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Was feministische Slogans in unserem Schritt zu suchen haben | BR24

© Hanko Ye

Mode gegen Manspreading - Wenn Frauen mal "manspreaden"

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Was feministische Slogans in unserem Schritt zu suchen haben

"Manspreading" bezeichnet das Verhalten von Männern, die sich mit weit auseinander gespreizten Beinen in der Öffentlichkeit breit machen. Zwei Berlinerinnen halten diesen Männern jetzt mit wehrhafter Mode den Spiegel vor.

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Ein Fuß der Frau ruht auf dem Sitz der U-Bahn, der andere steht auf dem Boden. Unser Blick geht direkt in den weiblichen Schritt. Ein anderes Model steht auf einem Bein und hat das andere weit in die Luft gestreckt. Auch hier ist der Raum zwischen den Beinen gut sichtbar. Und wo unser Blick hingeht, da steht geschrieben "Give Them Space" oder "Toxic Masculinity", direkt im Schritt auf die Hose gedruckt.

Die Positionen der weiblichen Models auf dem Instagram-Account des Riot Pant Projects wirken fremd. Immerhin gilt schon für kleine Mädchen die Devise: "Beine zusammenhalten", egal ob in Rock oder Hose. Die starken Posen der Models erinnern vielleicht an die Band TLC oder Aaliyah oder an weibliche Rapstars der letzten Jahre. Auf jeden Fall an Frauen, die sich ermächtigen, indem sie mit maskulinen Codes spielen, sich diese aneignen.

Looks like Ungehorsam

Das Riot Pant Project aus Berlin hinterfragt das Manspreading, aber auch das weibliche Nicht-Spreading und überhaupt Körperhaltungen im Zusammenhang mit unserem Geschlecht, wie Elena – eine Hälfte des Projekts – erklärt: "Wir haben bei unserer Recherche festgestellt, dass das Beine-Spreizen sexualisiert wird und gleichzeitig die Körperstelle stigmatisiert ist. Dieses Gegenspiel fanden wir total interessant, das zu provozieren, den Blick in den Schritt zu lenken und gleichzeitig aber auch die Schrift zu haben, die sich wie eine Schutzschicht über die Vulva legen kann."

Elena und Mina, beide Mitte 20, Modedesign- und Grafikdesign-Studentinnen an der Universität der Künste Berlin, arbeiten gerade daran, die Riot Pant verfügbar zu machen. Bald werden sie erste Bestellungen annehmen, es gibt Hosen mit einer Auswahl von Slogans im Schritt. Interessierte können den beiden aber auch – ganz nachhaltig gedacht – eigene Hosen zuschicken, die sie bedrucken und wieder zurückschicken: um einen modischen und gesellschaftspolitischen Aspekt aufgewertet. Sind diese Hosen Mode oder Kunst? Wichtig wäre den beiden vor allem die Alltagstauglichkeit, sagen sie und: "Das Stärkste an unserer Idee ist unsere Idee und unser Konzept. Eine starke Referenz ist Valie Export für uns gewesen. Die hat eine Hose kreiert, die eine Aussparung im Schritt hatte, die die Vulva freigelegt hat." Für eine halbwegs so aufsehenerregende Hose könnte zuletzt die Musikerin Janelle Monáe gesorgt haben.

Die Tänzerinnen in dem Video zu Janelle Monáes Song “Pynk” tragen sogenannte "Vagina Pants": eigens dafür geschneiderte Hosen in Rosa-Tönen mit lamellenförmigen Applikationen auf den Außenseiten der Beine. Ja, das sind beinlange Metaphern für die Vulva.

Nicht nur für die Echokammer

Der Diskurs, an dem Elena und Mina sich da beteiligen, ist komplex. Oft ist es schon schwierig, überhaupt das Wort ”Manspreading” zu erklären, was genau daran wem missfällt, und was es bedeuten kann. Ist die Riot Pant ein Gimmick aus einer kleinen gesellschaftlichen Blase, die sich darüber den Kopf zerbricht? Und verstehen deswegen auch nur Konsument*innen und Beobachter*innen aus dieser Blase, was diese Hosen überhaupt sollen? "Wir können ja Awareness schaffen", findet Mina und gibt auch gleich ein sehr alltägliches Beispiel: "Ich habe mit meiner Schwester gesprochen, 'Wenn du in der U-Bahn fährst, fällt dir was auf?' Man spricht es an und dann ist wie ein Schalter umgelegt: 'Jetzt, wo du es sagst: Es ist überall.'"

Manche Begriffe wie "Space" seien vielschichtig und schwer ins Deutsche übertragbar, die Kommunikation funktioniere vor allem über das Optische, sagt Elena: "Es ist auch eine Stärke unseres Projekts, dass für unsere Elterngeneration neumodische Begriffe wie Manspreading gar nicht fallen müssen. Also jemand trägt die Hose und spreizt die Beine und es ist völlig egal wie man es nennt, es ist völlig klar, dass es darum geht eine stereotyp-männliche Haltung einzunehmen und sich damit auch Macht zurückzuerobern."

Übrigens glauben auch Mina und Elena nicht, dass jedes Manspreading immer bewusst von Männern betrieben werde, es hier auch um eine angelernte und selbstverständliche Körperhaltung geht. Wenn Männer sich unbewusst diesen Space, diesen Raum, nehmen, kann man sie ja auch darauf aufmerksam machen und ihn sich zurückerobern. Oder – die gendertypischen Haltungen vergleichend – nicht zurückerobern, sondern überhaupt erst einnehmen.

© Hanko Ye

Diese Hosen sollen "Manspreadern" den Spiegel vorhalten

© Nadine Hess

Von Kindheit an wird Mädchen beigebracht, die Beine geschlossen zu halten.

© Hanko Ye

So fühlt es sich an, wenn die Frau mal "spreadet".

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