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Warum sind Städte ein Labor für Diversität, Frau Hillmann? | BR24

© Audio: BR / Bild: Felicitas Hillmann

Austausch am Kiosk: Diversität wird laut Felicitas Hillmann etwa dadurch gefördert, dass Menschen ihren Stadtteil gemeinsam gestalten.

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Warum sind Städte ein Labor für Diversität, Frau Hillmann?

Diversität ist inzwischen ein Begriff, den sich Unternehmen, Institutionen und auch Rundfunkanstalten auf die Fahne schreiben. Gelebte Vielfalt wird aber auch vom Zusammenleben einer Stadt geprägt – und damit zur wichtigen Aufgabe für Stadtplaner.

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Vielfalt zeigt sich in jedem Stadtbild. Städte werden immer stärker als Laboratorien für ein neues Miteinander in kultureller Vielfalt definiert. Diversität ist geradezu ein Marketing-Mantra geworden, wenn man etwa auf den Slogan schaut, den sich die kroatische Stadt Rijeka als Europäische Kulturhauptstadt 2020 gegeben hat: "Port of diversity" ("Hafen der Vielfalt"). Was steckt hinter der Modevokabel Diversität in Hinblick auf die Stadtentwicklung? Knut Cordsen hat darüber mit Felicitas Hillmann gesprochen, Professorin am Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin und Leiterin der Forschungsabteilung "Regenerierung von Städten" am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner.

Knut Cordsen: Mitunter kann man den Eindruck gewinnen, dass "divers" das neue "Multikulti" ist. Was bedeutet "divers" mit Blick auf Städte und deren Entwicklung?

Felicitas Hillmann: Ja, das ist eine spannende Frage. Es ist nicht Multikulti. "Multikulti" bezog sich immer auf bestimmte ethnische Gruppen, also z.B. Türken oder Spanier oder was auch immer, die sich für ihre Rechte eingesetzt haben. "Multikulti" ist ein Begriff der 80er Jahre, "divers" ist ein Begriff, der sehr stark aus der Unternehmensphilosophie kommt. Er wurde angewendet in der Arbeitswelt und dann erst übertragen auf die Stadt – z.B. auf superdiverse Städte. Das sind Städte wie London oder New York, die ganz viele unterschiedliche Einwanderergruppen haben. Diese Diversität lässt sich zum Teil feiern. Bei der Multikulturalität war das noch anders. Ich würde es so ausdrücken: Diversität ist die Migration von gestern. Es sind die gehabten Schmerzen mit der Zuwanderung. Es ist das Neue, was in die Stadt kam und was sich jetzt als vielfältig und bunt und zum Teil marktschreierisch verwertbarer darstellt.

Sie definieren Städte als "Möglichkeitsorte". Nun sind Städte durch die globalen Wanderungsbewegungen, durch Flüchtlingsströme, Arbeitsmigranten in besonderer Weise herausgefordert. Wie weckt man im angestammten Stadtbewohner und im Neuhinzuziehenden das, was Robert Musil den "Möglichkeitssinn" genannt hat, also hier: den Sinn dafür, dass es für ihn von Vorteil ist, Diversität zuzulassen?

Meistens ist es nicht die ganze Stadt, die vielfältig ist, sondern es sind einzelne Stadtteile. Wir sehen es in Städten wie z.B. Berlin, da sind es Orte wie Kreuzberg, Neukölln mit einer bestimmten Wohnstruktur oder Siedlungsstruktur, die irgendwann divers geworden sind. Dahinter steckt viel Arbeit über viele Jahre. Wir haben Projekte gehabt wie die Werkstatt der Kulturen, alle möglichen Events, die von den Migranten irgendwann mal ausgegangen sind und aufgegriffen wurden. Einzelne Stadtteile übernehmen Integrationsfunktionen oder Funktionen der Diversität für die gesamte Stadt. Es wird immer dann attraktiv für die Neuhinzuziehenden und die dort Lebenden, wenn es eine gemeinsame Aufgabe gibt: das Machen von Stadt, könnte man sagen, die Produktion von Stadt in öffentlichen Räumen. Man hat ein gemeinsames Ziel, auf das man hinarbeitet. Das können Museen sein, wo man etwas zusammen macht, oder auch Bibliotheken.

© Dagmar Morath

"Es wird dann attraktiv für Neuhinzuziehende und die dort Lebenden, wenn es eine gemeinsame Aufgabe gibt", sagt Professorin Felicitas Hillmann

Bleiben wir gleich mal bei den Bibliotheken. In Oslo gibt es im Stadtteil Tøyen, der in der Mehrheit von Zuwanderern und sozial Schwächeren bewohnt wird, seit einiger Zeit eine Stadtteilbibliothek, "Biblio Tøyen", deren Angebot sich speziell an Kinder und Jugendliche wendet. Das ist ein Ort der Bücher, klar, aber nicht nur, v.a. soll es auch der Begegnung sein, eigentlich eine Art Jugendzentrum. Tragen solche Bibliotheken auch zur Integration und zur gelebten Diversität bei?

