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Warum Missbrauch in der Kirche systemimmanent ist | BR24

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Männerfaust

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    Warum Missbrauch in der Kirche systemimmanent ist

    Die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirchen sind nicht nur auf das Fehlverhalten Einzelner zurückzuführen, sondern auf bestehende Machtstrukturen. Dabei ist Macht an sich erst mal nicht unbedingt etwas schlechtes.

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    Von
    • Antje Dechert

    Sie habe ihre Geschichte dem Ortsbischof weitergegeben zur Aufarbeitung, erzählt eine Frau, die als Erwachsene in der katholischen Kirche sexuell missbraucht wurde, beim multimedialen Projekt "Erzählen als Widerstand". In einem jüngst erschienen Buch und online veröffentlichten Audios erzählen 23 Betroffene wie die Kirche zum Tatort wurde, mittels Gewalt und Zwang. Weil Macht ausgenutzt wurde. "Nun habe ich Post von ihm bekommen. Nicht nur, dass ich über seine Antwort enttäuscht wäre, nein. Ich fühle mich verraten und benutzt." Diese Reaktion sei die gleiche wie die der Ordensbrüder, an die sie sich damals nach ihren Missbrauchserfahrungen zunächst gewandt hatte: Erst Verständnis, Betroffenheit signalisieren, aushorchen und dann fallen lassen.

    Betroffene müssen sich immer wieder rechtfertigen

    Betreut wird das Projekt von der Theologin Barbara Haslbeck, die sich in der ökumenischen Betroffenen-Initiative "GottesSuche: Glaube nach Gewalterfahrungen" engagiert. Viele Betroffene müssten sich nicht nur damit auseinandersetzen, dass sie Missbrauch erfahren haben, sondern auch mit der Institution, in der sie so geschädigt worden seien, so die Theologin. "Und dann erleben sie nach wie vor oft, dass sie wie ein Fall behandelt werden, dass ihre Plausibilität geprüft wird und sie sich sozusagen wieder neu rechtfertigen müssen."

    Elftes Gebot: Du sollst keinen Skandal produzieren?

    Die Scham der Opfer: sie war immer wieder Kalkül der Täter sexualisierter Gewalt an Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen innerhalb der katholischen Kirche. Das hat die von der Bischofskonferenz beauftragte Missbrauchsstudie wissenschaftlich bewiesen. Aus der Ohnmacht der Opfer bezogen Täter ihre Macht. Mit der Sprachlosigkeit der Betroffenen rechneten aber auch jene Kleriker in Entscheidungspositionen, die Täter in Therapie schickten und versetzten, sagt der Salzburger Dogmatikprofessor Hans-Joachim Sander: "Die Vertuscher, die diese Dinge unter den Teppich kehrten, haben natürlich alles daraufhin gemustert: Wer kann der Kirche hier gefährlich werden? Und das eiskalte Kalkül war: Wir können so weit gehen, dass wir die Taten vertuschen, weil der Kirche das nicht auf den Kopf fällt."

    Fatale Machtstrukturen, die fortwirken, meint auch der Jesuiten-Pater Hans Zollner, Vizerektor der Päpstlichen Universität Gregoriana und Leiter des Center for Child Protection in Rom. "Ich habe manchmal den Eindruck, dass das 11. Gebot für viele in der Kirche heißt: "Du sollst keinen Skandal produzieren. Und man bedenkt dabei überhaupt nicht, wie es den Betroffenen geht – auch wenn man das immer wieder behauptet."

    Pater Zollner, Theologe und Psychologe, ist Mitglied des von der Bundesregierung eingesetzten "Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch". Er kritisiert, dass Führungspersönlichkeiten in der katholischen Kirche, dass Bischöfe, sich immer noch davor drücken, Verantwortung für persönliches Fehlverhalten im Umgang mit Missbrauchsfällen zu übernehmen: "Viele haben offenbar Angst der Reputation der Kirche zu schaden, wobei das Ansehen der Kirche natürlich viel mehr leidet, wenn Missbrauch vertuscht wird, wie wir ja auch aktuell täglich sehen."

