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Was George Orwell uns über Nationalismus lehrt | BR24

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Eric Arthur Blair, besser bekannt als George Orwell

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Was George Orwell uns über Nationalismus lehrt

Die Bekanntheit seiner Dystopie "1984" überstrahlt noch immer die vielen anderen schlauen Texte George Orwells. Jetzt erscheint mit "Über Nationalismus" ein Essay Orwells, der nahezu prophetisch ist – sagt der Münchner Soziologe Armin Nassehi.

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Vor 70 Jahren ist George Orwell gestorben. Wenige Bücher haben so eine politische und popkulturelle Wucht entfaltet wie sein berühmter Roman "1984", eine Anti-Utopie. Orwell entwarf darin den "idealen" Überwachungsstaat. Der düstere Glamour von "1984" überstrahlt bis heute die zahlreichen anderen schlauen Texte, die Orwell schrieb. Gerade ist zum Beispiel ein Essay erstmals auf Deutsch erschienen, aus dem man viel für die Gegenwart lernen kann: "Über Nationalismus". Verfasst hatte ihn Orwell 1945, unter dem Eindruck der NS-Zeit. Der Münchner Soziologe Armin Nassehi hat das Nachwort dafür beigesteuert.

Joana Ortmann: Herr Nassehi, Orwells Thema in diesem Essay ist unter anderem, dass totalitäre Systeme besonders für Intellektuelle interessant sind...

Armin Nassehi: Ja, das ist überhaupt eines der großen Themen von Orwell. Hier bietet er eine Theorie zum Nationalismus an. Wobei das, was er Nationalismus nennt, etwas anderes ist als das, was man üblicherweise darunter versteht – auch für Intellektuelle. Sehr interessant ist die These, dass Nationalisten sich vor allem mit Dingen beschäftigen, die gar nicht positiv vorliegen, sondern die man beschreiben muss, die man sozusagen "herschreiben" muss. Der Nationalist arbeitet mit einem Selbstbild, das eigentlich literarisch erzeugt werden muss. Und das ist gerade für Intellektuelle interessant. Der große französische Soziologe Pierre Bourdieu hat das die "scholastische Vernunft" genannt: Der Intellektuelle sitzt vor einem weißen Blatt Papier und schnitzt sich die Welt so zusammen, wie er sie gerne hätte. Denn auf dem Papier kann er konsistent schreiben und sich konsistente Welten ausdenken, deren einziger Halt in der Wirklichkeit der Text selbst ist. Und Orwell würde sagen: Das ist typisch für das, was Intellektuelle tun. Deshalb seien Intellektuelle besonders anfällig für die großen Geschichten des Nationalismus.

George Orwell nennt in seinem Essay drei Charakteristika für Nationalismus: obsessiv, instabil, realitätsfern – was heißt das konkret?

Das Obsessive bedeutet, dass jemand, der sich als Nationalist versteht, alles, was passiert, mit dem Gefühl der Erhabenheit betrachtet. Sprich: Das Eigene ist immer besser als das Andere. Das bringt automatisch Instabilität mit sich. Deshalb muss man die Sätze immer stärker machen. Der Nationalist ist zugleich stark im Reden, aber schwach in seiner Seele, weil er sich permanent bedroht fühlt. Und das dritte ist: Er lässt sich nicht aufklären, er lässt sich auch nicht durch Realitätsaussagen davon abbringen, das Eigene in einer gesteigerten Art und Weise mehr wertzuschätzen als alles andere. Und das ist ja ein Syndrom, dass man tatsächlich beobachten kann. Kommunikation mit Leuten, die so obsessiv sind und sich nicht durch Realität relativieren lassen, ist eigentlich so gut wie unmöglich. Das ist schon eine starke Diagnose von George Orwell, weil wir ja immer versuchen, dem Nationalismus mit Argumenten zu begegnen. Wenn ich etwa sage: Das Deutsche ist etwas Besonderes, dann muss ich aus logischen Gründen auch sagen: Das Polnische ist etwas Besonderes, nämlich aus polnischer Sicht, und das Britische aus britischer Sicht. Aber das wäre ein rationales Argument, und dafür ist der Nationalist nicht erreichbar, sondern er steigert sich radikal in die Sichtweise hinein, dass das Eigene das Beste ist, so sehr, dass er dann eben aggressiv wird. Diese "Steigerungslogik" beschreibt Orwell.

© picture alliance / Sven Simon

Soziologe Armin Nassehi

Wie kann man so eine Diagnose auf die Gegenwart anwenden? Bei neueren nationalistischen Bewegungen wird oft festgestellt, dass man mit Mitgefühl oder Bedauern nicht durchdringt. Hat Orwell das auch erkannt?

