Kerzen stehen an Stolpersteinen bei der Gedenkfeier an die Pogromnacht.
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Marcus Brandt

Kerzen stehen an Stolpersteinen bei der Gedenkfeier an die Pogromnacht.

    Was Jüdinnen und Juden in Deutschland 2022 bewegt hat

    Der Antisemitismus nimmt in Deutschland wieder zu. Vor allem die documenta 15 und die "Judensau" sorgten 2022 für Schlagzeilen. Trotzdem gibt es für Jüdinnen und Juden auch erfreuliche Ereignisse, wie die ersten jüdischen Winterspiele seit 85 Jahren.

    Die Zahl der antisemitischen Straftaten, besonders im Internet, steigt nach wie vor. Durch Falschinformationen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und dem Ukraine Krieg wurde der Hass gegen Juden weiter befeuert. Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Das geht aus dem Jahresbericht der Europäischen Agentur für Grundrechte hervor. Mehr als 3.000 Straftaten gab es 2021, ein Anstieg von fast 30 Prozent gegenüber 2020. Der Trend setzte sich auch 2022 fort, auch wenn es noch keine offizielle Statistik gibt.

    Dringlichkeit bei interreligiösen Projekten und Prävention

    "Ich will es ganz deutlich sagen, es ist eine Schande für unser Land, wieviel antisemitische Hetze und Menschenverachtung auch heute noch verbreitet wird", sagt Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD). Denn eine neue Studie des Allensbach Instituts zeigt: Viele Ressentiments sind in allen Bevölkerungsgruppen noch vorhanden. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein sagt: "Religiös praktizierende Muslime und der rechtspopulistische Rand fallen mit hohen Zustimmungswerten zu antisemitischen Aussagen deutlich heraus. Das sind bedeutsame Erkenntnisse für die Präventionsarbeit, für interreligiöse Projekte, aber auch die Ausbildung von Imamen in Deutschland erhält vor diesem Hintergrund noch größere Dringlichkeit."

    Die Bundesregierung will nun gezielter gegen Antisemitismus vorgehen. Das Bundeskabinett hat die erste "Nationale Strategie gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben" Ende November vorgestellt. Ziel der Strategie sei es, das Leben von Jüdinnen und Juden in all seinen Facetten sichtbar zu machen und Judenhass entgegenzuwirken. Bereits im Mai hatte Bayern als erstes Bundesland ein Gesamtkonzept für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus vorgelegt. "Wir brauchen dieses Wissens um das jüdische Leben, Erinnerungskultur, einen wehrhaften Staat und das Staatsziel, den Antisemitismus zu bekämpfen und jüdisches Leben zu schützen", sagt der bayerische Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle (CSU).

    Zusatzstudiengang an der Universität Würzburg

    Deshalb wurde nun ein neues Studienangebot für Lehramtsstudierende an der Universität Würzburg eingeführt. Der Zusatzstudiengang "Antisemitismuskritische Bildung für Unterricht und Schule" will wissenschaftlich fundierte Expertise vermitteln, um auf den richtigen Umgang mit antisemitischen Aussagen und Vorfällen an Schulen vorbereitet zu sein. Der Studiengang ist bisher bundesweit einmalig.

    Dass das Judentum ein Teil Deutschlands und Teil der deutschen Geschichte ist, das wurde bei den mehr als 1.000 Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr "1.700 jüdisches Leben in Deutschland" deutlich. Eigentlich hätte es 2021 stattgefunden. Zur Erinnerung daran, dass im Jahr 321 der römische Kaiser Konstantin ein Edikt erlassen hat, wonach Juden in Ämter der Kurie und der Stadtverwaltung berufen werden konnten. Dieses Dekret aus dem Jahr 321 gilt als der älteste Beleg für die Existenz jüdischer Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Wegen der Corona-Pandemie, wegen der eine Vielzahl von Veranstaltungen nicht stattfinden konnten, wurde das Festjahr bis zum 31. Juli 2022 verlängert.

    "Judensau": Müssen die Plastiken entfernt werden?

    Das Jubiläumsjahr sei ein großer Erfolg gewesen, findet Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: "Aus Schmähmal wird Mahnmal. Die Geschichte des Judentums wie auch des Antisemitismus in Deutschland sind schon sehr alt." Deutlich wird das durch die Darstellung der sogenannten "Judensau", ein im Mittelalter vielfach verwendetes Motiv. Eine Darstellung hatte in diesem Jahr besonderes Aufsehen erregt: das Sandsteinrelief aus dem Jahr 1290 an der Wittenberger Stadtkirche. Darauf zu sehen sind zwei jüdische Männer, die aus den Zitzen eines Schweins trinken, ein Rabbiner schaut dem Tier auf den Hintern. "Eindeutig antisemitisch", sagt Josef Schuster. Die Frage ist: Muss es deswegen entfernt werden?

