre dann für die Vergangenheitsumdeutung eines Björn Höcke, vielleicht der Ausgang, die komplette Veränderung unserer Gedenkkultur… undenkbar eigentlich. Es muss da was passieren.

Aber es ist ja interessant, dass es erst einmal in den freien Markt kommt und dass nicht von vornherein Verhandlungen mit dem Freistaat stattfinden.

Das Verhältnis zwischen der Besitzerfamilie des Hotel Türken und dem Freistaat war immer relativ gespannt. Denn diese Bunkeranlage war natürlich ein Anziehungspunkt für Alt-Nazis, für Nazi-Nostalgiker, für Neonazis. Und die Möglichkeit, da ins Gespräch zu kommen, ist wohl mehrfach versäumt worden. Aber jetzt bestünde die Möglichkeit, sie zu bereinigen. Man könnte daraus ein wunderbares Jugend-Gästehaus machen. Im Kleinen ist eben auch in der Geschichte dieses Hauses alles enthalten. Also: Ein früher Sympathisant kommt irgendwann in den Weg dieser absolut gewordenen Macht. Und dann zählt sowas wie Sympathie zu dieser Ideologie nicht mehr. Wenn es keinen Rechtsstaat mehr gibt, dann werden solche Leute einfach abgeräumt. Da ist so viel drin. In der kleinen Geschichte dieses Hauses ist die ganze große Geschichte des Nationalsozialismus enthalten und erzählbar.

"Nachbar Hitler, Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg" von Ulrich Chaussy und Christoph Püschner ist 2007 bei Ch. Links erschienen.

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