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Was blieb vom Rundfunk der DDR | BR24

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Bis zuletzt hatte die Staatspartei SED alle Register der Medienzensur gezogen. Doch auf einmal war das vorbei. Es entstand eine freie Medienlandschaft mit neuen Formaten.

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Was blieb vom Rundfunk der DDR

Bis zuletzt hatte die Staatspartei SED alle Register der Medienzensur gezogen. Der damalige ZK-Sekretär für Agitation und Propaganda, Joachim Herrmann, drangsalierte die weisungsgebundenen Journalisten nahezu täglich mit absurden Direktiven.

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Nahezu täglich waren zum Teil absurde Direktiven des Sekretärs für Agitation und Propaganda gekommen. Zum Beispiel: "Wir beschäftigen uns nicht mit der Ausreiseproblematik." Eingriffe in laufende Nachrichtensendungen der "Aktuellen Kamera" waren keine Seltenheit. Damit war auf einmal Schluss.

"Unsere Mitverantwortung an der entstandenen Krisensituation in der DDR konstatieren wir mit tiefer Betroffenheit. Wir haben es zugelassen, dass unser Medium durch dirigistische Eingriffe missbraucht wurde. Dadurch wurde das Vertrauen vieler Zuschauer und nicht zuletzt zahlreicher Mitarbeiter im DDR-Fernsehen erschüttert. Dafür bitten wir die Bürger der DDR um Entschuldigung." Aktuelle Kamera vom 3. November 1989

Die Menschen in der DDR staunten nicht schlecht, als am 3. November 1989 in der "Aktuellen Kamera" ein zerknirschter Sprecher diese Erklärung verlas. Karola Wille war zum Zeitpunkt der Wende Juristin an der Uni Leipzig. Heute ist sie Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR).

Neue Medienwelt mit neuen Formaten

"Die Medienwende war ja vor allem ein Übergang vom Staatsfernsehen, vom Staatsradio zu einer freiheitlichen Medienwelt. Wir haben vor dem Fernseher gehangen und plötzlich Dinge erfahren, erlebt – es war so eine Aufbruchstimmung ganz klar zu spüren. An die Zeit kann ich mich gut erinnern." MDR-Intendantin Carola Wille

In neuen Formaten wie dem Jugendmagazin "Elf 99" und Live-Sendungen erprobten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des DDR-Fernsehens nun erstmals einen freien und kontroversen Journalismus. Im Jugendradio "DT 64" war so etwas schon früher ansatzweise gewagt worden.

Patricia Schlesinger, seit drei Jahren Intendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), erinnert sich an die widersprüchliche Stimmungslage der Bevölkerung.

"Ich war damals hier als Reporterin unterwegs, in Stadt und Land – viel in Berlin, aber auch viel auf dem Land, in Brandenburg, in Mecklenburg-Vorpommern. Ich habe viele verunsicherte Menschen getroffen, selbstverständlich. Weil die Neuerungen waren ja so umfassend, wie sie umfassender kaum sein könnten. Andererseits viele Menschen, die mit unglaublich viel Hoffnung in diese Wende gegangen sind, die zum Teil beteiligt waren daran, und habe eigentlich ganz viel Aufbruch erlebt, im positiven Sinne." RBB-Intendantin Patricia Schlesinger

Aufbruch und Abwicklung

Doch der Aufbruch währte nicht lange. Auch im Rundfunk gelang es den Befürwortern eines Dritten Weges nicht, eigene Akzente zu setzen. Die Idee, in den fünf neuen Ländern eine gemeinsame dritte öffentlich-rechtliche TV-Anstalt neben ARD und ZDF zu bilden, stieß bei den Entscheidern in Politik und Medien auf wenig Gegenliebe. Am Ende schloss sich Mecklenburg-Vorpommern dem Norddeutschen Rundfunk an. Das kleine Brandenburg leistete sich zunächst mit dem ORB, dem Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg, einen eigenen Sender - aus der nicht ganz unbegründeten Furcht, vom SFB, dem Sender Freies Berlin, dominiert zu werden. Eine umstrittene Entscheidung, die 2003 mit der Fusion zum RBB korrigiert wurde. Intendantin Patricia Schlesinger:

"Wir haben nicht nur regionale Disparitäten, wir haben Ost-West mitten in der Stadt. Wir haben auch nicht nur Stadt-Land. Das ist eine besondere Herausforderung, der wir versuchen, gerecht zu werden, indem wir im Programm für die Menschen im Osten und für die Menschen im Westen verschiedene Dinge anbieten." Patricia Schlesinger

Wo die ostdeutsche Identität noch lebt

Keine gute Erinnerung haben die ehemaligen ostdeutschen Rundfunkbeschäftigen an Rudolf Mühlfenzl, den Ex-Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks und nach der Wende bis 1991 Rundfunkbeauftragter für die neuen Bundesländer. Ihm eilte der Ruf eines gnadenlosen Abwicklers voraus. Der Deutsche Fernsehfunk wurde aufgelöst. Von den zentralen DDR-Hörfunkstationen überlebte nur "Deutschlandsender DS Kultur“ im Schoße des neu gegründeten Deutschlandradios. Die damaligen Massenentlassungen und die Personalpolitik des Westens hätten seinerzeit viel Bitterkeit ausgelöst, sagt Verleger Christoph Links.

"Dadurch gab es eben auch das Gefühl von Fremdbestimmung vieler Art, denn in den Chefredaktionen saßen im wesentlichen Leute, die aus dem Westen gekommen sind, in den Intendanzen sowieso. Und da ist ein Stück ostdeutsche Identität auf der Strecke geblieben. Das rächt sich jetzt auch drei Jahrzehnte später, denke ich." Christoph Links, Verleger

Ist die Integration gelungen? Es gebe auf jeden Fall noch Nachholbedarf, findet Karola Wille, die Intendantin der Dreiländeranstalt MDR.

"Was unsere Aufgabe ist als Mitteldeutscher Rundfunk, ist, dass wir wirklich diese Lebenswirklichkeit der Menschen so differenziert darstellen, dass wir ein Stück Analyst der ostdeutschen Zeitgeschichte sind und dass wir das auch in die bundesweiten Angebote der ARD stärker mitbringen, und dass tatsächlich der Osten so wahrgenommen wird, wie er ist und welche positiven Leistungen dort erbracht werden und wie vielfältig das Bild des Ostens auch ist. Karola Wille