    Macht an sich ist nichts schlechtes

    Macht an sich ist, wie der französische Philosoph Michel Foucault analysiert hat, nicht per se positiv oder negativ. Macht ist produktiv, sie bringt Normen und Handlungsweisen hervor, strukturiert das, was denkbar und sagbar ist. Macht kann von oben nach unten und von unten nach oben oder auf Augenhöhe verlaufen. Dass nun die religiöse Macht der katholischen Kirche so anfällig ist für Missbrauch, hängt mit ihrer Struktur zusammen, sagt der Salzburger Dogmatikprofessor Hans Joachim Sander. Ein Firmenchef habe wirtschaftliche, finanzielle Macht, könne Stellen besetzen und Mitarbeiter rauswerfen, die Strategie ändern. Dafür müsse er sich aber immer vor der Börse oder vor dem Aufsichtsrat verantworten. In der Kirche würden vergleichbare Kontrollinstanzen dagegen fehlen. Hinzu komme, dass "die Macht der Religion etwas ist, das nicht nur äußerlich ansetzt, sondern auch innerlich", so Sander. "Die Macht der Religion besteht in der Selbstunterwerfung von Menschen unter das, was Religion verlangt."

    Einseitige Herrschaftsbeziehung in der Kirche 

    Diese Selbstunterwerfung der Gläubigen geschieht freiwillig, unter großem Vertrauen und im Hinblick auf eine höhere Wahrheit. Gewalttätig, ja bösartig kann die Machtausübung in der Kirche deshalb werden, weil sie als einseitige Herrschaftsbeziehung verläuft, vertikal, von oben nach unten. Das zweite Vatikanum hat den Laien in der Kirche zwar Macht zugesprochen. In der Praxis aber hat sich wenig geändert. Die Kleriker bestimmen offiziell, was Glaube ist. Die Gläubigen sind die Empfangenden.

    Papst, Bischöfe, Priester auf der einen – auf der anderen Seite das Volk, die Laien, die geführt und geleitet werden. Hinzu kommt, dass diese Herrschaftsbeziehung religiös aufgeladen ist, so Hans Joachim Sander. "Die Kirche selbst ist nicht sündig. Das heißt sie steht als Bollwerk der Wahrheit, des Guten, der Erlösung, des Heils Gottes gegenüber der Civitas Terrena, also der weltlichen Zivilisation und dort ist die Sünde das Böse." Erbsündig seien immer alle bis auf Kleriker gewesen, so das Verständnis der pianischen Zeit. Die Kleriker - so die Vorstellung - seien aufgrund ihres Zölibats und ihrer vermeintlich hohen Disziplinleistung in der Lage gewesen mit dieser Sündenstruktur viel besser umzugehen. "Und das böse Erwachen ist ja: dem ist einfach nicht so."

    Ein Teufelskreis des Verschweigens

    Dass dieses böse Erwachen erst so spät kam, hängt auch damit zusammen, dass Kleriker, die in der Kirche Entscheidungen treffen, selbst der Hierarchie unterworfen sind und viele sich dem Image der "heiligen Kirche" verpflichtet fühlen. "Das heißt die potentielle Bosheit der religiösen Macht wird sich nicht eingestanden in der Kirche", sagt Hans-Joachim Sander, "weil die Kirche vermeintlich schuldlos ist". So entstehe ein Teufelskreis, ein Teufelskreis des Verschweigens, der den Dienst an der Institution und ihr Ansehen über den Schutz der Opfer stellt.

    Durchbrochen haben diesen Teufelskreis die Betroffenen, die Opfer des Missbrauchs selbst. Indem sie ihre Geschichten erzählen, leisten sie Widerstand. Sie haben sich so aus ihrer Isolierung und Ohnmacht befreit und die Scham, die sie sprachlos machte, überwunden. Nach den Worten von Barbara Haslbeck leisten sie damit auch Widerstand gegen das Trauma, das sie erlebt haben.

    "Es fehlt an demokratischer Kultur"

    Sich mit den Opfern solidarisieren, um ihnen die Scham zu nehmen und stattdessen die Schamlosigkeit der Täter und die Unverschämtheit der vertuschenden Priester und Bischöfe beim Namen zu nennen – das sei der einzige Weg, auf dem die Kirche aus ihrer selbst verschuldeten Unglaubwürdigkeit herausfinden könne, meint der Theologe Hans Joachim Sander. "Die Auseinandersetzung über die eigenen Defizite in der Öffentlichkeit, das ist das, was der Kirche fehlt. Das heißt, es fehlt ihr an demokratischer Kultur."

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