Eine der stärksten Formulierungen in dem kleinen Essay ist, das der Nationalist der eigenen Gruppe alle möglichen Grausamkeiten durchgehen lässt, die er eigentlich moralisch nicht vertreten kann – was ein weiterer Hinweis darauf ist, dass Kontrolle durch Realität eigentlich nicht möglich ist. Das ist das Entscheidende. Wenn man zum Beispiel die entsprechende Partei nimmt, die inzwischen in allen deutschen Parlamenten sitzt und die behauptet, dass alles, was passiert, eigentlich "gegen das Deutsche" passiert, dann ist das eine Obsession, die sich nicht für Argumente interessiert. Im Gegenteil: Argumente würden die Dinge noch schlimmer machen. Man konnte das während der Flüchtlingskrise ganz gut beobachten. Jeder hat das Recht grundsätzlich skeptisch zu sein – aber viele Skeptische waren für Argumente nicht zugänglich. Jedes Argument, das man gegen sie angeführt hat, war eine Bestärkung für sie, dass sie Opfer von Verhältnissen sind, die sie selbst nicht kontrollieren können. Das sind Kategorien von Orwell, mit denen man aktuelle Formen des Nationalismus durchaus beschreiben kann. Vielleicht darf ich noch darauf hinweisen, dass Orwell mit dem Begriff "Nationalismus" nicht nur den ethnischen oder staatlichen Nationalismus meint, sondern eine Orientierung an Gruppenidentitäten jeglicher Natur. Es gibt einen Nationalismus der eigenen Parteizugehörigkeit, aber auch einen der religiösen Gemeinschaften. Dieser Nationalismus-Begriff ist bei Orwell ein struktureller. Und er meint nicht nur die Nation im Sinne einer Ideologie eines Staates, sondern kollektive Identitäten, die so geschlossen sind, dass sie nicht irritierbar sind durch Informationen von außen.

Bietet Orwell denn Lösungsansätze an?

Keine politischen, aber vielleicht so etwas wie eine kognitionstheoretische Lösung. Er sagt ungefähr: Leute, ihr seid alle gefährdet, Nationalisten zu werden. Jeder könnte, wenn er nicht aufpasst, durch Übersteigerung des Eigenen in solche obsessiven Geschichten hineingeraten. Und er rät zu einer Art Selbstdistanzierung, zu einem Denk-Experiment: Distanziere dich mal von diesen Gefühlen, die du dem Eigenen gegenüber hast. Versuche dich in die Lage des anderen zu versetzen. Der andere könnte auch recht haben. Also gewissermaßen ein Appell, sich gegen die eigenen Tendenzen im Kopf zu wehren. Das ist ein starkes Argument, aber natürlich kein politisches.

Im Politischen erleben wir das, was Sie als "Steigerungslogik" beschrieben haben.

In der Tat. Man kann sie im allgemeinen Ton in den Parlamenten, auf der Straße oder in den Shitstorms in sozialen Netzwerken finden. Man kann Orwell hier geradezu prophetische Fähigkeiten zuweisen, weil er schon beschrieben hat, was die Steigerungslogik eines Shitstorms auf Twitter etwa ist. Das ist tatsächlich etwas, das eine innere Logik hat, aus der auszusteigen offensichtlich unglaublich schwierig ist.

Da stellt sich auch ein Gefühl der Machtlosigkeit ein, dagegen anzukommen...

Man ist immer machtlos, wenn man ein Gegenüber hat, das schwach ist. Das hört sich wie ein paradoxer Satz an. Aber man muss ja eine gewisse Stärke haben, um sich von einem Argument korrigieren zu lassen oder zumindest darüber nachzudenken, ob ein anderes Argument richtig sein könnte. Nur die Schwachen müssen auf ihren Argumenten beharren. Deshalb ist eines der drei Elemente von Nationalismus für Orwell tatsächlich diese Instabilität nationalistischer Selbstbeschreibungen. Was würde zum Beispiel ein deutscher Nationalist eigentlich über das Deutsche schreiben? Was kann man schreiben? Das Deutsche ist das Deutsche? Viel mehr kann man dazu nicht sagen, und diese Lächerlichkeit kann man nur dadurch überwinden, dass man der ganzen Sache noch eine besondere Erhabenheit gibt. Und das ist ein Zeichen von Schwäche. Miteinander diskutieren können nur die Starken.

"Über Nationalismus" von George Orwell ist, übersetzt von Andreas Wirthensohn, im dtv Verlag erschienen.

© dtv

"Über Nationalismus" von George Orwell

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