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Warum Wasser und der Tod in Jon Fosses Werk so präsent sind | BR24

© dpa-Bildfunk/ André Goerschel

Geirangerfjord bei Bergen in Norwegen

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Warum Wasser und der Tod in Jon Fosses Werk so präsent sind

"Diese Nahtod-Erfahrung mit sieben Jahren, machte aus mir einen Künstler", sagt Jon Fosse im Interview. Von dem Norweger, einem der meist gespielten Dramatiker Europas, erscheinen die ersten zwei Bände einer Roman-Heptalogie: "Der andere Name".

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Bekannt wurde der Norweger Jon Fosse um die Jahrtausendwende mit Theaterstücken, die wirkten wie aus der Zeit gefallen: Figuren, gefangen in einem Gefühl der Verlorenheit. Schwer kann man sich ihnen entziehen und ihrer soghaften Sprache, die um Existenzielles kreist: Einsamkeit, Unverständnis, Tod und Schweigen. Jon Fosse hat neben den Stücken auch Romane geschrieben, Gedichte, Essays, Novellen, Opernlibretti und 2015 den wichtigsten Literaturpreis Skandinaviens für sein Prosawerk "Trilogie" erhalten. Ende September wird der in der norwegischen Küstenstadt Haugesund geborene Autor 60 Jahre alt. Pünktlich zum Festtag erscheint von ihm auf Deutsch sein neues Romanprojekt: "Der andere Name", die ersten zwei von sieben Bänden seiner "Heptalogie" . Cornelia Zetzsche traf den berühmten, aber scheuen Schriftsteller und Nobelpreis-Kandidaten in Oslo zum Exklusiv-Interview.

Cornelia Zetzsche: Warum, Jon Fosse, treffen wir uns hier in Oslo im Hotell Bondeheimen?

Jon Fosse: Viele Jahre habe ich hier gewohnt. Ich hatte ein eigenes Zimmer hier, wo ich immer schlief, Nummer 407. Aber dann bekam ich diese Grotte, ein Haus hier in Oslo, einen Ehrenwohnsitz von der norwegischen Regierung. Da habe ich dann nicht mehr hier gewohnt.

Dieses Zimmer 407 taucht auch in ihrem neuen Roman auf, und dieses Hotel ist ein Schriftsteller-Hotel, Henrik Ibsen, Knut Hamsun und anderen gewidmet. Ihr Zimmer ist heute Nummer 503, mit Ihrem Foto und einem Ihrer Gedichte. Alle Autoren, die hier verewigt sind, schreiben oder schrieben in Nyorsk, also Neunorwegisch, einer der beiden Amtssprachen.

Nyorsk reicht zurück bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts. Es wurde mehr oder weniger erschaffen von Ivar Aasen. Seither haben wir diese Sprache, und viel von Norwegens bester Literatur wurde auf Neunorwegisch geschrieben. Bokmål, die Hauptsprache Norwegens, ist eine norwegische Variante des Dänischen, könnte man sagen. Neunorwegisch fußt auf norwegischen Dialekten und der alten nordischen Sprache, die man in Island spricht.

Sie wurden in Deutschland gefeiert als der „neue Ibsen“, als „Norwegens Beckett“, Sie wurden mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert. Wie würden Sie Ihr literarisches Credo formulieren?

Bleib du selbst. Hör nicht auf etwas außerhalb dieser inneren Stimme, mach‘ es auf deine Weise.

Sie haben mit Romanen begonnen, dann Stücke geschrieben, sind als Dramatiker berühmt geworden, dabei wollten Sie eigentlich Musiker werden?!

Ja, aber ich war ein sehr schlechter Musiker. Ich versuchte, so gut wie möglich Gitarre zu spielen, aber ich schaffte es nicht, ich hatte kein Talent. Also habe ich mit 16 Jahren komplett damit aufgehört und mit dem Schreiben begonnen. Und dann habe ich beim Schreiben das gleiche versucht wie beim Musikspielen. Ich versuchte, in die gleiche Stimmung zu kommen wie mit der Gitarre in frühen Jahren meines Lebens. So kam es zu all den Wiederholungen in meinem Schreiben.

Warum haben Sie sich vom Theater verabschiedet und wieder der Prosa zugewandt?

Ich schrieb etwa 20 Jahre fürs Theater, und ich schrieb viel. Ein Stück schob das nächste an, bis ich irgendwann merkte, ich konnte kein Stück mehr schreiben. Und da beschloss ich, mit dem Stückeschreiben aufzuhören und kehrte zur Prosa zurück und zur Poesie. Ich weiß nicht warum, ich war einfach müde und dachte, es ist vorbei. Aber ich wollte weiterschreiben und schrieb den dreiteiligen Roman "Trilogie" und gewann den wichtigsten Preis in skandinavischen Ländern, den Nordischen Preis für Literatur für diese "Trilogie", die übrigens Luc Perceval hier in Oslo auf die Bühne bringt. Vor vielen Jahren führte er Regie bei einer der besten Produktionen meiner Stücke, die es je gab, in München, an den Kammerspielen, "Traum im Herbst", seitdem hat er keines meiner Stücke mehr inszeniert. Aber es sagt auch etwas über meine Art, Prosa zu schreiben, alles, was ich schrieb, seit ich nicht mehr fürs Theater arbeite, landete schließlich auf der Bühne (lacht).

Sie haben diverse Wohnsitze. Sie sind ein Nomade, aber eigentlich verbunden mit den Fjorden im Westen Norwegens, auch Ihr Stil, Ihre Art zu schreiben, die Wellenbewegung.

