© Asja Caspari

Michel Abollahi

Michel Abdollahi hat bereits einmal seine Heimat verloren. Mit fünf Jahren flüchtete er mit seiner Familie vor Saddam Husseins Bomben von Teheran nach Hamburg. Dort studierte er erst Jura, dann Islamwissenschaften. Heute ist er Autor, Maler, Journalist und Moderator der NDR-Late-Night-Show "Der Deutsche Michel". Und er hat wieder Angst. Davor noch einmal seine Heimat zu verlieren. In den Nachwehen von Chemnitz verfasst Abdollahi auf Facebook einen offenen Brief an Angela Merkel, der tausendfach geteilt wird. Mittlerweile hat er seinen Brief auch als Petition auf der Plattform Change.org eingestellt. Abdollahi schreibt über einen von Rassismus geprägten Alltag, Chemnitz, den schweigenden Innenminister und den polternden Verfassungsschutzpräsidenten und den NSU-Prozess. Die Kommentare unter dem Brief zeigen: Abdollahi spricht vielen aus dem Herzen, die Angst davor haben, wo dieses Land hinsteuert. BR-Autor Jakob Wihgrab hat mit ihm gesprochen.

Jakob Wihgrab: Herr Abdollahi, in Ihrem offenen Brief an die Kanzlerin formulieren Sie die Angst davor, ein zweites Mal Ihre Heimat zu verlieren. Woher kommt diese Angst?

Michel Abdollahi: Wenn ich mir die Nachrichten heute anschaue, wo ich immer wieder diese Rechtsradikalen quer durch das Land laufen sehe und dann höre, das Ganze wird von Seiten der Politik, explizit von der AfD, unterstützt. Und dann hat sich der Verfassungschef auch noch geäußert: Da frage ich mich schon, wohin unser Land gerade geht, und ob nicht doch die Möglichkeit bestünde, dass ich irgendwann wieder gehen muss.

Wie konkret ist Ihre Angst, das Land womöglich verlassen zu müssen?

Sie kommt immer wieder. Es gibt gute und schlechte Tage. Ich finde, ich sollte mich schon damit beschäftigen, bevor es irgendwann zu spät ist. Denn gesellschaftliche Entwicklungen, wie wir sie jetzt sehen, kommen schleichend. Wenn man sich die Presseberichte aus dem Jahr 2015 anschaut, da wurde das auch alles schon heraufbeschworen. Inzwischen ist rechtes Gedankengut ganz subtil in die Mitte der Gesellschaft eingedrungen. Das macht mir Angst. Früher gab es nicht so viel Rassismus, wenn ich raus ging und einen Beitrag gedreht habe. Heute ist das ganz offen geworden. Eine ganz fiese Beleidigung auf der Straße ist mittlerweile so salonfähig, dass mich das sehr erschreckt.

Ihr Facebook-Post wirkt nicht wie tagelang ausgetüftelt, sondern wie eine spontane Reaktion auf die Geschehnisse der letzten Wochen. Gab es so etwas wie einen finalen Auslöser für Ihr Statement?

Ja, ich war tatsächlich gerade dabei, einen Brief an das Bundesinnenministerium zu schicken, weil mich das formale Verschweigen der NSU-Morde unglaublich gestört hat. Ich dachte: Es kann doch nicht sein, dass solche Verbrechen, die für so viel Aufruhr gesorgt haben und dann auch noch in einem sehr schwierigen Prozess so schlecht behandelt worden sind – dass ihr die jetzt auch noch aus der Statistik rausnehmt. Und während ich das so schrieb, kamen immer weitere Gedanken. Es kamen dann immer mehr Artikel über Herrn Maaßen raus. Und dann habe ich gesehen, dass ein jüdische Restaurant in Chemnitz angegriffen wurde. Ich bin also auf immer mehr Dinge gestoßen und ich habe gemerkt, dass es nicht reicht, den Brief nur an das Innenministerium zu adressieren. Da dachte ich: Da musst du jetzt oben ran. Es war dann eine spontane Reaktion, die sich immer mehr aufgebauscht hat, das musste alles irgendwie raus.

Gab es denn schon eine Reaktion von der Regierung oder aus dem Bundestag?

Ich habe von vielen Abgeordneten Reaktionen über Twitter bekommen, viele haben meinen Brief geteilt und stimmen zu. Das Bundesinnenministerium hat sich ganz knapp gemeldet. Die Kanzlerin selbst hat sich bislang nicht gemeldet. Aber die Frau ist ja auch viel beschäftigt ...

Apropos Innenministerium: Für Horst Seehofer ist es die Migrationsfrage, worin sehen Sie die "Mutter aller politischen Probleme in Deutschland"?

Ich sehe ehrlich gesagt nie die Mutter eines Problems. Es gibt nicht das Hauptproblem. Es ist nicht Armut, es ist nicht Ungerechtigkeit, es ist nicht Rassismus – es gibt ganz viele Probleme in Deutschland. Viele Dinge wurden versäumt, viele Menschen fühlen sich abgehängt, auch zurecht. Aber Proteste wie in Chemnitz, die wir heute sehen, sind in dieser Form nicht richtig. Dann von einer Mutter aller Probleme zu sprechen, das würde ja bedeuten, wenn das weg wäre, dann wäre alles gut und das stimmt einfach nicht.

Wenn man sich die Kommentare anschaut, sprechen Sie vielen Menschen aus dem Herzen. Viele teilen Ihre Angst. Aber wie kann diese Angst überwunden werden?

