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Warum sind Menschen von Natur aus Resonanz-Wesen, Herr Rosa? | BR24

© BR Bild dpa-Bildfunk Rolf Vennenbernd / Audio: BR

Atmen, Essen, Gehen: Bedürfnisse, die mit unserem Körper in Resonanz stehen. Auch Nähe und Distanz definieren unsere Beziehung zur Welt und anderen Menschen, sagt der Soziologe Hartmut Rosa.

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Warum sind Menschen von Natur aus Resonanz-Wesen, Herr Rosa?

In der Krise müssen wir Abstand halten. Trotz Social-Distancing ergeben sich in der Pandemie neue Möglichkeiten, mit anderen Menschen und unserer Umwelt in Resonanz zu treten. Welche, erklärt der Soziologe Hartmut Rosa im Interview.

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Von
  • Joana Ortmann

Resonanz bedeutet wortwörtlich: Widerhall, physikalisch meint es das Mitschwingen eines Körpers mit einem anderen. Viel umfassender versteht der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa den Begriff: Resonanz als eine besondere Form des in-Beziehung-Tretens mit der Welt. Nicht nur mit anderen Menschen, sondern mit dem Leben als solchem. Ein Austausch von allem miteinander, aber nicht esoterisch zu verstehen! Es geht um elementare körperliche Resonanz wie Atmen, Essen, Trinken, Gehen – aber auch um Phänomene wie Nähe und Distanz. Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte Joana Ortmann dazu schon einmal den Soziologen Hartmut Rosa befragt. Zeit für eine Bilanz am Ende eines Ausnahmejahres, aber noch nicht am Ende der Pandemie...

Joana Ortmann: Herr Rosa, bei unserem ersten Gespräch im April waren Sie ganz optimistisch und hatten prophezeit: Trotz Abstandhalten werden sich neue Resonanz-Möglichkeiten ergeben. Hat sich das bewahrheitet?

Hartmut Rosa: Na ja, ich glaube, wir haben alle mehr oder minder wechselnde Erfahrungen mit digitalen Geräten und neuen Kommunikationsformen gemacht. Und so haben tatsächlich einige Leute den Brief wiederentdeckt, weil sie vielleicht Zeit hatten und die anderen eben nicht sehen konnten. Auch das Telefon ist plötzlich wieder zu alten Ehren gekommen. Die Stimme von jemandem zu hören stiftet eine Art von Nähe, die schon wertvoll ist. Und darüber hinaus, glaube ich, ist ein interessanter Effekt auch, dass gerade junge Leute, von denen wir ja oft gedacht haben, das sind die Digital Natives, die brauchen das gar nicht mehr, tatsächlich den Wert von physischer Präsenz kennengelernt haben. Das berichten eigentlich unisono alle an Schulen oder Universitäten. Ich unterrichte ja an der Uni und gebe Seminare, und es ist wirklich ganz erstaunlich: Solange die Studierenden physisch da sein konnten, hat keiner mehr gefehlt. Das heißt, eine neue Wahrnehmung und Wertschätzung von physischer Gegenwart ist auch einer der positiven Nebeneffekte.

Joana Ortmann: Haben Sie denn selber als Resonanz-Profi neue Möglichkeiten erkundet?

Eigentlich glaube ich, dass wir sehr viele Illusionen in Bezug auf Dinge haben, von denen wir glauben, dass wir mit ihnen ganz tief in Resonanz treten würden, wenn wir nur einmal dafür Zeit hätten. Und jetzt war es ja so, dass wir tatsächlich die Zeit hatten. Und da konnte jeder für sich ausprobieren, was wirklich gut funktioniert und was nicht so gut. Zu meiner eigenen Erfahrung würde ich sagen, dass die Natur tatsächlich erstaunlich gut funktioniert hat. In die Natur gehen, einfach rausgehen, zu Fuß gehen, manchmal durch menschenleere Quartiere. Das stiftet für mich immer wieder eine intensive Selbst- und Weltwahrnehmung. Und ich glaube, diese Resonanzachse ist zuverlässiger als viele andere, von denen ich gedacht hatte, dass sie immer funktionieren. Irgendwann hat man es dann satt, Klavier zu spielen oder sogar Musik zu hören. Bei mir habe ich festgestellt, die Natur scheint die verlässlichste und stabilste von allen Resonanzachsen zu sein.

Und wie ging es Ihnen am Fest der Resonanz schlechthin, das heuer ein Fest der reduzierten Resonanz sein musste? Weihnachten und die Zeit zwischen den Jahren?

Ich hatte theoretisch formuliert und auch persönlich gehofft, dass die erzwungene Reduktion eigentlich die Chance sein müsste, endlich wieder das, was wir Besinnlichkeit nennen, zu intensivieren. Also, dass vieles von dem Rummel einfach wegfällt und auch vieles von dem Reisen von einem Ort zum anderen, dass man halt Besuch kriegt oder selbst besuchen geht. Wenn das alles wegfällt, dann kann man sich auf den Kern, sagen wir mal die Weihnachtsbotschaft oder die grundlegenden Ideen der Wiedergeburt, des Lichts oder wie immer man das formulieren mag, konzentrieren. Und da habe ich festgestellt, so einfach ist es dann eben manchmal nicht. Und das hat mich dann an das erinnert, was ich ja selber versucht habe in dem kleinen Buch über "Unverfügbarkeit" zu beschreiben: Man kann, auch wenn man alleine oder im ganz kleinen Kreis ist, nicht so ohne weiteres in eine tiefe Resonanz kommen. Und andererseits öffnen sich vielleicht an Stellen, wo man es gerade nicht erwartet hat, neue Resonanz-Fenster. So habe ich es erlebt. Die intensiven Erfahrungen oder Begegnungen haben sich nicht unbedingt da ergeben, wo ich gedacht habe, sondern oft an ganz anderen Orten, manchmal zwischen Tür und Angel oder in der Begegnung auf Distanz auf der Straße.

