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Machtverhältnisse neu denken – Warum wir immer noch im Kolonialismus feststecken

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Warum wir immer noch im Kolonialismus feststecken

Das Zeitalter des Kolonialismus ist vorbei, doch die alten Machtverhältnisse wirken bis in unsere Gegenwart. Ein Online-Festival des Goethe-Instituts spricht die Probleme an – und liefert Handlungsanweisungen zur persönlichen Dekolonialisierung.

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"Breitengrad – Latitude" heißt ein Festival des Goethe-Instituts, das diesen Donnerstag begonnen hat und noch bis Samstag zu erleben ist. Dabei geht es um die Frage, wie der Kolonialismus in die Gegenwart hinein wirkt. Eigentlich sollte Latitude an verschiedenen Orten in Berlin stattfinden, da das aber im Moment unmöglich ist, hat das Goethe-Institut das Festival kurzerhand ins Internet verlegt. Ein digitaler Kraftakt mit Zoom-Diskussionen, Konzerten, einem Radioprogramm und Performances.

Goethe-Institut: Festival ist ein Experiment

Im weißen Dirndl, mit weißer Perücke und weißen Kniestrümpfen federt die Frankfurter Choreographin Joana Tischkau auf ihrem Gymnastikball und lädt das Publikum ein zum kolonialen Workout. Die schräge Performance dreht den Spieß um und treibt satirisch alte Vorurteile auf die Spitze. "Machtverhältnisse neu denken" lautet der Untertitel von Latitude. Für das Goethe-Institut ist das virtuelle Festival ein Experiment, sagt der Generalsekretär Johannes Ebert: "Ein Festival hat ja immer etwas Fröhliches und Lebhaftes. Natürlich behandeln wir bei Latitude sehr ernsthafte Themen. Aber es gibt immer wieder Kulturveranstaltungen, Poetry Slams, Konzerte, die auch die Kraft und die positive Seite dieser Diskussionen, die ja in die Zukunft führen sollen, unterstreichen sollen."

Die Stärken Afrikas erkennen

Am ersten Tag ging es um wirtschaftliche Unabhängigkeit in den Ländern des Südens. In einem übersprühenden Film zeigte das Designerkollektiv Thirdspace aus dem südafrikanischen Durban, wie gestalterische Entwürfe aus Alltagsgegenständen entwickelt werden. Da verwandelt sich die Ladefläche eines Pickups zum eleganten Bett. Der informelle Wirtschaftssektor ist in vielen afrikanischen Ländern Haupteinnahmequelle. "Wir übersehen in Afrika manchmal unsere Stärken", sagte der Ökonom James Shikwati aus Nairobi bei einer Zoom-Diskussion. "Wir finden in Afrika Menschen, die können einen Mercedes reparieren, waren aber nie in der Schule. Wir finden andere, die ein Haus bauen, ohne das je gelernt zu haben. Es gibt Elektriker oder Klempner. Das beruht auf der Fähigkeit, nachzuahmen, was anderswo passiert und es perfekt abzuliefern."

© picture alliance / JOKER

Autowerkstatt in Afrika

"Überleben ist die Mutter der Superkräfte", singt der Rapper Eric 1key aus Ruanda. Spätestens da nimmt das Festival Fahrt auf, denn jetzt können die Zuschauer Fragen schicken. Wie er mit Vorurteilen umgehe, will jemand von Eric 1key wissen. "Frustration feuert uns an. Wir wachsen mit Komplexen auf. Wenn ich in Ruanda pünktlich zu einem Treffen komme, heißt es oh, er ist ein Whitey. Kigali ist so eine schöne Stadt, sie muss immer mit anderen Städten in Europa verglichen werden. Dann heißt es: Hier sieht es aus wie in Genf. Warum können wir nicht einfach die sein, die wir sind?!"

Wird der Diskurs vom Westen dominiert?

Das Internet, das diesen Austausch möglich macht, spiegelt gleichzeitig die alten Machtverhältnisse. 54 Prozent der Beiträge im weltweiten Netz sind in Englisch. Für indigene Sprachen gibt es oftmals nicht einmal Übersetzungsprogramme. In den nächsten Tagen wird es auch um die Restitution von Kulturgütern gehen und um die Rolle westlicher Institutionen, die Gefahr laufen, den Diskurs zu dominieren. Das gilt auch für das Goethe-Institut, sagt Johannes Ebert. "Wir haben zum Beispiel ein großes Projekt gehabt in Kamerun, wo Künstlerinnen und Künstler aus den fünf ehemaligen Kolonien künstlerische Projekte dargestellt haben, die den Kolonialismus Deutschlands reflektieren. Und da sind wir als Institution komplett zurückgetreten. Es ist ein wichtiges Zeichen des internationalen Kulturaustauschs, dass wir da eher zurückhaltend und als Plattform agieren."

Natürlich hat das digitale Format seine Grenzen. Aber der Charme von Latitude liegt darin, dass sich kluge Köpfe aus allen Teilen der Welt begegnen. Und wer nicht mehr sitzen kann, darf eine Runde turnen.

"Latitude – Machtverhältnisse neu denken": Das digitale Festival des Goethe-Instituts läuft noch bis 6. Juni im Internet unter: www.goethe.de/latitude-festival

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