Ich glaube, es hilft schon sehr, wenn wir das immer wieder thematisieren. Auch wenn Menschen wie ich jenen Leuten, die vielleicht nicht ganz so laut sein können, eine Stimme geben. Ich hab mich gefreut, dass sich nach Chemnitz so viele Unternehmer zu Wort gemeldet und sich distanziert haben: "Siemens ist bunt, Haribo ist bunt, Nutella ist bunt – wir arbeiten in der ganzen Welt". Dann hat sich Helene Fischer geäußert, die ja sonst gar nichts sagt. Peter Maffay auch. Bei ihm waren die Kommentare nicht so schön, weil er, glaube ich, viele Leute damit vor den Kopf gestoßen hat. Viele haben so etwas geschrieben wie: "Wir verbrennen jetzt deine Platten. Nie wieder Peter Maffay." Aber wenn diese Brandstifter, diese Hetzer am Ende keinen Musiker mehr haben, den sie gut finden können, vielleicht kommen sie dann zur Besinnung. Es müssen sich einfach noch viel mehr Menschen zu Wort melden. Am meisten trifft diese rechten Leute, wenn sie isoliert sind. Wenn sie zu Hause sitzen und denken: "Mensch, selbst die Leute, die ich toll finde, deren Musik ich höre, selbst die sind nicht meiner Meinung, vielleicht sollte ich mal umdenken?".

In Ihrem Brief schreiben Sie, dass Sie nachvollziehen können, warum Menschen in sozialen Medien oder am Stammtisch pauschalisieren. Warum?

Wenn man irgendwo an einem geschützten Ort sitzt und niemand dagegen hält, dann wird halt gerne pauschalisiert. Wenn man am Stammtisch sitzt und ein Bier getrunken hat, dann neigt man dazu, undifferenziertere Dinge zu sagen, als wenn ich mich jetzt zum Beispiel mit Ihnen unterhalte. Das darf aber nicht passieren. Davon muss man weg. Und wenn Horst Seehofer pauschalisiert und die Migration zur Mutter aller Probleme macht, dann kann man es den Leuten tatsächlich nicht verübeln, wenn ein gesellschaftliches Vorbild das schon vormacht.

Für viele wirkt es zunehmend unmöglich, den so oft geforderten Dialog mit den sogenannten "besorgten Bürgern" zu führen. Fakten werden als Fake News abgewehrt. Glauben Sie, der Dialog kann noch funktionieren?

Ich glaube schon, dass man diese Menschen wieder in die Gesellschaft zurückholen kann. Nur ist das ein ganz mühseliger Weg, mit viel Argumentieren und Gegenhalten. Und bei manchen funktioniert es auch nicht. Wenn die Leute immer wieder "Fake News!" rufen, dann geben viele auch auf und wissen nicht mehr, wie sie mit diesen Leuten reden sollen. Aber was ist die Alternative? Ich denke schon, es ist möglich, die gesellschaftliche Stimmung wieder zu verändern, so dass diese Menschen wieder mehr Vertrauen in die Medien haben. Aber es gibt viele, die unsicher sind.

Erleben Sie das auch selbst?

Ich hatte zum Beispiel einen Kommentar unter meinem Brief, da hat eine Frau jemanden verlinkt und um seine Meinung gebeten: "Was sagst du denn dazu xy". Und der meinte dann recht schnell, der Brief sei ein Fake, er hätte das schon bei der Antifa gelesen vor einigen Monaten, die würden es immer wieder versuchen und bei dem Wort "Rassismus" hätte er eh schon aufgehört weiterzulesen. Und die Dame hat dann geantwortet: "Vielen Dank für deine Einschätzung. So hab ich das nämlich auch empfunden. Danke für die Bestätigung". Und dann haben aber andere Leute angefangen darunter zu kommentieren: "Lass dich nicht von den Leuten verführen. Lies doch nochmal genau. Folge deinem Herzen. Informiere dich doch in anderen Quellen, anderen Medien". Die haben versucht, dagegen zuhalten. Aber sie reagierte gar nicht mehr. Und das ist ein ganz großes Problem.

Und Sie würden sagen, dass man trotzdem nicht aufgeben sollte, Fake News richtigzustellen und gegen Hetze zu argumentieren?

Ja. Postings aus der rechten Szene, etwa wo jemand sagt, es gab keine Hetzjagden, das hätte die Antifa gefälscht et cetera, werden in Windeseile zigtausende Male im Netz verteilt. Die Anständigen tun das umgekehrt nicht. Ich gehe teilweise auf rechte Facebook-Seiten und sehe dort Zahlen von geteilten Beiträgen, das erreichen nicht mal die absoluten Topmedien in diesem Land. Das zeigt, dass die rechte Mobilisierung einfach viel stärker ist. Nicht, weil die Rechten so gut mobilisieren können, sondern weil die gemäßigte Mitte, die vernünftigen Leute, es gar nicht für so relevant halten, dagegen anzugehen. Aber die vernünftigen Beiträge, die Richtigstellungen der Fake News – die müssen genauso oft geteilt werden. Werden sie aber nicht. Weil wir einfach zu bequem sind, darüber hinweg lesen und sagen: "Ja, ja, das war doch klar!" Aber es ist vielen Leuten nicht klar, genauso wie es dieser Dame nicht klar war, was ich mit meinem Brief sagen möchte. Also dagegenhalten, immer weiter, und nicht aufgeben. Das ist unsere Pflicht. Sonst können wir einpacken.