Der Moderator vor Mikrofonen
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Hassprediger: TV-Propagandist Wladimir Solowjew

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    "Was dann?": Russischer TV-Propagandist nimmt Kreml aufs Korn

    "Was dann?": Russischer TV-Propagandist nimmt Kreml aufs Korn

    Die russischen Talkshow-Macher hatten schon mal mehr Publikum: Ihre Hasspredigten scheinen nicht wenige Zuschauer zu ermüden. Jetzt wagt Wladimir Solowjow, der Star unter den Kriegshetzern, direkte Kritik an Putins Pressesprecher.

    Bisher war der russische TV-Moderator Wladimir Solowjow (59) als lautester Marktschreier der Kreml-Parolen bekannt. Seine Sendungen bestehen aus wüster Hetze gegen die Ukraine und bizarren Verschwörungstheorien. Doch jetzt geriet der "Hassprediger" gleich mehrfach mit Kreml-Sprecher Dmitri Peskow aneinander. Der hatte kürzlich verkündet, ein Machtwechsel in Kiew gehöre nicht zu den Zielen des Angriffskrieges, der in Russland immer noch als "Spezialoperation" bezeichnet wird. Überhaupt könnten die Ziele "auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichen Formaten" angesteuert werden, so Peskow laut staatlicher Nachrichtenagentur TASS. Das war als verklausulierter Ruf nach diplomatischen Lösungen verstanden worden.

    "Ich will das nur verstehen"

    Solowjow wollte das offenkundig nicht unkommentiert stehen lassen: "Wie können Entnazifizierung und Entmilitarisierung durchgeführt werden, wenn die Machthaber in der Ukraine die gleichen bleiben?" fragte er auf seinem Telegram-Kanal mit sehr gereiztem Unterton: "Nun, wenn es derselbe Selenskyj bleibt, der die ganze Zeit irgendetwas schreit. Er muss offenbar nur sagen: Ich habe meine Meinung geändert. Nein, ich will das nur verstehen. Was ist dann unser Bild von der Zukunft der Ukraine? Wie sehen wir das? So, wie es das ukrainische Volk wünscht? Nun, das ukrainische Volk wünschte sich Selenskyj. Und das deutsche Volk hat sich einst Hitler gewünscht. Und was dann?" Solowjow rechnet für diesen Fall mit einem Krieg gegen die NATO auf ukrainischem Gebiet.

    Auch die krisengeschüttelte "Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit" (OVKS), die von Russland angeführt wird und zentralasiatische Länder wie Armenien und Kasachstan umfasst, hält Solowjow - anders als der Kreml - für wenig hilfreich. Während Peskow gesagt hatte, der Fortbestand der OVKS stehe "außer Zweifel", krittelte Solowjow in seiner Sendung: "Es stellt sich die Frage nach dem Sinn der Organisation." Brisant ist das deshalb, weil Russlands Nachbarn ohnehin schon dabei sind "von der Fahne zu gehen" und der Kreml alle Hände voll zu tun hat, die Organisation vor dem Zerfall zu bewahren.

    Erst vor wenigen Tagen war Solowjow mit Peskow in einer ähnlichen außenpolitischen Sache aneinander geraten. Der Kreml-Sprecher hatte russische Politologen davor gewarnt, allzu aggressiv auf Kasachstan zu schimpfen, schließlich gehört das Land zu den größten und wichtigsten Nachbarn Russlands und ist wegen des Kriegs sowieso schon um mehr Distanz bemüht. Peskows Mahnworte irritierten Solowjow allerdings nicht im Geringsten.

    Kasachstan: "Skandalöser Hetzer"

    "Ich mag keine übermäßige Gefühligkeit", reagierte er auf den Hinweis, schließlich gebe es in Russland "Redefreiheit". Unmittelbarer Grund für das Scharmützel war ein Auftritt des Politologen Dmitri Drobnitzky in Solowjows Sendung gewesen. Der angebliche Fachmann hatte gesagt, in Kasachstan drohten demnächst wie in der Ukraine "Kriegsverbrecherprozesse". Drobnitzky sei ja kein "Beamter", so Solowjow, und könne deshalb ohne politische Rücksichten seine Meinung äußern.

