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Warum sich die evangelische Kirche mit Missbrauch so schwer tut | BR24

© Julian Stratenschulte/dpa

Illustration Sexuelle Gewalt

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    Warum sich die evangelische Kirche mit Missbrauch so schwer tut

    Bei Missbrauch und Kirche geht es meist um die katholische Kirche. Doch auch in er evangelischen Kirche wurden immer wieder Fälle sexueller Gewalt aufgedeckt. Doch auch hier läuft die Auseinandersetzung damit schleppend und wenig offensiv.

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    Von
    • Barbara Schneider

    Das ganze Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche ist bis heute nicht bekannt. Etwa insgesamt 900 Betroffene, so der aktuelle Stand, haben sich bislang bei den Landeskirchen gemeldet. Man darf davon ausgehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist. Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs geht in der evangelischen Kirche nur sehr schleppend voran, sagt der Kirchenjournalist Philipp Greifenstein. Er ist Herausgeber des Online-Magazins "Die Eule" und beobachtet seit längerem die Aufarbeitung innerhalb der evangelischen Kirche. Er attestiert ein "strategisches Bremsen". In den evangelischen Kirchen sei man noch nicht da, wo viele Bistümer seien. "Eine mögliche Aufarbeitung begänne dort, wenn man in den einzelnen Landeskirchen schaut, was haben wir in den Büchern stehen, in den Akten, welche Fälle wurden uns angezeigt, welche sind uns juristisch angezeigt, worüber haben wir sonst noch Kenntnis. Das ist bislang nicht geschehen."

    Die evangelische Kirche ist föderaler organisiert

    Bislang gibt es zwar einzelne Untersuchungen. Ein Gesamtüberblick über Taten und Täterprofile fehlt. Bis 2023 will die Evangelische Kirche in Deutschland wissenschaftlich die Strukturen des Missbrauchs in evangelischen Landeskirchen und Diakonie erforschen lassen. Damit ist sie langsamer als die katholische Kirche, die bereits 2018 eine entsprechende Studie vorgelegt hat.

    Der Braunschweiger Bischof Christoph Meyns, der seit Herbst neuer Sprecher des Beauftragtenrates der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) zum Schutz vor sexualisierter Gewalt ist, verweist auf die Strukturen des deutschen Protestantismus. "Wir sind föderaler organisiert als die katholische Kirche." Abstimmungsprozesse würden länger dauern als in katholischen Bistümern. "Wir sind nicht über Bischöfe organisiert, sondern über Landessynoden. Das heißt, in einer relativ parlamentarisch organisierten Organisation wird nicht so viel von unten nach oben direkt durchgereicht. Und der Schritt doch gemeinsam etwas zu machen, das dauert."

    Betroffene: "Papiere und Pläne reichen nicht"

    Den Vorwurf tatenlos zu sein, will die Kirche nicht stehen lassen. 2018 hat die EKD einen 11-Punkte-Plan gegen sexualisierte Gewalt vorgelegt. Sie hat eine Fachstelle eingerichtet, es gibt die zentrale Anlaufstelle .help, an die sich Betroffenen wenden können, und Kommissionen für die Anerkennungsleistungen in den einzelnen Landeskirchen.

    Und trotzdem: Das Bild bekommt schnell Risse. Kerstin Claus ist Mitglied im Betroffenenrat bei der Bundesregierung. Als Jugendliche hat sie sexuelle Gewalt erfahren, durch einen evangelischen Pfarrer. "Ich kann Aufarbeitung nicht über ein Organigramm der neu geschaffenen Strukturen schaffen. Das sieht auf dem Papier gut aus, bewirkt aber nichts." Bei ihr würden sich Betroffene melden, nach deren Meinung sich nichts geändert habe. Ansprechstellen würden vielfach ihre Zuständigkeit nicht erkennen. Kirchengemeinden würden zwar einen Pfarrer nicht weiter beschäftigen, er werde aber anderswo weiter beschäftigt. "Und da rede ich von einem Fall, der ist kein Jahr alt."

    Kommissionen sind nicht unabhängig

    Die Kirche muss sich die Frage gefallen lassen: Wie offensiv geht sie die Aufarbeitung an? Wie konsequent ahndet sie sexuellen Missbrauch? Und wie hilft sie Betroffenen tatsächlich weiter? Ein Hauptproblem, ist dabei die Frage nach der Unabhängigkeit bei der Aufarbeitung. Das sieht man bei den sogenannten Unabhängigen Kommissionen, die in den Landeskirchen über Anerkennungsleistungen für Betroffene entscheiden.

    Von Unabhängigkeit kann keine Rede sein, sind doch in vielen Fällen dort Kirchenmitarbeiter tätig. Selbst wenn die Kirche argumentiert, diese Mitarbeiter seien nicht weisungsgebunden. Es bleibt der Eindruck, die Kirche mache sich und den Betroffenen hier etwas vor, so Kerstin Claus: "Solange ich die Unabhängigkeit nicht erfüllt habe, solange ich nicht aktiv nachforsche, solange Betroffene nicht besser gestellt werden und nicht angemessen unabhängig begleitet werden, solange bin ich auch nicht weitergekommen." Ihrer Meinung nach braucht es eine sinnvolle Evaluation und ein Qualitätsmanagement, "ein genaues Hinschauen, ob es wirkt, was ich mache".

    Keine einheitlichen Standards für Aufarbeitung

    Anders als in der öffentlich viel gescholtenen katholischen Kirche ist es der evangelischen Kirche noch nicht gelungen, verbindliche und einheitliche Standards für eine unabhängige Aufarbeitung zu verabreden. Sehr zum Missfallen des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, der im Sommer den offenen Konflikt suchte und der evangelischen Kirche Nachholbedarf attestierte. Eine Vereinbarung wie sie die Bischofskonferenz mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung geschlossen hat, lässt bis heute auf sich warten.

    Auch Bischof Meyns kann nach wie vor nur Absichtserklärungen abgeben: "Da sind wir gerade im Gespräch mit dem unabhängigen Beauftragten, da wird es um dieses Thema gehen: Was genau kann eine unabhängig Aufarbeitung über das bisherige Maß bedeuten und was heißt das ganz konkret? Muss es andere Formen von Kommissionen geben?" Man wolle Doppelstrukturen vermeiden. In den nächsten Wochen werde es ein Treffen mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) geben. "Da hoffen wir, dass wir sobald als möglich weiterkommen."

    Prävention wird großgeschrieben

    Ganz groß auf die Fahnen geschrieben hat sich die evangelische Kirche die Prävention. Die EKD hat eine Gewaltschutzrichtlinie auf den Weg gebracht. Sukzessive werden seitdem in den einzelnen Landeskirchen Präventionsgesetze verabschiedet. So auch im Herbst in Bayern. Nach vorne blickt es sich eben leichter – als zurück.

    Der Journalist Philipp Greifenstein fordert ein genaues Hinschauen: "Aufarbeitung, das sagen auch die Betroffenen immer weder, findet nicht dadurch statt, dass man in der Zukunft etwas besser machen möchte, die findet auch nicht statt, dadurch, dass man wissenschaftlich etwas aufarbeitet." Es müsse geklärt werden, wer Verantwortung trage, was mit den Tätern passiere und wie damals und heute mit den Betroffenen umgegangen werde. "Das ist eine harte Auseinandersetzung."

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