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Was das Jahr 1979 mit unserer Gegenwart verbindet | BR24

© Bayern 2 - Kulturjournal

Der Historiker Frank Bösch, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung, im Gespräch über ein besonderes Jahr der Weltgeschichte. In seinem Buch "Zeitenwende 1979" erzählt Bösch von den Anfängen unserer Gegenwart.

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Was das Jahr 1979 mit unserer Gegenwart verbindet

Die Revolution im Iran, die Zweite Ölkrise, Chinas Öffnung zum Westen: Das Jahr 1979 ist voller folgenreicher Umbrüche. In einem großen Buch zeigt der Potsdamer Historiker Frank Bösch, wie die Welt von heute im Zeitalter des Kalten Krieges entstand.

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Schon den Zeitgenossen war bewusst: 1979 ist ein besonderes Jahr. Der Philosoph Jürgen Habermas etwa veröffentlichte damals einen Sammelband mit „Stichworten zur geistigen Situation der Zeit“. Darin ist von einer „neuen Unübersichtlichkeit“ die Rede, ein Befund, der uns – vierzig Jahre später – seltsam vertraut erscheint. Der Historiker Frank Bösch erzählt in seinem Buch von insgesamt zehn zentralen Ereignissen des Jahres 1979, darunter von der Zweiten Ölkrise, vom Besuch Papst Johannes Pauls in Polen oder vom Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan. Ein globaler Schlüsselmoment ist auch die Islamische Revolution im Iran. Mit diesem Umsturz wurde einerseits der politische Islam global bestimmend. Andererseits haben in ihm auch die heutigen Spannungen in der islamischen Welt eine wichtige Ursache.

"Die Iranische Revolution hatte den Anspruch, auf die gesamte islamische Welt auszustrahlen, sie zu exportieren", sagt Frank Bösch, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam. "Und die wichtige Großmacht Saudi-Arabien fühlt sich hier herausgefordert. Hinzu kommt, dass gleichzeitig ein Anschlag, eine Besetzung in Mekka dazu führt, dass das saudische Königshaus ebenfalls einen stärkeren konservativen Kurs fährt. Es entsteht eine Rivalität zwischen Iran und Saudi-Arabien - die schon vorher angelegt war, aber mit neuer Vehemenz -, die ebenfalls gegenwärtig entscheidend ist."

Beginn der Globalisierung

Frank Bösch schreibt nicht die Geschichte eines einzigen, welthistorisch durchaus bedeutenden Jahres. Vielmehr nimmt er die 70er und auch die 80er Jahre in den Blick. 1979 ist gewissermaßen ein Kulminations- und Wendepunkt in diesem Zeitraum – und überhaupt in der Epoche des Kalten Krieges. Allzu gerne wurde und wird diese Ära einer hauptsächlich bipolaren Welt als erratischer Block betrachtet, Anfang: 1945, Ende 1989/91. Die Perspektive, die Frank Bösch nun eröffnet, bricht diese klassische Sichtweise auf und stellt – am Beispiel einer Reihe von historischen Zäsuren – die Frage nach Kontinuitäten über das Ende des Kalten Krieges hinaus.

1979 ist auch das Jahr, in dem Deng Xiaoping die Öffnung Chinas ausrief und in dem Margret Thatcher zur britischen Premierministerin gewählt wurde: zwei Marksteine auf dem Weg zur Globalisierung, in unsere Zeit. "Das Interessante ist, das wir 1979 bei diesen Umbrüchen sehen können, dass Globalisierung nicht etwas Abstraktes ist, was von oben gemacht wird", erklärt Frank Bösch. "Sondern von einzelnen Menschen in Entscheidung. Sei es, dass Margret Thatcher beispielsweise im Finanzwesen den grenzübergreifenden Finanzverkehr liberalisiert. Oder sei es, dass in China Deng Xiaoping Reformen durchführt, um Joint Ventures mit der Welt, um Freihandelszonen zu schaffen, wo westliche Unternehmen in China investieren können, damit China zur Exportmacht wird."

© dpa

Frank Bösch, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam

Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte

Eine wichtige Rolle in Frank Böschs vielfach erhellender Geschichte der Zeitenwende 1979 spielen die beiden deutschen Staaten. Der Potsdamer Historiker fragt immer auch nach den Auswirkungen zentraler Ereignisse in den Gesellschaften der Bundesrepublik und der DDR. Der Atomunfall im amerikanischen Harrisburg im März 1979 und die Zweite Ölkrise etwa führten zu einem neuen umweltpolitischen Engagement. In der DDR entstand – unter dem Dach vor allem der evangelischen Kirche – eine zwar kleine, doch längerfristig trotzdem einflussreiche Umweltbewegung. Im Westen formierten sich die Grünen als neue politische Kraft.

"Sie haben Rückenwind durch diese Krisenkonstellation", so Frank Bösch über die neu entstandene Partei. "Und zwar durch eine doppelte Krisenkonstellation: Einerseits die Energiekrise und die negative Bewertung der Atomkraft in Folge des Atomunfalls bei Harrisburg. Aber gleichzeitig auch der NATO-Doppelbeschluss, der Einmarsch in Afghanistan, die Angst vor einem Dritten Weltkrieg." Diese Ereignisse hätten die beiden großen Protestbewegungen – die Friedensbewegung und die Umweltbewegung – zusammengeführt. "Und mit den Grünen haben diese einen politischen Arm bekommen, der 1979 erstmals in die Landtage einzieht."

Natürlich, das Jahr 1979 ist – gefühlt – nah, die großen, mit ihm verbundenen Ereignisse sind im kollektiven Gedächtnis präsent, präsenter jedenfalls als die Ereignisse anderer Epochen. Trotzdem ist die Erkundung dieser ganz eigenen Zeitspanne im Kalten Krieg lohnend und spannend. Die Geschichte unserer Gegenwart beginnt nicht erst mit dem Ende der sozialistischen Welt und dem Untergang der Sowjetunion.

Frank Böschs Buch "Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann" ist im Verlag C.H. Beck erschienen.

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