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Was Filmemacher Christian Petzold in der Pandemie erlebte | BR24

© Audio: BR/ Bild: BR Claussen+Putz Filmproduktion GmbH

Christian Petzold über die Einsamkeit des Streamens, der Gemeinschaft im Kino und der Unmöglichkeit zu drehen.

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Was Filmemacher Christian Petzold in der Pandemie erlebte

Nach dem Lockdown und eigener Covid 19-Erkrankung tourte Regisseur Christian Petzold mit seinem Film "Undine" durch kleine Kinos und freute sich, als die Kultur aus dem Dornröschenschlaf erwachte. Doch drehen tat er trotzdem noch nicht wieder.

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Von
  • Martina Boette-Sonner

"Ich glaube für die meisten Menschen ist die Einsamkeit, die jetzt vier Wochen vor ihnen liegt, so deprimierend, dass wir eine Narration, eine Erzählung brauchen, und wo sollen wir die hernehmen?" Fragt sich Filmemacher Christian Petzold, dessen letzter Kinofilm "Undine" nach der Premiere im Frühjahr sozusagen ins Wasser fiel, und der anschließend an Corona erkrankt war.

"Das ist keine Grippe, das ist viel brutaler"

In Paris hatte er sich angesteckt, lag vier Wochen flach, torkelte, wie er erzählt, einem Zombie gleich durch die heimische Berliner Wohnung. "Und zwar kann ich nur allen Leuten sagen, das ist keine Grippe, das ist viel brutaler. Und die Angst, dass man da eventuell künstlich beatmet werden muss, ist so ein Damoklesschwert, dass ich die Gelassenheit, die ich sonst bei Krankheiten hatte – wird schon wieder, das schlaf ich jetzt weg –, nicht mehr hatte. Das waren schon angstbesetze vier Wochen."

Den neuerlichen Lockdown der Kultur hält Christian Petzold für einen Fehler, sogar auf dem Filmfest in Venedig, das im Sommer ja trotz allem stattgefunden hat, habe es keine einzige Infektion gegeben. Trotzdem: Sein nächstes Filmprojekt, eine Simenon-Verfilmung hat er erst einmal auf Eis gelegt, sie war ihm zu dystopisch in diesen Zeiten, eine Untergangsgeschichte. Stattdessen wollte er lieber etwas mit Farben, Körper, Sinnlichkeit und Tanz, eine lebensbejahende Story. Nun wird es ein Tschechow werden, eine Petzoldbearbeitung. Wann will er drehen?

Die Logistik der Hygieneregeln

"Also ich habe 18 Filme gedreht, ich weiß, wie anstrengend das ist. Während der Drehzeit braucht man eine Menge Energie. Und wenn man die verbraucht für die Logistik von Fiebermessungen, Quarantäne, Angst vor Versicherungen, Abstandshaltungen und Zweischichten-Modellen, dann kann da nichts bei rauskommen, ich kann mir das nicht vorstellen."

Kino ist für Christian Petzold Lebenselixier, so hat er während der ersten Wochen der Kinoschließungen mit seinen eigenen DVDs ein "Homefestival" mit ein paar Freunden und Freundinnen veranstaltet, aber das ist alles nichts, denn, das Kino sei ein kollektives Gemeinwesen: All das Streamen in Zeiten des ersten Lockdowns habe ihn mit einer gewissen Einsamkeit und Traurigkeit umfangen.

Kultur wiedererweckt

Mit Undine auf Filmrollen hat sich Christian Petzold dann aufgemacht und ist getourt, in kleinen Kinos hat er ihn aufgeführt und die Schönheit des Kinoerlebnisses gespürt. "Das erinnerte mich an Science Fiction Filme, wenn man auf einem fernen Planeten landet und alles ist ausgestorben und kalt und es ist kein Sauerstoff, und dann einer sagt, ich leg mal den Schalter um und das Leben beginnt wieder. Das finde ich schön, dass die Kultur in einen Schlaf fällt, aber sich daraus auch wiedererwecken kann."

Christian Petzold, der so große Kinofilme wie "Die innere Sicherheit", "Wolfsburg", "Yella" und "Undine" gedreht hat, verfällt in eine gewisse kämpferische Melancholie, wenn er daran denkt, wie man im Moment mit der Kultur umgeht. "Die Leute, die das Kino, die Konzerte, das Theater so schnell verboten haben, die möchte ich gerne mal fragen, was war das letzte Buch, das ihr gelesen habt, wann wart ihr zum letzten Mal im Kino und im Theater?"

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