Die Künstlerin Olga Tsaplya Egorova: Weil die "Partei der Toten" den Nerv des Regimes traf, musste sie jetzt fliehen

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Warum sich der Kreml vor der "Partei der Toten" fürchtet

Warum sich der Kreml vor der "Partei der Toten" fürchtet

Weil die Toten des Zweiten Weltkrieges vom Kreml immer wieder instrumentalisiert werden, haben Künstler in Russland eine "Partei der Toten" gegründet. Die russische Führung: sichtlich nervös. Gründer der Gruppe musste jetzt aus ihrer Heimat fliehen.

Sie kamen am frühen Morgen. Das hat seit Stalins Zeiten Tradition. Hausdurchsuchungen im Morgengrauen haben ein großes Aufschreckungspotential. So erlebte es auch Olga Tsaplya Egorova: "Um halb sieben Uhr morgens standen sieben Männer mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür. Wir waren auf der Datscha auf dem Land. Sie benahmen sich anfangs sehr aggressiv, wir mussten um Erlaubnis bitten, uns waschen zu können... Sie haben unsere Computer mitgenommen und Bücher, die sie als extremistisch eingestuft haben. Sie suchten nur nach Signalwörtern wie 'Krieg' und 'Ukraine', Sätze haben sie gar nicht erst gelesen. Der Sinn ist unwichtig, wichtig ist allein das Zeichen."

Olga Tsaplya und ihr Mann Dmitrij Vilenskij wurden nach St. Petersburg zum Verhör gebracht. Die beiden sind als Künstler ins Visier der Obrigkeit geraten, weil sie Mitglieder der "Partei der Toten" sind, "Partija Mertwych". Olga Tsaplya: "Die 'Partei der Toten' ist ein künstlerisches Projekt, das Maxim Jewstropow 2017 gegründet hat. Er hat damit den Nerv des Regimes getroffen."

Nekrophil und rückwärtsgewandt

Der Philosoph Maxim Jewstropow beschreibt die "Partei der Toten", deren Mitglieder sich schwarz kleiden und vor den Gesichtern Totenkopfmasken aus Papier tragen, als Antwort auf eine todesverliebte, nekrophile, rückwärtsgewandte Gegenwart in Russland. In der Politik finde ein Kampf um die Toten statt. Die Macht versuche, sie alle auf ihre Seite zu ziehen und stehle ihre Stimmen.

Maxim Jewstropow spielt auf den opferreichen Sieg Russlands im Zweiten Weltkrieg an, den 9. Mai, den das Putin-Regime als ideologischen Glutkern missbraucht. Zu den alljährlichen Feierlichkeiten ziehen tausende Russen durch die Straßen ihrer Städte und tragen Fotos ihrer Angehörigen vor sich her – meist an langen Stöcken befestigt. "Das unsterbliche Regiment“ nennt sich dieser Massenumzug im Namen der Toten, auf den Maxim Jewstropow Bezug nimmt. Sein Fazit: "Unterm Strich sind die Toten die größte gesellschaftliche Gruppe. Aber sie sind ausgeschlossen.“

In Totenoutfits zur Demo

Damit sollte Schluss sein: Zu Ostern in diesem Jahr etwa trafen sich die Parteimitglieder in ihren fantasievollen, selbst angefertigten Totenoutfits zu einer Demonstrationen auf einem Petersburger Friedhof. Das Motto: "Russen begraben keine Russen." Und es gab eine aktualisierte Fassung der offiziellen Kriegslosung des Putinregimes: "Wir lassen die Unsrigen nicht im Stich - nur ihre Leichen." Auf Plakaten stand zu lesen: "Christus ist auferstanden, aber der Wehrpflichtige noch nicht".

Seit Kriegsbeginn erlebt die "Partei der Toten“ einen Ansturm von neuen Mitgliedern. Aus allen Regionen in Russland tauchen Bilder von Performances und Aktionen im Geist des Petersburger Osterfestes auf. Die Behörden haben daraufhin ein linguistisches Gutachten all der Losungen und Parolen erstellen lassen, das zu dem Ergebnis der Respektlosigkeit gegenüber dem Patriarchen und der Orthodoxen Kirche kommt. Überhaupt scheinen sie zu befürchten, dass aus den subversiven Energien der Kunst ein größerer Protest entstehen könnte.

Aus Zeugen werden Angeklagte

Olga Tsaplya: "Die Beamten hatten bei der Hausdurchsuchung ein sehr eigenartiges Dokument dabei. Mein Mann Dmitrij Vilenskij sollte als Zeuge in einem Verfahren wegen Verletzung religiöser Gefühle auftreten. Das ist natürlich totaler Quatsch. In Russland ist es inzwischen allgemeine Praxis, Regimegegner zu Zeugen zu ernennen. Denn als Zeuge hat man keine Rechte. Der Anwalt eines Zeugen hat keinen Einblick in die Untersuchungsunterlagen. Und vor Gericht verwandeln sich Zeugen oft schnell in Angeklagte."

Um nicht hinter Gittern zu landen, sind Olga Tsaplya und Dmitrij Vilensky über Stockholm nach Berlin geflohen. Der Schock sitzt tief, auch die Traurigkeit: Ihre Tochter, die Eltern, die Katze – alle mussten zurückbleiben. Maxim Jewstropow, auf den sich die Polizeiaktion im Kern richtet, ist glücklicherweise in Georgien.

In Russland läuft unterdessen die Suche nach Parteimitgliedern weiter auf Hochtouren. Sehr wahrscheinlich soll die "Partei der Toten“ zu einer extremistischen Organisation erklärt werden ähnlich wie Aleksej Nawalnys Antikorruptionsstiftung. Da die Toten anonym bleiben, ist es harte Knochenarbeit für Polizei und Geheimdienst.

"Dann hat die Kunst ja doch Kraft"

"Ich war immer davon überzeugt, dass die Kunst eine einzigartige Kraft hat, die die Welt verändern kann. Dann ergriffen mich Zweifel. Aber wenn die Machthabenden Theater schließen, Stücke aus dem Programm nehmen und Künstler fürchten, dann hat die Kunst ja doch Kraft. Die Macht jedenfalls glaubt an sie."

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