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Warum wir uns gar nicht so sehr vom Tier unterscheiden | BR24

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Was unterscheidet uns vom Tier? Der Werkzeuggebrauch ist es nicht!

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Warum wir uns gar nicht so sehr vom Tier unterscheiden

Schießende Fische, angelnde Insekten: Im Tierreich sind Werkzeuge erstaunlich verbreitet. Der Biologe Peter-René Becker zeigt in seinem Buch "Wie Tiere hämmern, bohren, streichen: Werkzeuggebrauch bei Tieren", wie ähnlich uns Tiere mitunter sind.

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Von
  • Julie Metzdorf

"Der Mensch ist das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit einnehmen kann." An dieser Einschätzung Loriots zweifelt niemand. Andere Aussagen über das Wesen des Menschen und vor allem über das, das ihn vom Tier unterscheidet, sind weniger unumstößlich: So galt etwa lange die These, der Mensch sei das einzige Wesen, das Werkzeuge gebrauchen und vor allem auch herstellen könne. Doch der Werkzeuggebrauch gilt schon länger nicht mehr als Alleinstellungsmerkmal das Menschen. Die Abgrenzung zum Tier wird damit immer schwieriger. Das jahrhundertealte Selbstverständnis des Menschen als Ausnahmeerscheinung gerät ins Wanken – und nicht jeder hört das gern.

Der Mensch ist eine Tierart

So berichtet der Biologe Peter-René Becker, dass er immer noch böse Blicke erntet, wenn er geradeheraus sagt, dass der Mensch eine Tierart ist: "Obwohl wir in breiten Kreisen die Evolution akzeptiert haben und wissen, dass wir tierische Vorfahren hatten, aber wenn man das so formuliert, dann gucken mich manche immer noch grimmig an."

Auf 200 Seiten beschreibt Becker in seinem neuen Buch "Wie Tiere hämmern, bohren, streichen: Werkzeuggebrauch bei Tieren", wie sich Tiere die Dinge um sich herum zunutze machen: Da wird gehämmert, gestochert, gefegt, geworfen, gebohrt, geködert, eingeklemmt, geschossen und gewischt, dass einem die Augen übergehen. Lippfische etwa stoßen Seeigel um, packen sie an der weichen Mundseite, schwimmen zu einem Stein und zerschlagen sie auf diesem natürlichen Amboss. Kapkrähen wurden beobachtet, wie sie Steine auf ein Nest voller Straußeneier abwerfen und die Eier so öffnen konnten. Schimpansen nutzen Stöckchen, um nach Termiten zu angeln, in Honig zu stochern oder auch um die Tiefe eines Gewässers auszuloten. Um Nüsse zu öffnen tragen sie bis zu 2,6 Kilogramm schwere Hammersteine zu einem mehrere Hundert Meter entfernt gelegenen geeigneten Amboss. Manche legten auch erst einen Keil unter den Amboss, damit er grade war und die Nüsse nicht davonrollten. Denn: Tiere können Werkzeug auch herstellen: Manche Krähen etwa können Draht zu einem Haken biegen.

© Privat

Der Biologe Peter-René Becker

Erstaunliche Vielfalt des Werkzeuggebrauchs

Aus solch einem Werkzeuggebrauch kann sich kulturelles Verhalten entwickeln, sagt Becker: "Wenn wir von Kultur sprechen – und das tun ja viele Kollegen und ich auch –, dann ist die Voraussetzung, dass es in einer kleinen Gruppe von Tieren passiert, die genetisch möglichst einheitlich sind; es darf keine ökologischen Gründe geben und es muss sozial vermittelt werden und nicht genetisch, sondern es muss wirklich über Tradition weitergegeben werden."

Erstaunlich ist, wie sorgfältig die Tiere ihr Werkzeug auswählen: Schimpansen zum Beispiel bevorzugen zum Hämmern Steine gegenüber Holz und Hartholz gegenüber Weichholz. Sie können also die Materialien und die zu erwartende Schlagkraft abschätzen. Zugleich wird aber auch der Energieverbrauch einkalkuliert: Lohnt es sich tatsächlich, die Frucht einen Baum hinaufzutragen um sie herunterfallen zu lassen oder bleibt man lieber am Boden und öffnet sie durch Hämmern? Auch die Verletzungsgefahr haben die Tiere offenbar im Blick: Wenn ein Tier z.B. eine Nuss gegen einen Stein schlägt, den Stein also als Amboss nutzt, dann ist das zwar sicherer, weil die Nuss nicht wegspringen kann und zum Beispiel von einem anderen Affen gefressen wird. Aber es birgt auch eine höhere Verletzungsgefahr für die Pfote, als wenn der Affe mit einem Stein drauf schlägt. Genau solche Dinge scheinen Tiere tatsächlich abzuwägen, meint Becker.

Und trotzdem: Das Erstaunlichste Lebewesen bleibt der Mensch

Am Ende des Buchs ist klar: Egal ob Schnecken oder Schimpansen – komplexe Verhaltensweisen bei Tieren nehmen zu. Und trotzdem: Die Fähigkeit zur Rückbesinnung, zu Antizipation, Reflexion und Verantwortung sind Alleinstellungsmerkmale des Homo sapiens. Und so schließt Peter-René Becker sein Buch mit einem Satz aus Sophokles "Antigone": "Staunliches waltet viel und doch nichts Erstaunlicheres als der Mensch."

© Cover: Hirzel Verlag / Grafik: BR

Peter-René Becker: Wie Tiere hämmern, bohren, streichen: Werkzeuggebrauch bei Tieren, Hirzel Verlag 2020.

Peter-René Becker: "Wie Tiere hämmern, bohren, streichen: Werkzeuggebrauch bei Tieren", Hirzel Verlag 2020.

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