Ja, vermutlich. Ich wuchs in einer kleinen Gemeinde auf, in Strandebarm, am Hardangerfjord, mit dem Blick auf den Fjord. Und wenn wir zur Schule mussten, gingen wir am Ufer des Fjords entlang und hörten dem Klang der Wellen zu. Als ich dort aufwuchs, gab es keine Straßenbeleuchtung, nur ab und zu ein Haus mit Licht, ich spreche von der Winterzeit, wenn es sehr dunkel in Norwegen ist. Diese Atmosphäre, diese Dunkelheit, da und dort ein Haus mit Licht und immer diese Wellenbewegung, das ist schon eine grundlegende Atmosphäre in meinem Werk.

Dunkelheit, Wellenbewegung, ganz wenig Licht, ganz wenig Menschen...?

Ja, aber Licht, trotzdem auch Licht.

Und es gibt einen Ort, der Fosse heißt.

Ja, daher komme ich, da wuchs ich auf, ein Teil einer ländlichen Gemeinde trägt diesen Namen. Vor ein paar Generationen war es Mode, den Namen des Ortes anzunehmen, und mein Ururgroßvater oder so, änderte seinen Namen und nannte sich Fosse, wie der Ort. Es ist eine alte Form des Dativs für Wasserfall, es meint den Ort am Wasserfall.

Das Wasser ist in Ihrem Schreiben, in ihrem Namen, in allem.

Ja, die Bewegung des Wassers, das Fließen. Vor allem die Heptalogie, mein neuer Roman ist wie fließendes Wasser, wie ein Fluss.

Wie kommt der Fosse-Sound zustande? Wie entsteht so eine Partitur der Wiederholung, des Vorantreibens, des Sogs?

Ich habe keine Worte, das zu beschreiben. Ich spreche vom Hören. Wenn ich schreibe, ist es ein Akt des Hörens, nicht des Schreibens. Viele Schriftsteller sagen, sie hätten Bilder im Kopf, ich sehe keine Bilder. Ich habe Stimmungen. Ich versuche, bei mir zu bleiben, und meinen Weg zu gehen, es geschieht einfach, wie Heidegger sagte, Kunst geschieht.

Alle Ihre Texte sind Kammerspiele. Die Stücke wie die Romane und Gedichte, haben etwas Eingeschlossenes und sind von abgrundtiefer Trauer. Warum ist der Tod so präsent?

Das weiß ich auch nicht. Ein Grund mag sein, dass ich als Junge einen Unfall hatte, bei dem ich fast starb, ich war sieben Jahre alt und verblutete fast, und ich denke, dieser Unfall hat mich sehr geprägt. Da hatte ich diese Nahtod-Erfahrung, von der Leute erzählen. Ich sah mich selbst aus der Distanz, das war ein sehr schöner Blick, friedlich und voller Glück. Es ist schwer zu beschreiben, denn es waren überhaupt keine Worte. Aber ich denke, diese Nahtod-Erfahrung mit sieben Jahren, machte aus mir einen Künstler.

Diese Sicht von außen, der Tod, die Stille, das Schweigen, die Einsamkeit, sind auch Elemente ihres neuen Romans "Der andere Name"; wieder eine Paar-Geschichte könnte man sagen, obwohl die Frau nicht mehr lebt. Es gibt darin Dialoge, vor allem aber ist es der Monolog von Asle, einem Verstummten, einem Maler und Witwer, einem einsamen Menschen, der einen anderen Asle sieht. Und da changieren Sie höchst elegant zwischen diesem Ich und Er. Man überlegt die ganze Zeit, ist es eine Person, sind es zwei Personen?

Nach meiner Interpretation gibt es zwei. Ein Asle begegnet dem anderen Asle. Aber der andere ist sein zweites Ich oder die andere Version seines Lebens. Der eine Asle hört mit dem Trinken auf, der andere trinkt weiter. Sie haben erst zwei Teile gelesen, es gibt fünf weitere, wenn der Rest veröffentlicht ist, wird es klarer.

Asle sucht als Maler etwas jenseits des Malens. Was bedeutet Stille, Schweigen für Sie?

Später im Roman stimmt der Protagonist mit mir überein, wenn er Gott hören kann, hört er ihn nicht in den Worten, sondern im Schweigen. Gott spricht in allem schweigend, so ist es für mich, darin stimme ich mit Asle überein.

Am 29.September werden Sie 60 und jetzt schon gefeiert mit Inszenierungen, Festivals und Seminaren zwischen Oslo und Bergen, mit internationalen Regisseuren. Was bedeutet der Tag für Sie?

Mit fünfzig dachte ich, nun könnte ich nichts Neues mehr schreiben, es würde nichts mehr passieren. Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe viel erlebt und viel geschrieben, in der Prosa wohl meine besten Bücher. Und es ist noch viel zu tun. Zehn Jahre hatte ich kein Stück mehr verfasst, aber als ich die "Heptalogie" fertig hatte, schrieb ich danach sofort wieder ein Stück – nach zehn Jahren! Vermutlich werde ich zwischen Prosa und Theater abwechseln, nicht so viel und so schnell wie früher, langsamer. Und ich hoffe, von Zeit zu Zeit gelingt mir auch ein Gedicht.

Jon Fosse: "Der andere Name", Heptalogie I - II, ist übersetzt aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel bei Rowohlt erschienen.

© Bayern 2

Kammerspiel der Stille: Jon Fosse und sein Roman "Der andere Name"

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