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Auf dem Weg zum Kreml
© dpa-Bildfunk / Carlsen
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Auf dem Weg zum Kreml

Belgien, das Mutterland der Comics, feiert zwei seiner beliebtesten Helden: Heute vor genau neunzig Jahren, am 10. Januar 1929, erschien in einem konservativen belgischen Wochenblatt die erste Zeichnung von "Tintin et Milou", alias "Tim und Struppi". Bis zum Tod ihres Erfinders Hergé (bürgerl. Name: Georges Remi), im Jahr 1983, erlebten der sympathische Reporter und sein pfiffiger Terrier zahlreiche Abenteuer. Die bunten Bildergeschichten wurden in alle Weltsprachen übersetzt. Inzwischen ist Tintin-Schöpfer Hergé wegen seiner fragwürdigen politischen Ansichten durchaus umstritten. Der Beliebtheit seiner Figuren tut das keinen Abbruch. Sogar Star-Regisseur Steven Spielberg hat den Comic-Klassikern mit einem Kinofilm schon vor Jahren ein Denkmal gesetzt.

Rasender Reporter in Knickerbocker-Hosen

In Europas Comic-Hauptstadt Brüssel begegnen sie einem auf Schritt und Tritt. Nicht nur in Buchläden oder Souvenir-Shops. Auch an Häuserwänden, als meterhohe Graffiti, oder in U-Bahn-Stationen: Tintin – oder Tim, wie er bei seinen deutsch-sprachigen Fans heißt. Der rasende Reporter in Knickerbocker-Hosen, blauem Pulli und Trenchcoat, mit den unschuldigen Knopfaugen und der frechen blonden Haartolle über der Stirn. Und der Foxterrier Struppi, französisch: Milou, sein treuer Begleiter.

Sie gehören zur belgischen DNA

"Das Geheimnis der ‚Einhorn‘", "König Ottokars Zepter" oder "Der Blaue Lotos" – eine Geschichte spannender als die andere. Vor allem, weil Jung-Journalist Tim eigentlich nie eine Zeile zu Papier bringt, sondern meist als Hobbydetektiv knifflige Fälle löst. Unterwegs in fremden, exotischen Ländern, dunklen Geheimnissen auf der Spur, ständig in Lebensgefahr – aber am Ende immer siegreich im Kampf gegen das Böse.

Auch wenn es manchmal brenzlig wird - Tim und Struppi sind furchtlos und schlau und lassen sich nicht unterkriegen. In ihrer Heimat Belgien sind sie deshalb Volkshelden. Sie gehören sozusagen zur DNA des kleinen Landes, wie Pralinen oder Fritten. Jeder kennt sie, jeder liebt sie - ob Mädchen oder Junge, ob Kind oder Greis, erklärt Willem De Graeve vom Brüsseler Comicmuseum.

Tim und Struppi als Weltraumfahrer

Tim und Struppi als Weltraumfahrer

Leicht beschränkte Zivilermittler

Die Ursprünge des legendären Duos reichen zurück bis in die Zwischenkriegszeit: 1929 brachte sein Schöpfer Hergé, mit bürgerlichem Namen Georges Remi, sein erstes Tim-und-Struppi-Abenteuer heraus. Damals noch schwarz-weiß, inspiriert von den Comicstrips mit Sprechblasen aus den USA. Eine Beilage für Kinder in der katholischen Zeitung "Le Vingtième Siècle". Es folgten bis zu Hergés Tod, 1983, 23 weitere Bände, übersetzt in 70 Sprachen und 30 Dialekte. Die rasant erzählten Geschichten – eine Mischung aus Krimi, Fantasy und Science Fiction – entführen den Leser in die entferntesten Winkel des Globus: nach Afrika, Amerika oder Fernost. Eine sogar auf den Mond, den Tim in einer futuristischen rot-weißen Rakete erobert.

Fast immer mit von der Partie: Tims Freunde und Helfer: der vierschrötige, aber gutmütige Kapitän Haddock, der zerstreute, schwerhörige Professor Bienlein und Schulze und Schultze, die beiden unzertrennlichen, leicht beschränkten Zivil-Ermittler, die mit ihren Slapstick-Einlagen regelmäßig für Lacher sorgen.

Hergé war strammer Anti-Kommunist

Weniger komisch: der aus heutiger Sicht durchaus kritikwürdige politisch-ideologische Hintergrund, der vor allem die frühen Tintin-Folgen prägt und bis heute für Debatten sorgt. So outet sich der Autor schon in seinem Erstling "Im Lande der Sowjets", als strammer Antikommunist. Und die Episode "Tim im Kongo", erschienen 1930, spiegelt bei aller Naivität der Darstellung den latent rassistischen Ungeist der Zeit. Doch sogar Hergés Flirt mit dem Faschismus, den er selbst stets von sich wies, tat dem Kultstatus keinen Abbruch, den "Tim und Struppi" bis heute in Belgien genießen.

Autoren

Holger Romann

Sendung

B5 Kultur vom 10.01.2019 - 12:23 Uhr