Ja, genau. Bibliotheken, Museen, das sind semistaatliche Institutionen mit einem Angebot, das Leute zusammenbringt. Dass die Menschen die Bücher dort lesen, ist ein Teil der Wirklichkeit. Wir haben an der TU Berlin ein Projekt gemacht zu produktiven Orten migrationsbedingter Vielfalt. Da haben wir bestimmte Cross-over-Restaurants und Parks gefunden, die Kristallisationspunkte für ein gemeinsames Tun zu bilden. Das sind Bibliotheken auf jeden Fall.

Es gibt auch ein Projekt der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die an einem sozialen Brennpunkt in der Stadt, in einem Problemviertel der Hansestadt, ein Probendomizil bezogen hat – eine Stadtteil-Oper. Inwiefern zeigt dieses Beispiel, dass Diversität nicht nur ein Schlagwort ist?

Ja, dass man Konzerte oder Teile der Kammerphilharmonie in ein solches Viertel legt, ist auf jeden Fall ein Versuch, Diversität herzustellen. Also ein Versuch, auf die Bevölkerungsgruppen zuzugehen und dort Gemeinsamkeit zu erzeugen. Wir sehen das auch beim Karneval der Kulturen in Berlin. Bremen hat das Samba-Festival, das in ähnlicher Weise wirkt, da auch dort unterschiedliche Leute zusammenkommen und etwas zusammen machen.

© Felicitas Hillmann

Austausch am Kiosk: Diversität wird laut Felicitas Hillmann auch dadurch gefördert, dass Menschen ihren Stadtteil gemeinsam gestalten.

Sie sprechen von "migration-led regeneration", also von einer durch Migration vorangetriebenen Regenerierung. Das ist das Gegenmodell zu dem, was Populisten oder Nationalisten herumposaunen, dass nämlich Zuwanderung der Gemeinschaft schadet und ihr nicht hilft. Sie sprechen von "Heilung" und Neubelebung. Steckt da mehr als Wunschdenken dahinter?

Das ist ein Ansatz, mit dem ich erst mal verstehen wollte, an welchen Punkten der Stadtentwicklung Migration wichtig wird. Wo kann sie etwas tun für die Städte, wo ändert sich die Stadtentwicklungspraxis? Da kann man sehen, dass von oben etwas gemacht wird: Willkommensbroschüren zum Beispiel. Das sind Programme, die reagieren auf eine Vielfalt, die es schon gibt, oft im Sinne der Integration. Oder im Sinne von proaktiv, Projekte, die die vermeintlich richtigen Zuwanderer anlocken, hochqualifizierte Touristen, Studierende, Internationale. Es gibt ganz viele Projekte, die von unten kommen, also von der migrantischen Bevölkerung oder von der Zivilgesellschaft selbst. Und um dieses große Spektrum an Aktivitäten zu fassen, habe ich den Begriff "migration-led regeneration" genutzt. Es geht nicht darum zu sagen, dass das eine Heilung ist oder eine Neubelebung. Ich spreche von Regenerierung, weil die Stadt sich aus ganz vielen verschiedenen unterschiedlichen Akteuren zusammensetzt. Das Ziel ist die Erneuerung der Stadt.

Es gibt ja in puncto Offenheit – der Soziologe Richard Sennett spricht von der Ethik der offenen Stadt – erhebliche Unterschiede zwischen Ost und West, das hat man 2019 anhand einer vergleichenden Studie zwischen Bremen und Leipzig herausgefunden. Oberflächlich betrachtet, ähnelt sich vieles: Es gibt hier wie da Integrationsbeauftragte, Willkommensbroschüren, aber auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, um mal Leipzig pars pro toto zu nehmen, eine viel stärkere Ablehnung dessen, was irgendwer "Willkommenskultur" getauft hat. Wie kommt das?

Da sind ja viele Schlagworte im Umlauf wie mit der Willkommenskultur. Leipzig ist hier vielleicht nicht das richtige Beispiel, weil Leipzig inzwischen sehr international ist. Was wir aber sehen, ist, dass es nach der Wiedervereinigung eine Übertragung von westdeutschen Konzepten der Migrationsgesellschaft auf die Kommunen in Ostdeutschland gab. Aber die Bevölkerungsstruktur war eine ganz andere. Auch die Geschichte, die Ostdeutschland mit der Migration hatte, war eine ganz andere. Es gab eine sehr viel stärkere Abschottung der Menschen, die dorthin gekommen sind. Bis heute sind migrantische Menschen unterrepräsentiert in den Institutionen. Es stellt sich vieles ganz anders dar als in Westdeutschland, wo wir große Teile der Bevölkerung haben, die einen Migrationshintergrund haben, und eine gelebte Urbanität. Man hat heute in Ostdeutschland zwar dieselben Konzepte (Integrationsbeauftragte, Willkommenskultur und -broschüren), aber die sind nicht mit Leben gefüllt. Das, denke ich, ist hier der springende Punkt für die Städte in Ostdeutschland.

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