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Warum treten Menschen aus den Kirchen aus? | BR24

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Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus.

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Warum treten Menschen aus den Kirchen aus?

Wer aus der Kirche austreten will, muss das vor dem Standesamt seines Wohnsitzes erklären. In großen Städten wie München gibt es dort sogar eigene Wartezimmer für Katholiken und Protestanten, die das Gebäude als Konfessionslose verlassen möchten.

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"Grüß Gott. Sie wollen aus der Kirche austreten? Sie waren ja schon bei der Kollegin, die hat schon alle Daten eingegeben." Vormittags, 10 Uhr, im Kreisverwaltungsreferat der Stadt München, Zimmer 331. Für Standesbeamtin Elke König ist das heute der 25. Kirchenaustritt - eine Routineangelegenheit. "So, dann dürfen sie hier mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass Sie aus der römisch-katholischen Kirche austreten wollen."

"Bei vielen zieht sich der Prozess über Jahre hinweg."

50 bis 70 Austritte pro Tag verzeichnet die Standesbeamtin in ihrer Abteilung – insgesamt sind im Jahr 2019 knapp 16.000 Münchner aus der evangelischen oder katholischen Kirche ausgetreten – das sind 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Viele von ihnen würden sich gerne länger aussprechen, sagt Elke König. "Der ein oder andere sagt schon, das er sich über vieles geärgert hat, was da durch die Presse ging. Oder er hat in letzter Zeit keine guten persönlichen Erfahrungen gemacht." Aber zu tief will die Standesbeamtin nicht auf die Gründe für den Austritt eingehen. "Auch weil wir das nicht so zulassen, weil wir sagen, das ist nicht unser Thema, wir können an der ganzen Situation in der Kirche nichts verändern." Bei vielen Menschen ziehe sich der Prozess bis zum Kirchenaustritt über Jahr hin, so König.

Keine zwei Minuten dauert die Beurkundung eines Austritts. Doch Veronika, 35 Jahre alt, hat lange über ihre Entscheidung nachgedacht. Heute Vormittag hat sie sich zu dem Schritt durchgerungen. Jetzt steht sie am Kassenautomat und bezahlt 35 Euro. So viel kostet der Kirchenaustritt in München, eine Gebühr, die Veronika gerne in Kauf nimmt dafür, dass sie anschließend viel Geld sparen kann.

"Ich bin seit drei Jahren nebenberuflich selbstständig, mein Angestelltengehalt und meine Selbstständigkeit wird zusammen belangt, so dass ich quasi noch mehr Kirchensteuer zahle. Das ist eigentlich der Hauptgrund. In München ist das Leben sehr teuer und das Geld kann ich wirklich an besseren Stellen gebrauchen." Veronika

Auch für Dominik, 28 Jahre, spielen finanzielle Aspekte eine Rolle. "Die Kirche macht viele Dinge, die gut sind", sagt der angehende Rechtsanwalt, bislang Mitglied der evangelischen Kirche, "aber meiner Meinung nach ist der finanzielle Aufwand, den man dafür betreibt, gegenüber dem Ertrag, der dann am Ende an sozialen Zwecken verfolgt wird, nicht gut genug."

Dominik gehört zu einer typischen Gruppe von Austrittswilligen: Junge Leute und Berufsanfänger, die sich beim Blick auf die erste Gehaltsabrechnung überlegen, ob sie wirklich Kirchensteuer zahlen wollen, obwohl sie nur einen schlechten oder gar keinen Bezug zur Kirche haben. Aber auch Menschen fortgeschrittenen Alters kündigen ihre Kirchenmitgliedschaft im Standesamt München. "Die Missbrauchsfälle, die stören mich, die Aufarbeitung beziehungsweise Nicht-Aufarbeitung", sagt Sigrid, 58 Jahre alt, die heute im Wartezimmer sitzt, "das hat mich jetzt bewogen, auszutreten. Also mir reicht‘s jetzt."

An die vielen Kirchenaustritte hat sich Standesbeamtin Elke König schon gewöhnt. Allerdings: das Feedback, das sie bekommt, wäre in ihren Augen besser in den Kirchengemeinden vor Ort aufgehoben. "Ich wäre froh, wenn die Leute direkt bei der Kirche austreten müssten. Dann würden die Kritik und die Gründe vielleicht da ankommen, wo es nötig wäre."