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Was ist Heimat? Berlinale-Filme zu einem sehr alten Gefühl | BR24

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Ist Heimat ein Territorium? Eine persönliche Geschichte? Ein mentaler Zustand? Auf der Berlinale sind einige Filme zu sehen, die neue Bilder für die aufgeladene Idee von Heimat suchen. Und dabei auch von Verlust und Flucht erzählen.

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Was ist Heimat? Berlinale-Filme zu einem sehr alten Gefühl

Ist Heimat ein Territorium? Eine persönliche Geschichte? Ein mentaler Zustand? Auf der Berlinale sind einige Filme zu sehen, die neue Bilder für die aufgeladene Idee von Heimat suchen. Und dabei auch von Verlust und Flucht erzählen.

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Wie findet eine Familie immer wieder eine Heimat in der Heimatlosigkeit? Das ist das Thema von "Midnight Traveler". Erzählt wird die Geschichte von Hassan Fazili: "Ich machte 2014 in Afghanistan einen Film über einen Taliban, der Frieden wollte", erzählt der Filmemacher. "Nach der Ausstrahlung im Fernsehen wurde dieser von seinen ehemaligen Mitkämpfern umgebracht – und sie riefen zur Ermordung auch des Filmemachers, also von mir auf. Um das Leben meiner Familie zu retten, flohen wir aus Afghanistan. Wir hatten Glück. Aber die Umstände waren oft grauenhaft." Fazili ist mit seiner Frau und den beiden Töchtern über die Balkanroute entkommen. Die dreijährige Flucht hat er mit Handys gefilmt. Das habe geholfen, die Hoffnung nicht zu verlieren und weiterzumachen, sagt er.

"Midnight Traveler" ist für Hazan Fazili und seine Familie zu einer Art visueller Heimat geworden, zu einem Dokument ihrer Identität: "Ich machte diesen Film, damit unsere Stimmen nicht verstummen", sagt Fazili. Inzwischen sind alle vier in Deutschland angekommen – und der Filmemacher hat die Genehmigung erhalten, "Midnight Traveler" fertigzustellen und in Berlin zu präsentieren. Noch viermal ist die so mutige wie berührende Familiengeschichte in den kommenden Tagen auf der Berlinale zu sehen.

"Synonymes" – Zwischen Vaterlandsliebe und Hass

Eine Menge Filme auf der diesjährigen Berlinale umkreisen den Begriff der Heimat, territorial, mental, historisch. Woher kommen wir – und wohin wollen wir? Morgen läuft im Wettbewerb die biografische Selbsterkundung "Synonymes" von Nadav Lapid. Vor 20 Jahren hatte Lapid nach dem Militärdienst beschlossen, Israel zu verlassen und nach Frankreich auszuwandern. Inzwischen lebt er wieder in Tel Aviv. Vaterlandsliebe und der Hass auf das eigene Land, erklärt Lapid, könnten sehr nahe beieinander liegen: "Ich erzähle in meinem Film davon, wie es ist, ein Israeli zu sein in einer Zeit, in der es eigentlich unmöglich ist, einer zu sein. Israel ist ein Land, das für viele Menschen als Synonym für permanenten Schrecken gilt. Für Angst. In diesem Sinne musste ich meine Nationalität herausreißen, wie man einen Tumor entfernt. Denn ein Tumor wächst, wird größer, und setzt sich schließlich fest." "Synonymes" ist der irrlichternde Selbstversuch eines gescheiterten Identitätswechsels.

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"Heimat ist ein Raum aus Zeit"

"Heimat ist ein Raum aus Zeit" – 100 Jahre deutsche Geschichte

"Heimat und was damit an biografischen Geschehnissen zusammenhängt – das spukt bei jedem von uns im Kopf herum", sagt der Ostberliner Thomas Heise. Er präsentiert bei dieser Berlinale einen der großen Filme über identitäre Zugehörigkeiten – und das meint nicht nur die monumentale Laufzeit von fast vier Stunden. Titel: "Heimat ist ein Raum aus Zeit". Die letzten 100 Jahre deutscher Geschichte ziehen als komplexe Familiengeschichte an uns vorbei – der Regisseur selbst liest aus Briefen, Tagebucheinträgen und Texten seiner Familie, der Großeltern und Eltern, letztere mit dem System der DDR hadernde Intellektuelle.

Thomas Heises Film ist ein langer ruhiger Fluss der Geschichte – von zwei Weltkriegen über den gescheiterten Traum des Sozialismus in der DDR bis zur Wiedervereinigung und der Gegenwart 30 Jahre nach dem Mauerfall. Aber, so Heise: "Eigentlich spielen diese ganzen Daten, von denen man denkt, dass sie alle kommen müssen, bis hin zum Mauerbau überhaupt keine Rolle." Alle diese historischen Wegmarken schwingen mit in diesem Dokumentarfilm, aber sie werden von Heise nicht als Zäsuren dramatisiert. Sein Interesse ist ein individuelleres. Das macht seinen Dokumentarfilm so besonders, so offen für jeden Betrachter, der sich in dieser Familiengeschichte selbst finden will und vermutlich auch zu der Erkenntnis gelangt: Diesem Begriff der Zugehörigkeit entkommt man nicht. Heimat wird man nicht mehr los.

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