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Moni und Silke: Zwei Schwestern, die sich längst verloren haben, aber noch einmal auf gemeinsamer Mission unterwegs sind. Oder doch nicht?

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Was Gutes passiert nie: So wahr ist der Film "Sag du es mir"

Die untere Mittelschicht ist in wenigen Filmen Thema. "Sag du es mir" traut sich und folgt drei Berlinern, die sich abgewöhnt haben, zuversichtlich zu sein. Sie wissen: Das Leben ist voller Überraschungen, aber selten positiven. Der Film schon!

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Von
  • Marie Schoeß

Ein und dieselbe Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, ist kein unbedingt innovativer Kniff im Filmgeschäft. Bei dem Film "Sag du es mir" hält jeder Perspektivwechsel jedoch eine ziemlich große Überraschung bereit und deshalb ermöglicht das altbekannte Erzählmuster doch wieder einiges an Unvorhersehbarkeit.

Attacke ohne Grund, ohne Erklärung

"Sag du es mir" ist das Spielfilm-Debüt von Regisseur Michael Fetter Nathansky, der Film spielt in Berlin und erzählt aus dem Blickwinkel von drei Mittelschicht-Menschen, wie Silke, eine junge Frau, von der Brücke geschubst wird. Und er erzählt, was der Sturz im Leben aller Beteiligten auslöst.

Was man verraten darf, ohne zu viel zu verraten: Hinter der Attacke steckt René, eigentlich ein durch und durch sympathischer Typ. Nie würde der Zuschauer ihm zutrauen, dass er eine Frau attackiert, er selbst am wenigsten. Bis er es eben macht. Ohne Grund und ohne Erklärung.

Seine spontane Reaktion ist verständlich: So schnell wie möglich weg, eine Ärztin aufsuchen, den eigenen Kopf untersuchen lassen. Irgendwas muss da oben schließlich nicht stimmen, wenn man einfach so einen Menschen in Lebensgefahr bringt und selbst nicht weiß, warum. Aber da ist nichts, Kopf und Gehirn sind intakt.

Willkommen im Hochhaus-Milieu

Währenddessen ist Silke, die Frau, die René in den Fluss geworfen hat, längst bei sich zu Hause angekommen – in einer maximal praktischen Wohnung. Bett, Tisch, kleiner Balkon, Küche. Eine Wohnung, wie es vermutlich Hunderte in diesem Wohnungsblock gibt.

In dieser Wohnung also sitzt Silke einer Kommissarin gegenüber und versucht zu erklären, was geschehen ist: Dass sie sich über das Geländer gelehnt hat, im Glauben, etwas im Wasser gesehen zu haben, und plötzlich geschubst worden sei.

Die Kommissarin ist wenig überzeugt von der Geschichte: Frage um Frage stellt sie Silke – alle mit dem Unterton, es könnte ja auch ganz anders gewesen sein. Silke könnte auch einfach gesprungen sein und sich die Attacke nur einbilden. Dabei ist Silke zwar keine sonderlich glückliche Frau, aber sie ist auch weit davon entfernt, sich aus dem Leben und ihrer Verantwortung zu schleichen.

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Er weiß sich selbst nicht mehr zu helfen: René konfrontiert seine Freunde und bittet wortreich um Hilfe.

Eher schon entspricht Silke dem pragmatisch-pessimistischen Typ. Das spricht aus jeder Geste dieser zutiefst bodenständigen Figur, das klingt in ihrem schnoddrigen Berliner Ton an, nie besonders euphorisch, aber auch nicht lebensmüde. Und auch ihre Antworten verraten das: Ob sie etwas Außergewöhnliches erlebt habe, fragt die Kommissarin, mit dem Unterton: Vielleicht bilden Sie sich das ja auch alles nur ein, vielleicht sind Sie psychisch nicht ganz auf der Höhe.

Ihre Antwort: Nein, nichts Außergewöhnliches und auch nichts Überraschendes, überraschen lasse sie sich ohnehin nicht: "Wenn was Schlechtes passiert, hab ich in der Regel damit gerechnet. Und wenn was Gutes passiert, dann passiert es nicht."

Spiel mit der Perspektive

René und Silke, Täter und Opfer, sind gar nicht so verschieden, wie sie zunächst wirken: Das beweist "Sag du es mir" auf raffinierte Weise: Der Film wechselt die Perspektive und stellt, nacheinander und immer mit dem Sturz ins Wasser beginnend, drei Sichtweisen vor. Wir folgen Renés Blick, Silkes Erfahrungen und denen ihrer Schwester.

Jeder Dreh an der Perspektive steht für eine wirkliche Überraschung – denn eine Figur, der man es auf den ersten Blick sicher nicht zugetraut hätte, spielt ein ziemlich geschicktes Spiel. Nicht aber, um selbst gut dazustehen, sondern um allen anderen ein gutes Gefühl zu geben.

René ist das Vortäuschen völlig fremd. Er sucht Hilfe, sagt ganz offen, was mit ihm nicht stimmt, nur kann sein Umfeld mit der Offenheit nicht umgehen. Es will vertuschen, was passiert ist, und glaubt fälschlicherweise, den Freund auf diese Art zu schützen.

Und so sind es ausgerechnet Silke und René, die sich schließlich kennen lernen und auf ganz praktische Weise gegenseitig unter die Arme greifen.

Verkehrte Bilder im Kopf

"Sag du es mir" ist ein kluger Film, weil er uns vorführt, welche Charaktere wir hinter welchem Äußeren vermuten, welchen Typ Mensch wir sofort welcher Tat verdächtigen, und wie schnell wir falsch liegen – in dem, was wir zu sehen, zu hören, zu wissen glauben.

Einmal antwortet Silke auf den resignierten Einwand ihres Gegenübers, dass alles nur gelogen wäre: "Wenn wir es gut machen, vielleicht glauben wir es dann." Der Film beweist, wie nah dieser traurige Satz der Wahrheit kommt.

"Sag du es mir" ist ab jetzt zum Streaming abrufbar bei Youtube.

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