    Der Streit um die Judensau und ähnliche antisemitische Motive an Kirchen beschäftigt die Öffentlichkeit schon länger. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat im Juni entschieden, das Relief muss nicht entfernt werden. Die Kirche habe sich durch einen Erklärtext an der Figur distanziert. Geklagt hatte ein Mitglied der jüdischen Gemeinde.

    Antisemitismus auf der documenta 15 sorgte für Aufsehen

    Auch in Bayern gibt es solche Darstellungen, zum Beispiel in der Nürnberger Sebalduskirche. Pfarrer Martin Bruhns will in Absprache mit der jüdischen Gemeinde dort das schwierige Erbe erhalten, anders "müsste man die ganze Kirche entrümpeln". Auch am Regensburger Dom gibt es ein Zeugnis von steingewordenem Antisemitismus aus dem 14. Jahrhundert. Hier hat man dieses Jahr eine neue Erklärtafel angebracht. "Wir haben mehrere Schmähplastiken in Bayern, aber wir haben einen runden Tisch einberufen und insofern setzt Regensburg hier Maßstäbe", meint Antisemitismusbeauftragter Spaenle.

    Ebenfalls für viel Aufsehen sorgte 2022 das Thema Antisemitismus auch auf der documenta 15, einer Kunstschau, die alle fünf Jahre in Kassel stattfindet. Sie sollte eigentlich ein Symbol für kreative Vielfalt werden und wurde Auslöser einer Diskussion über Antisemitismus, die die Ausstellung überschattete und nicht nur in der Kunstszene weitergeht. Historische, pro-palästinensische Propagandafilme aus den 60er-Jahren wurden in Kassel kommentarlos gezeigt - Zeitdokumente ohne kritische Einordnung. Der Schaden sei groß, sagt die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne). Daniel Burtmann vom Zentralrat der Juden in Deutschland wird noch deutlicher. Er spricht von einem Scherbenhaufen: "Offenen Antisemitismus nicht zu erkennen und als Kunstfreiheit zu definieren, das ist auf der documenta passiert und hat nicht nur der Kunstschau geschadet."

    Zufall: Hebräisch-deutsches Liederbuch gefunden

    2022 war aber auch aus jüdischer Sicht nicht nur ein Jahr der Skandale, des Anstiegs antisemitischer Straftaten und der Erinnerung an das Olympiaattentat von 1972. Es gab auch erfreuliche Momente: Es wurde ein 100 Jahre altes hebräisch-deutsches Liederbuch entdeckt, das in der Nationalbibliothek in Jerusalem per Zufall gefunden worden war und mit 100 zum Teil unbekannten Melodien der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Es ist ein Baustein einer musikalischen Erinnerungskultur. Außerdem: Die Augsburger Synagoge, die rund 100 Jahre alt ist und die Naziherrschaft beinahe unzerstört überstanden hat, wird seit diesem Jahr für 20 Millionen Euro saniert. Finanziert wird das zum Großteil aus Spenden. Heute ist die Synagoge Gotteshaus, Museum und Gemeindezentrum in einem.

    Charlotte Knobloch feierte 90. Geburtstag

    2022 fand auch das Treffen der Europäischen Rabbinerkonferenz erstmals in München statt. 250 jüdische Geistliche kamen Ende Mai für drei Tage in der bayerischen Landeshauptstadt zusammen. Im Oktober dann feierte Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, ihren 90 Geburtstag. Für ihr Engagement und ihre Arbeit, den Aufbau der jüdischen Gemeinden nach dem Krieg, der Bau der Synagoge am Jakobsplatz, für die Aussöhnung und die Erinnerung an den Holocaust wurde sie unter anderem von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gewürdigt. Der aktuelle Präsident des Zentralrats der Juden, der Würzburger Josef Schuster, wurde im November in Frankfurt für weitere vier Jahre in seinem Amt als Präsident des Zentralrats der Juden bestätigt.

    Die letzten Tage des Jahres 2022 stehen für Jüdinnen und Juden dann im Zeichen der Vorbereitung auf ein großes jüdisches Sportfest, das in wenigen Tagen zum ersten Mal seit 85 Jahren wieder stattfindet. Die Winterspiele des jüdischen Weltsportbunds Maccabi, und zwar mitten in Bayern, in Ruhpolding.

    Sie interessieren sich für Themen rund um Religion, Kirche, Spiritualität und ethische Fragestellungen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter. Jeden Freitag die wichtigsten Meldungen der Woche direkt in Ihr Postfach. Hier geht's zur Anmeldung.