    In Kasachstan war Solowjow für seinen verbalen Extremismus heftig angegangen worden, er fühle sich wohl "in die Enge getrieben" und versprühe hysterisch "überall giftigen Speichel". Er sei ein "skandalöser Hetzer", der seine Talk-Gäste regelmäßig anstachele. Politologe Drobnitzky wurde für seine Bemerkung, Kasachstan könne "bald das nächste Problem" für Russland sein als "Science Fiction"-Experte geschmäht.

    "Dämonische Besessenheit"

    Kremlintern wird Sprecher Peskow eher zu den "Tauben" als zu den "Falken" gezählt, weil er anders als zum Beispiel die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, immer wieder um sprachliche Mäßigung bemüht zu sein scheint. Er würde nicht von "Demenz und dämonischer Besessenheit" in Kiew reden, wie es Sacharowa regelmäßig auf ihrem Telegram-Kanal macht, wo sie auch mal selbst verfasste Hass-Lyrik veröffentlicht.

    Ob Peskows Formulierungen nur Wortgeklingel oder tatsächlich deeskalierend gemeint sind, das sei dahingestellt. Jedenfalls leben Solowjow und Kollegen von der Zuspitzung und setzen auf ultrapatriotische Wutbürger. Damit jedoch finden sie ausweislich einer neuen Medienstudie immer weniger Zuschauer, wie die "Prawda" meldete. Nur 18 Prozent des Publikums schalteten demnach politische Talkshows ein, gut die Hälfte der Zuschauer halte sie für die "unangenehmsten Formate" im Gesamtprogramm. Gerne würden sich die TV-Propagandisten als Interessenvertreter der "kleinen Leute" inszenieren, weshalb sie immer wieder Behörden-Willkür, Generäle und "Eliten" anprangern, speziell seit der unpopulären Mobilisierung. Vor offener Kritik am Kreml scheuten sie bisher allerdings zurück.

    "Vorahnung von großer Trauer"

    Womöglich will sich Solowjow mit dem Peskow-Bashing neu profilieren: Seine Show fiel im Zeitraum April bis November vom ehemals vierten auf den 17. Platz der Einschaltquoten. Viele Russen suchen Zerstreuung statt Propaganda, weshalb seichte Schlager-Shows wie "Lieder von Herzen" in den TV-Charts nach vorn stürmten. Unabhängig von dieser medialen Gesamtlage scheint es jedoch auch kein Sakrileg mehr zu sein, am Kreml Kritik zu üben. In russischen Blogs jedenfalls ist ein gewisses "Unwohlsein" mit Putins Entscheidungen zu beobachten, das vergleichsweise offen artikuliert wird.

    Der tschetschenische Autor und Publizist German Sadulajew machte in einem Interview aus seiner tiefen Verunsicherung nach dem Rückzug der russischen Truppen aus Cherson kein Hehl und bemerkte, er habe eine "Vorahnung von großer Trauer" und den Verdacht, dass der Kreml den Krieg aus irgendwelchen Gründen womöglich verlieren wolle. Die politische Führung sei "absolut intransparent", es gebe offenbar "Fehleinschätzungen" im Umgang mit den Medien: "Wir hoffen weiter, aber wir sind ratlos, schockiert, mit einem Mangel an Verständnis dafür, was passiert. Wir können die Signale unserer Regierung nicht verstehen. Was ist wirklich los? Was ist der eigentliche Plan? Was sind unsere wahren Ziele? Das ist absolut unverständlich. Das führt zu großem Frust."

    "Ich bin nicht glücklich darüber"

    Der rechtsextreme Donbass-Kämpfer Alexander Chodakowski mit rund 650.000 Telegram-Abonnenten seufzte etwa scheinheilig nach dem jüngsten "Vergeltungsschlag" auf die ukrainische Energie-Infrastruktur, Russland schlage offenbar "hysterisch" aufs Hinterland, weil es seine Ziele an der Front verfehle: "Ich bin nicht glücklich darüber, dass unsere Raketen dorthin fliegen und ihre militärische Wirkung haben, aber ich sehe, dass wir bereits viel Geduld gezeigt haben und die pingelige Auswahl unserer Methoden mit dem Leben unserer Soldaten bezahlt haben."

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