BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Warum wir wieder Lust auf Masken haben | BR24

© Bayern 2

Selfie war gestern, heute sind Masken angesagt. Wenigstens im Internet: Wir werden gesehen, aber müssen dabei nicht behaupten, das sei unser wahres Gesicht. Das ist ohnehin meist eine Lüge.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum wir wieder Lust auf Masken haben

Selfie war gestern, heute sind Masken angesagt. Wenigstens im Internet: Wir werden gesehen, aber müssen dabei nicht behaupten, das sei unser wahres Gesicht. Das ist ohnehin meist eine Lüge.

Per Mail sharen
Teilen

"Da habe ich irgendwie so einen Nerv getroffen", konstatiert Schmuckkünstlerin Carina Shoshtary - erstaunt über das große Echo auf ihren Instagram-Account. Vor eineinhalb Jahren hat sie den eingerichtet: fashion_for_bank_robbers – Mode für Bankräuber. Dort sammelt sie Fotos von Masken, Kopfbedeckungen, exzentrischen Make-Ups und Frisuren, von Ganzkörperkostümen und Gesichtsschmuck. Allen gemeinsam: Sie verdecken zumindest Teile des Gesichts. In kürzester Zeit entwickelte sich die Seite zum Renner, mittlerweile hat sie knapp 100.000 Follower.

Die Maske, das Anti-Selfie

"Im Social Media-Bereich hatten wir viele Jahre das Selfie, das auch immer kreativer wurde, und jetzt das Verbergen des Gesichts, das ist eine Weiterentwicklung des Selfie, oder auch ein Anti-Selfie: Ich zeige jetzt gar nicht mehr mein Gesicht, ich hab jetzt das Make-Up - oder was auch immer ich mir auf mein Gesicht tue - so übertrieben, dass das mit konventioneller Ästhetik gar nichts mehr zu tun. Dieses Schönheitsding wird so ein bisschen abgelöst." Moos, Federn, Reis, Stroh, perlenbestickte Spitze, Haifischzähne, Wolle, Streichhölzer, Strohhalme, Reißzwecken: Die Bandbreite der Möglichkeiten, wie und womit man eine Maske kreieren kann, ist betörend. Jeden Tag stellt Carina Shoshtary ein Foto ein; mittlerweile schicken ihr Maskenmacher, Hutmacher, Make-Up-Artists, Hairstylisten, Kostümbildner, Musiker und Künstler aus aller Welt Bilder zu.

Carina Shoshtary macht selbst zeitgenössischen Schmuck, viele Jahre fertigte sie Broschen aus den farbenprächtigen Graffiti-Schichten alter besprühter Wände. Wie kleine Skulpturen konnte man sich diese Broschen anheften. Vor einiger Zeit begann sie sich dafür zu interessieren, wie man den Körper mit einem Schmuckstück verändern kann.

Zu jeder Maske gehört eine fiktive Figur

"Mich interessiert schon das Geheimnisvolle an einer Maske. Es ist so, dass sie einem zum einen natürlich Schutz bietet, also deine Identität verbirgt, zum anderen kannst du mit einer Maske was ausdrücken, was unmittelbar passiert, beim Aufsetzen der Maske. Das finde ich spannend, das ist eine Verwandlung und die Person wird sofort jemand anderes", sagt Shoshtary. Eine der Masken von Carina Shoshtary könnte einer Unterwasserkönigin gehören: Hunderte kleiner Glimmerstückchen erinnern an Fischschuppen, am Rand wachsen kleine Flossen. Es ist die Maske des Orakels. Masken sind für die Künstlerin immer nur ein Teil des Werks: Zu jeder Maske gehört eine fiktive Figur, ein Charakter, für den sie auch Schmuck entwirft und ein eigenes Musikstück komponiert.

Masken schützen vor dem Gesehen werden. Genau diese Möglichkeit Gesehen zu werden, galt bisher als großes demokratisches Versprechen des Internets. Und jetzt verstecken sich die Leute? Nicht ganz: Sie posten immer noch ein Foto von sich - mit Maske. Dahinter steckt keine Lüge, sondern eine Wahrheit: Wer eine Maske trägt, tut wenigstens nicht so als zeige er sein wahres Gesicht. Er verweist vielmehr darauf, dass ja ohnehin alle stets eine Maske aufhaben und mal in die eine, mal in die andere Rolle schlüpfen.

"Viele Künstler greifen das auch auf, um so eine Gegenbewegung zum Selfie-Ding zu starten, also dass man sich selbst ständig ablichtet und das aber gar nichts mit der Realität zu tun hat. Dann gab es so Filter, die irgendwelche Sachen aufs Gesicht geklebt haben und dann haben das Leute aufgegriffen und das direkt in Material gemacht. Das ist so ein Spiel zwischen Digital und Analog", sagt Shoshtary. Apropos analog: In vielen asiatischen Großstädten gehören Masken bereits zum Alltag, nämlich Atemmasken gegen schlechte Luft. Bei Designern sind sie gerade voll im Trend. Und wer weiß: Vielleicht tragen wir alle bald Maske.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!