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Es ist ziemlich unsinnlich, sich der Schönheit über E-, O-, S- und K-Werte zu nähern, aber: Es ist keineswegs unsinnig. Das beweist Gábor Paáls Buch.

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Was ist schön? Gábor Paáls Buch über "die Ästhetik in allem"

Warum finden wir etwa traurige Musik schön? Was hat Gerechtigkeit mit Symmetrie zu tun? Gibt es verbindliche Kriterien für Schönheit? Ein Thema, über das sich Philosophen seit Jahrhunderten den Kopf zerbrechen. Gábor Paál wagt es, Antworten zu geben.

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Von
  • Julie Metzdorf

Hat Kant recht, wenn er sagt, das Schöne ist das Symbol des Sittlichen? Warum erzählen manche Leute ernsthaft, sie seien auf einer "schönen" Beerdigung gewesen? Gibt es Schönheit in einer mathematischen Formel? Woher kommt die Mode der Schönheitspflaster, wenn wir doch nachweislich symmetrische Gesichter als besonders schön empfinden?

Die Frage: Gefällt uns etwas oder nicht

Gábor Paál stellt sie alle: die kleinen und die großen Fragen. Und – das mag überraschen bei einem Buch, dass die Frage schon im Titel trägt – er gibt tatsächlich Antworten. Natürlich nicht im Einzelnen, á la Cate Blanchett ist schön, Ikea Billy ist hässlich. Nein, das nicht – aber er liefert Kriterien, nach denen wir Dinge bewerten können. Zunächst aber geht es darum, Begriffe zu klären. Das beginnt schon beim Wort "Schönheit", wie Paál betont: "Beispielsweise in der Kunst, da geht es ja gar nicht mehr um Schönheit, sondern da geht es um andere Dinge wie interessant, wie anregend, wie diskursanregend etwas ist. Meine These ist aber, dass wir am Ende doch fragen: Gefällt uns etwas oder nicht. Und mein Ansatz ist, dass Schönheit etwas ist, was sehr weit sich mit dem deckt, was wir oft im Alltag als 'schön' bezeichnen, wenn wir sagen das war ein schöner Film, oder es ist einfach schön mit hier mit euch zusammen zu sein am 3. Advent." Und es habe schon seinen Grund, dass wir das sagen. Es sei nicht so, dass Schönheit sich auf reine Optik reduzieren würde.

Das Erleben von Schönheit setzt Bewusstsein voraus

Tatsächlich hat die empirische Ästhetik in den letzten Jahren deutlich an Fahrt aufgenommen. Hirnforschung und kognitive Psychologie liefern immer neue Erkenntnisse zum Schönheitsempfinden. Schönheitsempfinden und Lust zum Beispiel finden an verschiedenen Stellen im Gehirn statt. "Diese elementaren Gefühle wie Angst oder Trauer oder Ärger, die kann man relativ banal im Gehirn zuordnen. Bei der Schönheit hat das viel länger gedauert, bis den Wissenschaftlern klar war, was da genau passiert", sagt Paál. Und der essentielle Unterschied sei, dass Schönheit immer etwas sei, was wir bewusst erleben. "Da geht’s nicht nur um reines Lustempfinden, sondern eine Feststellung: Das gefällt mir jetzt und das nicht. Dieses Bewusstsein ist das, was Schönheit von Lust unterschiedet und was auch an einer anderen Stelle im Gehirn stattfindet, nämlich im präfrontalen Cortex."

Schönheit ist eine Bewertung, ein Urteil. Sie setzt Bewusstsein voraus und ist an ein Objekt gebunden, wobei Objekt in diesem Sinn auch ein Moment sein kann, den man aus der Erinnerung betrachtet. Es ist, als würde man ein Objekt mit einem Aufkleber und dem Wort "schön" drauf etikettieren. Damit sind auch alte Glaubenssätze hinfällig, etwa, dass die Schönheit in den Bereich der Sinne und Gefühle gehört im Gegensatz zu Vernunft und Rationalität: "Das kam im 18. Jahrhundert, als die Ästhetik als wissenschaftliches Fach etabliert wurde, wo immer diese Gegenüberstellung war: Wir haben das Rationale und den Verstand und die Gefühle. Im Grunde wissen wir seit 20, 30 Jahren, dass diese Gegenüberstellung überholt ist, auch das, was wir uns merken, auch da spielen Gefühle eine Rolle."

Paáls Kriterien zur Bewertung von Schönheit

Was aber sind nun die Kriterien, nach denen wir Dinge bewerten? Paál führt ein eigenes System aus sogenannten E-, O-, S- und K-Werten ein. E-Werte beziehen sich auf die Sinnesreize, derentwegen wir etwas als schön empfinden – zum Beispiel Sonnenschein. O-Werte beziehen sich auf formale Eigenschaften von Objekten bzw. Muster: zum Beispiel Symmetrie. S-Werte wiederum charakterisieren eine Beziehung zwischen einem Selbst und einem Objekt, wenn eine Sache etwas mit meiner Biografie zu tun hat, eine Assoziation weckt, mit meinen Erinnerungen zu tun hat, mich bewegt und berührt. K-Werte haben etwas damit zu tun, ob etwas anregend, neuartig und auch etwas komplexer ist. Ein symmetrisches Gesicht kann nämlich auch langweilig wirken, ein kleiner Leberfleck würde den K-Wert erhöhen.

Paáls Ausführungen diesbezüglich haben vielleicht nicht gerade den Zug eines Pageturners. Und doch schafft er es, die Leser so an die Hand zu nehmen, den Dschungel bisherigen Wissens und Ahnens zum Thema Schönheit im eigenen Kopf zu einer Art aufgeräumtem Holzlager zu machen. Es ist ziemlich unsinnlich, sich der Schönheit über E-, O-, S- und K-Werte zu nähern, aber: Es ist keineswegs unsinnig. Mit den von Paál eingeführten Kriterien an der Hand lässt sich tatsächlich arbeiten. Seine Beschreibungen und Einordnungen der verschiedenen Ebenen und Kategorien ästhetischen Erlebens sensibilisieren zweifellos für das Thema.

Ob etwas schön ist oder nicht, liegt nach der Lektüre dieses Buchs auch weiterhin im Auge des Betrachters oder der Betrachterin. Wer also Lust hat sich mit den Gründen für seine eigenen Schönheitsurteile zu beschäftigen, für den ist das Buch genau richtig. Über Geschmack lässt sich danach jedenfalls viel besser streiten.

© Königshausen & Neumann / Montage: BR
Bildrechte: Königshausen & Neumann / Montage: BR

Cover des Buchs "Was ist schön?" von Gábor Paál

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