© BR Bild

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa

Tatsächlich? Dort hinter der Maske, wo Sie im Frühjahr noch vermutet hatten, dass die Maske eventuell, so nötig sie auch ist, eine Möglichkeit der Resonanz-Verweigerung sein könnte?

Darüber habe ich tatsächlich auch nachgedacht. Ich glaube, dass wir es geschafft haben andere Wege zu finden – das ist vielleicht auch nicht überraschend, denn Menschen sind von Natur aus Resonanzwesen. Eine Maske erschwert erst einmal das Lesen von Gesichtern und das Ausdrücken von Mimik, aber ich glaube, Menschen achten jetzt intensiver auf die Augen. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum digitale Begegnungen, obwohl sie nicht grundsätzlich ohne Resonanz sind, ein Problem sind. Wir sehen uns zwar, aber wir können uns nicht in die Augen schauen. Dieses Austauschen des Blickes ist für eine menschliche Begegnung ein ganz fundamentales Moment. Und einen Blick austauschen kann man tatsächlich im Internet nicht. Ich habe den Eindruck, dass das in die Augen schauen des anderen an Intensität gewonnen und möglicherweise vieles von dem wettgemacht hat, was wir eingebüßt haben, weil wir das Lächeln nicht mehr so ohne weiteres erkennen.

Mussten Sie vor diesem Hintergrund Ihre eigene Resonanz-Theorie auch nochmal erweitern?

Ich glaube, ich habe sie nicht grundlegend erweitert, aber ich fand es sehr interessant, bei mir selber und bei anderen zu beobachten, was da passiert. Also, ich habe traditionell mit meinen alten Schulkameraden immer eine Art Mini-Klassentreffen am zweiten Weihnachtsfeiertag. Das haben wir dieses Jahr digital gemacht. Und da hätte ich erwartet, dass es mühsam und auch nicht besonders intensiv wird, aber es ist zu einer sehr intensiven Erfahrung für alle geworden – so dass ich das Gefühl hatte, das ist eine fast ideale Zeit, auch experimentell an sich selbst und in der Erfahrung anderer zu erproben und zu überprüfen, was trotzdem bleibt.

Trotz der Trennung der Körper, die nun schon einige Monate anhält. Was das betrifft, hatten Sie bei unserem letzten Gespräch im Frühjahr gesagt, das könnte Resonanz-Probleme mit sich bringen. Sie haben jetzt ein digitales Beispiel genannt, wo das nicht so war. Wie wirkt sich die körperliche Distanz der Menschen sonst aus?

Also eine Sache, die mich absolut fasziniert und wo ich im Moment auch in der Tat dabei bin, auf der Grundlage der Corona-Erfahrungen meine Theorie zu erweitern, ist die Frage nach dem Energiehaushalt. Um in eine intensive Beziehung einzutreten, braucht man eine bestimmte Energie. Man muss sich auf eine Sache einlassen können und wollen und man muss sich auch berühren lassen können und wollen. Dafür ist psychische Energie nötig. Und viele Menschen haben berichtet, und es war auch meine eigene Erfahrung, dass diese Energie irgendwie abhanden zu kommen scheint. Und ich glaube, dass wir einen Fehler machen, wenn wir unsere persönliche Energie – also, wir sagen ja manchmal von Leuten, das ist ein Energiebündel oder so – als rein subjektive oder psychische Qualität ansehen. Energie entsteht auch in der Interaktion, im Umgang zwischen Menschen. Und sich das genauer anzuschauen, finde ich sehr interessant, und da habe ich den Eindruck und ein bisschen auch den Verdacht, dass da, wo der soziale Kontakt und der Umgang fehlt, oft auch die Kraft fehlt, sich auf andere Dinge einzulassen.

Beim letzten Gespräch haben Sie auch eine kleine Prognose gewagt, wie sich die Resonanz weiterentwickeln wird. Wie würde die jetzt, zum Ende dieses komischen Jahres, ausfallen?

Ich war tatsächlich lange Zeit optimistisch, vielleicht gar nicht so sehr im Hinblick auf Resonanz-Verhältnisse oder -Erfahrungen, sondern vor allem im Hinblick darauf, dass wir die Krise als Chance nützen können, um vielleicht andere Pfade einzuschlagen. Die eine Möglichkeit in einer Krisensituation ist, so schnell wie möglich zum alten Normalzustand zurückzukehren. Das können wir im Moment sehr stark beobachten. Die Alternative wäre zu sagen: Okay, der alte Normalzustand war eigentlich gar nicht so schön, weder in unserem individuellen Leben noch in unserer gesellschaftlichen Realität. Wenn man an Themen wie Öko-Krise, Verteilungsgerechtigkeit, aber auch an Psycho-Krisen denkt, weil sehr viele Menschen sich ständig überlastet gefühlt haben, finde ich, wir sollten die Krise nutzen, darüber nachzudenken, ob wir nicht auf eine andere Weise weitermachen wollen, wenn wir die Corona-Krise überwunden haben. Aber da bin ich nicht mehr so optimistisch. Weil wir immer noch sehen, dass die Bemühungen und inzwischen auch die Haupthoffnungen einfach der Rückkehr zum alten Normalzustand gelten.

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