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Der Startänzer als "Crassus"

Darf noch tanzen: Artem Ovcharenko in "Spartacus"

Bildrechte: Vyacheslav Prokofjev/Picture Alliance
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    "Was für eine Schande": Publikum rebelliert am Bolschoi-Theater

    Regie-Arbeiten von zwei Kreml-Kritikern wurden kurzfristig aus dem Programm genommen und durch Propaganda-Werke ersetzt: Jetzt gehen die Zuschauer auf die Barrikaden, sprechen von einem "Albtraum" – und setzen die Theaterleitung unter Druck.

    Von
    Peter JungblutPeter Jungblut
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    Das dürfte dem Kreml nicht behagen: Offenbar sind zumindest die Fans des Moskauer Bolschoi-Theaters nicht besonders kriegsbegeistert. Sie rebellieren derzeit lautstark gegen eine Spielplanänderung, mit der kritische Künstler ausgebootet werden sollten.

    Erst vor wenigen Tagen hatte die Theaterleitung das ursprünglich geplante Programm für die Maiferien offenkundig aus politischen Gründen korrigiert und das Ballett "Nurejew" ebenso storniert wie die Belcanto-Oper "Don Pasquale" von Gaetano Donizetti. Das lag natürlich nicht an den Stücken, sondern an den Regisseuren: Die Oper war von Timofei Kuljabin (37) inszeniert worden, der sich öffentlich gegen den Angriffskrieg auf die Ukraine gestellt und Russland verlassen hat, "Nurejew" wurde von Kirill Serebrennikow (52) bebildert, der als langjähriger Putin-Kritiker wegen angeblicher "Unterschlagung öffentlicher Mittel" unter Hausarrest stand und inzwischen ebenfalls im Westen lebt und arbeitet. 2019 erhielt Serebrennikow für seine Arbeit eine "Goldene Maske", den wichtigsten russischen Theaterpreis.

    "Gefühle der Gläubigen" verletzt

    Die beiden abgesetzten Stücke wurden durch vermeintlich "patriotische" ersetzt: Das Ballett "Spartacus" mit der Musik vom dreifachen Stalinpreisträger Aram Chatschaturjan zählt seit Sowjetzeiten zu den besonders martialischen Angeboten, Rossinis "Barbier von Sevilla" gilt wohl als unverfänglich, obwohl auch Regisseur Jewgeni Pisarew einen Aufruf gegen den Krieg unterschrieben hat.

    Aber das gilt auch für den betagten Bolschoi-Chef Wladimir Urin (75) selbst. Letzterer dürfte nicht mehr lange im Amt sein, denn Putin versprach seinem Lieblings-Künstler Valery Gergiev (69) bereits die "Super-Intendanz" über praktisch alle bedeutenden russischen Spielstätten zwischen St. Petersburg und Wladiwostok.

    Dass die Programmänderung politische Motive hatte, daran lassen Putins Lieblingsblatt "Komsomolskaja Prawda" und andere Moskauer Medien keinen Zweifel. Serebrennikow habe "pazifistische Posts" verbreitet, Kulyabin, der sich in Prag aufhalten soll, habe in Nowosibirsk 2015 mit einer "skandalösen" Aufführung von Wagners "Tannhäuser" die "Gefühle der Gläubigen" verletzt.

    Tatsächlich hatte der junge und sehr "wilde" Regisseur den Titelhelden als Jesus mit halbnackten Verführerinnen im "Venusberg" gezeigt. Kulyabin begründete sein Konzept damals mit dem Hinweis, er habe nach Bildern gesucht, die ebenso viel "moralische Empörung" auslösen sollten wie Tannhäusers Loblied auf den Sex.

    Kritik an Kartenrückgabe: "Das ist höllisch!"

    Auf dem Telegram-Kanal des Bolschoi tobt seit den Absagen ein wüster Kampf der Ticket-Besitzer. Sie schimpfen, die Stornierungen seien eine "Respektlosigkeit", zumal viele seit langer Zeit auf der Jagd nach den Karten gewesen seien: "Was für eine Schande!" Andere wähnen sich in einem "Albtraum": "Ich warte seit drei Jahren auf eine Aufführung von 'Nurejew'. Ich brauche 'Spartacus' nicht." Und weil es beim Kartenumtausch wohl Probleme gab, schäumte die Volksseele: "Das ist höllisch!" Gemeint war damit die Regelung, dass Karten nur an der Abendkasse persönlich von denen zur Rückerstattung eingereicht können, die namentlich auf den Tickets vermerkt waren. Für "Sonderveranstaltungen" nimmt das Bolschoi überhaupt keine Karten zurück.

    Protestaktion vor dem Bolschoi gegen den Krieg

    Die zu Sowjetzeiten sehr gefragte Sängerin Olga Kormuchina (62) begrüßte dagegen die Stornierung von "Nurejew" mit den Worten, es sei Zeit für eine "Patriotisierung" des Publikums, die sie sich wohl von "Spartacus" erhofft.

    Unterdessen fand in Moskau, auf dem Platz direkt vor dem Bolschoi-Theater eine Protestaktion gegen den Krieg statt, Titel: "Russische Welt", wie auf Twitter dokumentiert wurde. Die Aktivisten teilten dort mit, sie wollten "anprangern, was in der Ukraine passiert" und zeigen, dass die russische Flagge "ein Symbol für die Zerstörung der Welt und den Tod von Zivilisten geworden" sei. Auf den Fotos ist zu sehen, wie eine Frau in Army-Klamotten mit "blutverschmiertem" Mund und einer russischen Flagge in der Hand auf eine "Leiche" unter einem weißen Laken tritt.

    In den russischen Maiferien, die am Montag mit dem alljährlich gefeierten "Tag des Sieges" und einer großen Parade zu Ende gehen, ist das ein bemerkenswerter Vorgang.

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