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Warum München ein queeres Museum braucht | BR24

© pa/dpa

Gay-Sonntag mit Gummi-Busen: Drag Queen Franka posiert im Herbst 2017 am Festzelt Bräurosl auf dem Oktoberfest

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    Warum München ein queeres Museum braucht

    München feiert sich gern als eine der queersten Städte Deutschlands, in der Menschen jeden Geschlechts und jeder sexuellen Orientierung gleichberechtigt leben und lieben können. Was bisher fehlt: ein queeres Museum!

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    Die WählerInneninitiative Rosa Liste, seit über zwei Jahrzehnten im Stadtrat, hat im Kommunalwahlkampf darauf hingewiesen: Was in München fehlt, ist ein queeres Museum.

    Stadtrat Thomas Niederbühl von der Rosa Liste erklärt: "Wir sind davon überzeugt, dass Schwule, Lesben und Trans natürlich auch ein wichtiger Teil der Münchner Stadtgeschichte sind, die bisher doch ziemlich vernachlässigt wurden. Wir machen seit über 20 Jahren in der Community eigene Geschichtsforschung und Archivierung. Und ich finde, es ist jetzt höchste Zeit, dass das dann auch ins Langzeitgedächtnis der Stadt kommt."

    Nur wenige kennen die Geschichte von Walter Sedlmayr

    Denn wie viele Münchner kennen schon Karl Heinrich Ulrichs, der es wagte, auf dem Deutschen Juristentag von 1867 Straffreiheit für homosexuelle Handlungen zu fordern und dafür von seinen Berufskollegen niedergebuht wurde?

    Wie viele Münchnerinnen wissen, wer Anita Augspurg war? Schauspielerin, Fotografin, erste deutsche Juristin und Kämpferin für das Frauenwahlrecht, die ihr Leben mit mehreren Partnerinnen teilte.

    Wo wird die Geschichte vom schwulen Fastenprediger Walter Sedlmayr erzählt, der sich von denen beklatschen ließ, die lieber "kalte Krieger" als "warme Brüder" sein wollten und ihn zu den "Entarteten" zählten?

    © picture alliance / United Archives

    Volksschauspieler Walter Sedlmayr, hier im Film "Anton Sittinger" von 1979, hat seine Homosexualität zeitlebens nicht zum Thema gemacht.

    Kein Wort zur Homosexualität von Erika Mann

    Offenbar braucht es ein queeres Museum, wenn sich in der aktuellen Ausstellung der Monacensia über Erika Mann kein Hinweis auf ihr Leben als lesbische Frau findet, was bei der Historikerin Sabrina Mittermeier vom "Forum Queeres Archiv" Fassungslosigkeit auslöst: "Gerade wenn sich die Ausstellung mit dem Widerstand Erika Manns beschäftigt, müssten wir uns darüber unterhalten, dass sie lesbisch war, weil das aktiv dazu beigetragen hat, dass sie politisch verfolgt wurde."

    © picture alliance / Everett Collection

    Erika Mann, die Tochter von Schriftsteller Thomas Mann, war homosexuell. Mit der Schauspielerin Therese Giehse verband sie eine Liebesbeziehung.

    Sammlungsaufruf an die Bevölkerung

    In der Dauerausstellung des Stadtmuseums war queeres Leben in München bislang auch kaum vertreten. Doch seit letztem Jahr gibt es nun einen Sammlungsaufruf des Museums und des "Forum Queeres Archiv" an die Münchner Bevölkerung, die Erinnerungslücke zu schließen.

    An die zweihundert Objekte sind bislang zusammengekommen: Die Überbleibsel der vielen Szenelokale, die dank Gentrifizierung und Internetkontaktbörsen längst verschwunden sind. Zum Beispiel die Bären aus der "Teddy-Bar", die Einladung zu Freddie Mercurys legendärer Feier seines 39. Geburtstags im "Old Mrs. Henderson", ein selbst gebasteltes Lesben-Identitäts-Spiel, das in der "Nymphe" gespielt wurde. Oder die vielen Streichholzheftchen und Feuerzeuge, die auch Erkennungszeichen waren: Ich gehöre dazu. Protestplakate gegen den repressiven AIDS-Maßnahmen-Katalog der bayerischen Staatsregierung.

    Die Lederhose, die Münchens erster offen schwuler Stadtrat auf dem Gay Sunday trug – ein Oktoberfest-Event und ein Stück queere Emanzipationsgeschichte.

    Kein Sondermuseum, sondern präsent in jeder Ausstellung

    Mit der Fülle dieser Objekte und der queeren Münchner Geschichte könnte sicher ein eigenes Museum bespielt werden. Doch beim "Forum Queeres Archiv" sind die Meinungen geteilt und auch im Stadtmuseum möchte man das Thema lieber im eigenen Haus präsentieren. Pia Singer von der Sammlung Stadtgeschichte im Münchner Stadtmuseum sagt: "Der große Vorteil ist: Wenn wir queeres Leben im Stadtmuseum thematisieren, erzielen wir eine ganz andere Breitenwirkung. Also ein ganz anderes Publikum kommt zu uns und schaut sich unsere Ausstellungen an, verglichen mit beispielsweise denen, die in Berlin ins Schwule Museum gehen würden."

    Es sei überhaupt keine Delegitimierung eines Schwulen Museums, beteuert Pia Singer, nur: "Wenn man eine Normalisierung oder Sichtbarkeit erreichen möchte, gehört queere Geschichte, gehören queere Perspektiven eigentlich in jedes Museum – nicht in ein Sondermuseum."

    © pa/dpa

    Zuschauer*innen an den Fenstern am Christopher Street Day in München

    Queer Culture als selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft

    Genau diesen Weg will das Stadtmuseum künftig gehen: Wenn es sich thematisch anbietet, sollen Alltag und Geschichte all der Menschen, die nicht zur heterosexuellen Mehrheit gehören, in jeder Ausstellung miterzählt werden – als selbstverständlicher Teil nicht nur des Münchner Lebens, sondern unserer ganzen Gesellschaft.

    Das wäre schon mal ein großer Schritt. Und wenn sich die Stadt darüber hinaus zu einem eigenen queeren Museum entschließen würde – warum nicht? Ein Grund zum Feiern wäre es allemal.

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