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Warum sich Helden im Wald verirren müssen | BR24

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Heute gilt der Wald als Erholungsort. Doch früher barg er Gefahren: Wölfe, Räuber, aber auch Feen, Hexen oder Geister wurden dort von den Menschen vermutet und gefürchtet. Märchen sind ein Zeugnis aus dieser Zeit.

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Warum sich Helden im Wald verirren müssen

Heute gilt der Wald als Erholungsort. Doch früher barg er Gefahren: Wölfe, Räuber, aber auch Feen, Hexen oder Geister wurden dort von den Menschen vermutet und gefürchtet. Märchen sind ein Zeugnis aus dieser Zeit.

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Viele Jahrhunderte lang war der Wald groß und undurchsichtig und galt als Ort des Bedrohlichen. So schrieb bereits der römische Historiker Tacitus über das Gebiet des damaligen Germanien im Jahr 98 nach Christus: "Das Land, obgleich in der besonderen Erscheinung etwas verschieden, ist doch im Allgemeinen entweder durch Wälder schauerlich oder durch Sümpfe wüst."

Wald als Ort der Gefahr

Bis in die spätere Neuzeit galt der Wald als angsteinflößender Ort mit unberührter Natur und wilden Tieren. Beispiele dafür muss man nicht lange suchen, es genügt ein Blick ins Märchenbuch. Hänsel und Gretel etwa werden von ihren Eltern in den Wald geschickt. Und zwar nicht zum erholsamen Waldspaziergang, sondern damit sie verloren gehen und nicht mehr wiederkommen.

"Natürlich war es auch gefährlich im Wald, wenn man sich verlief, konnte man auch sterben", sagt Kulturwissenschaftlerin Viktoria Urmersbach, die mehrere Bücher über den Wald geschrieben hat. "Es gab Wilderer und Räuber und das waren reale Gefahren, die wir uns heute gar nicht mehr vorstellen können."

Hänsel und Gretel aber überleben, erst bahnen sie sich mit Kieselsteinen einen Weg durch den dunklen Wald zurück nach Hause. Und als sie abermals in den Wald geschickt werden, erliegen sie zwar der Versuchung der bösen Hexe im Haus aus Süßigkeiten, schaffen es aber, diese zu überlisten, befreien sich und wandern zurück. Nach einem schwierigen Abenteuer haben sich die Protagonisten als Helden bewährt und die Zukunft der Familie gesichert.

"Da kam ihnen der Wald immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, dass die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen." Gebrüder Grimm

Ähnlich ist es bei Rotkäppchen, auch sie fällt zunächst auf die List des Wolfes herein, wird aber gerettet, gewinnt durch ihre Erlebnisse im Wald neue Erkenntnis. "Dass man auf den Rat der Mutter hören und nicht vom Weg abkommen soll – diese Lektion sollen auch die Kinder, die das Märchen hören lernen", sagt Kulturwissenschaftlerin Viktoria Urmersbach.

Der Wald, die undurchsichtige Landschaft, in der man sich zurechtfinden muss, sei der typische Ort für einen Reifungs- oder auch Wandlungsprozess, so Urmersbach: "Man kann es psychoanalytisch deuten, im Sinne, dass das Mädchen einer Versuchung erliegt. Der Wald bietet immer wieder eine Projektionsfläche für unsere eigenen Ängste."

Wald als Zufluchtsort

Abseits von Verführung und Versuchung ist der Wald seit jeher auch ein Versteck, ein Zufluchtsort, nicht nur für böse Räuberbanden, sondern auch für heimlich Liebende. So erzählt Johann Wolfgang von Goethe in seinem Gedicht "Gefunden" von einem Wanderer, der ein bezauberndes Blümlein im Wald findet – und bezieht sich damit auf seine eigenen Treffen mit einem Mädchen, nämlich mit der 16 Jahre jüngeren Christiane Vulpius, die später seine Ehefrau wurde.

"Ich ging im Walde / So für mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn. / Im Schatten sah ich / Ein Blümchen stehn, / Wie Sterne leuchtend, / Wie Äuglein schön." Johann Wolfgang von Goethe

In der Literatur gibt es zahlreiche weitere Beispiele für nicht standesgemäße oder von der Gesellschaft nicht erwünschte Liebschaften im Wald, die teilweise schon auf das Mittelalter zurückgehen. Als Beispiel nennt Viktoria Urmersbach "Tristan und Isolde". Hier ist der Wald ein Ort außerhalb der Gesellschaft, wo die beiden Liebenden Rückzug finden. "Sie bauen ihr heimliches Liebesnest im Wald", sagt Urmersbach, "das ist eine Form von Eskapismus, die wir dann auch später wieder finden, dass man einen Ort außerhalb seiner Welt im Wald sucht."

Ein Ort außerhalb der Welt – das macht den Wald in einer weiteren Sichtweise auch zu einem Heiligtum, nicht unbedingt für das Liebespaar, aber umso mehr für den Eremiten. Er ist eine mönchsähnliche Figur, die unter einfachsten Bedingungen im Wald lebt, um sich von der Gesellschaft abzukehren und sich Gott zu widmen.

Einsamkeit im Wald

Während der Eremit mit seiner schon Jahrtausende alten Lebensform aber meist eine Außenseiterfigur darstellte, wurde es in der Romantik plötzlich begehrenswert, alleine durch den Wald zu gehen. Dichter und Denker der prägten den Begriff der "Waldeinsamkeit". Der Wald stellte nun keine Gefahr mehr dar, sondern galt als Verweis auf die ursprüngliche Natur, auf das Wahrhaftige, ganz im Gegensatz zum Leben in der Stadt.

"Erst mit der Romantik kam dann diese Verklärung des Waldes auf", so Kulturwissenschaftlerin Viktoria Urmersbach, "zu einem Zeitpunkt, als der Wald schon im Verschwinden war, als enorm viel abgeholzt wurde und im 19. Jahrhundert die Industrialisierung voran schritt. In dem Moment wurde der Wald uns umso wertvoller als Sehnsuchtsort."

"Wie schön hier zu verträumen / Die Nacht im stillen Wald, / Wenn in den dunklen Bäumen / Das alte Märchen hallt." Joseph von Eichendorff

In Joseph von Eichendorffs Gedicht "Nacht" ist das Märchen längst keine drohende Lehrgeschichte mehr, sondern ein romantisches Überbleibsel aus einer Welt, in der noch alles seine rechte Ordnung hatte. Bis heute sind wir mit unserer Sicht auf den Wald von der Romantik beeinflusst.

Auch wenn unsere Wälder heute eher Monokulturen als Mischwälder sind und wir uns dank GPS und Smartphone kaum noch verlaufen können, ist eines gleich geblieben: Der Wald ist ein Ort, aus dem wir anders herauskommen, als wir hineingegangen sind. "Der Wald ist immer gut für Emotionen", sagt Viktoria Urmersbach, "auch für Irrationales und für Spiritualität. Der Wald ist auf jeden Fall ein Erfahrungsraum für die Seele."