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Warum Menschen heute auf die Jagd gehen | BR24

© picture alliance/imageBROKER

Jägerin in Jagdkleidung mit Gewehr im Anschlag

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Warum Menschen heute auf die Jagd gehen

1.743 Personen haben sich bisher dieses Jahr in Bayern zur Jägerprüfung angemeldet. Gewöhnlich sind es jährlich um die 2.000, die lernen, ein Tier selbst zu töten und zu zerlegen. Was treibt Menschen heute an, einen Jagdschein zu machen?

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Ein Jäger auf der Pirsch mit Gewehr im Anschlag - so stellen sich viele die Jagd vor. Doch Berufsjäger Florian Pfütze widerspricht. "Schießen und Erlegen von Wild nimmt nur zwei Prozent meiner Zeit ein", sagt der erste Vorsitzende des Kreisjagdverbands Weilheim. Die meiste Zeit wende er für das Hegen und Pflegen der Tiere auf. "Ich lege Wildäcker an, pflanze Rosen, Verbissgehölze."

Selber jagen statt Billigfleisch

Florian Pfütze ist Jäger mit Leidenschaft. Er besitzt das Gut Achberg mitten im idyllischen Pfaffenwinkel in Oberbayern. Der Gutsherr will die seit mehreren Generationen bestehende Forstwirtschaft und den Jagdbetrieb in eine nachhaltige Zukunft führen. Dazu gehört für ihn auch, Jäger und Jägerinnen gut auszubilden. So finden auf seinem Landgut südlich von Weilheim Kurse zur Vorbereitung auf den Bayerischen Jagdschein statt.

Das Interesse sei groß und die Motivation der Teilnehmer eine andere als früher - längst gehe es nicht mehr darum, "Trophäen" zu schießen. "Wir haben einen Trend, eigenes Biofleisch selbst in der Natur zu erlegen", sagt Pfütze, "da weiß ich, was ich meiner Familie auf den Tisch bringe."

"Wenn im Supermarkt gehen ein anonymes Stück Fleisch vor mir liegt, weiß ich nicht, wie das aufgewachsen und geschlachtet worden ist. ich glaube ein Wildtier bei uns hat ein schönes Leben." Jan Pfeil, Teilnehmer am Jagdkurs

Was lernt man im Jagdkurs?

Der aktuelle Kurs, der circa ein Jahr dauert, ist mit 16 Personen voll belegt. Die zukünftigen Jägerinnen und Jäger nehmen sich für ihr neues Hobby viel Zeit. In zahlreichen Wochenend- und Abendkursen müssen 120 Theoriestunden absolviert werden. Neben Waffenkunde, rechtlichen Vorschriften und dem Jagdhundewesen spielt das Thema Naturschutz und Wildhege eine große Rolle.

In den Praxisteilen soll ein ganzes Jagdjahr miterlebt werden können, sagt Florian Pfütze: "Da wird Wildfutter gemacht, wir werden Sträucher und Bäume gepflanzt, ein Weiher freigeschnitten, damit der Biber nicht zu viel Schaden anrichtet, oder wir gehen auf Kitzsuche mit der Drohne."

Jägerinnen

Zwei der 16 Jagdscheinaspiranten sind Frauen. Vor 30 Jahren besaß kaum eine Frau einen Jadgschein, heute ist jeder fünfte Prüfling eine Frau. Ines Wagner aus Andechs will neue Erfahrungen sammeln, "weil ich denke dass es uns Menschen gut tut, in der wilden Natur zu sein, weil wir uns zu weit entfernt haben."

Wagner ist Tierheilpraktikerin und Huforthopädin für Pferde. Eigentlich ist sie fürs Heilen zuständig, und nicht fürs Töten. Zum Jagen muss man aber auch eine Waffe in die Hand nehmen und schießen. Im Kurs ist die 51-jährige noch nicht so weit, dass sie schießen musste. "Da hab ich schon Bedenken, ob ich das gut kann. Aber es gehört dazu, kranke Tiere aus dem Verkehr zu ziehen."

Wer nicht schießen will, muss das auch nicht tun. Drei Freunde aus Penzberg, 14 und 15 Jahre alt, sind die jüngsten Teilnehmer im Kurs. Sie haben keine Scheu vor der Waffe. "Kein Problem" findet Benedikt und sein Freund Johannes freut sich auf die Schießübungen. Jedoch ginge es ihm vor allem darum, in der Natur zu sein, als ums Schießen. Georg war bereits mit seinem Vater auf der Jagd und hält es für sinnvoll, bei zu hohen Beständen oder Krankheiten Wildtiere zu erlegen. "Da verwerte ich das Tier lieber, bevor es verreckt."

© Andreas Schümchen

Gutsherr Florian Pfütze, 1. Vorsitzender Kreisjagdverband Weilheim e.V.

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Lehrbücher für die Jägerprüfung

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Drei Freunde im Jagdkurs: Johannes, Benedikt und Georg aus Penzberg

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Jagdschülerin Ines Wagner, Tierheilpraktikerin und Köchin aus Andechs

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Wildgehege Gut Achberg

Stressfreies Fleisch

"Töten ist nicht schön, das ist klar", sagt Jäger Florian Pfütze. Aber es gebe Unterschiede zwischen der Jagd und dem "Massensterben" in der industriellen Fleischproduktion. " Jedes Tier in der Schlachtfabrik hat Angst, wir essen also Adrenalinfleisch", meint Pfütze. Von den Tieren, die er erlegt, bekäme er "stressfreies Fleisch".

Treibjagden, bei denen Tiere in Stresssituationen gebracht werden, gibt es zwar noch. Florian Pfütze lehnt diese aber vehement ab und hofft, dass die zukünftigen Jäger ein anderes Bedürfnis aus dem Jagdkurs mitnehmen. Jägerinnen und Jäger sind zertifizierte Naturschützer, darauf legt der Bayerische Jagdverband Wert.

Alle Kursteilnehmer sind sich einig: Sie wollen die Natur besser verstehen lernen. Doch nur etwa die Hälfte von ihnen wird nach dem Kurs erfahrungsgemäß weiter machen, weiß Florian Pfütze aus Erfahrung.